BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Bundesgesundheitsministerium will Apotheken bei der Dienstbereitschaft deutlich flexibler machen. Künftig soll die Bereitschaft an Werktagen bis zu sechs Stunden innerhalb der ortsüblichen Geschäftszeiten aufrechterhalten bleiben, statt wie bisher starr festgezurrte Fenster vorzuschreiben. Das könnte Wochenarbeitszeiten und Personaleinsatzmessbar entlasten, gleichzeitig aber die Versorgung in ländlichen Regionen belasten. Im Bundesrat ringen Gesundheitspolitik und Fachseite nun um präzisere Formulierungen, damit die Präsenz in der Fläche nicht verloren geht.

Apotheken sollen ihre Öffnungszeiten künftig stärker an Nachfrage und Personalverfügbarkeit anpassen können. Der konkrete Hebel liegt in einer geplanten Änderung der Dienstbereitschaft: Statt die Versorgung über feste Zeitfenster mit Befreiungen von der ständigen Dienstbereitschaft zu organisieren, soll die Bereitschaft an einem oder mehreren Tagen in der Zeit von Montag bis Freitag für jeweils bis zu sechs Stunden während der ortsüblichen Geschäftszeiten aufrechterhalten bleiben. Damit verschiebt sich die Logik von „Uhrzeiten als Pflicht“ hin zu „Uhrzeiten als variables Sicherheitsnetz“. Das Bundesgesundheitsministerium bringt dazu eine Verordnung am 10. Juli in den Bundesrat ein.
In der Praxis bedeutet das, dass Apotheken ihre Ladenöffnungszeiten künftig deutlich freier festlegen können. Der Reformvorschlag zielt zugleich auf einen flexibleren Personaleinsatz: Wenn weniger Zeit als starre Dienstverpflichtung gilt, können Schichtmodelle so geplant werden, dass Mitarbeitende besser zu Kundenströmen, Urlaubsperioden oder regionalen Peaks passen. Die Berichte zur Reform nennen als Größenordnung mögliche Einsparungen, falls die neuen Spielräume breit genutzt werden. Genannt wird, dass sich bei voller Ausschöpfung die Wochenöffnungszeiten um rund 25,5 Stunden reduzieren könnten. Für Arbeitgeber ist das ein relevanter Faktor, weil Apotheken in der Regel stark personalintensiv arbeiten.
Technisch und organisatorisch verschiebt sich dadurch vor allem der Planungsaufwand: Dienst- und Öffnungszeiten müssen noch enger mit Dienstkalendern, Vertretungsregeln und der Verpflichtung zu Notdiensten über Nacht, an Wochenenden sowie an Feiertagen verzahnt werden. Bisher ist das Modell so gebaut, dass Apotheken im Wechsel Notdienste übernehmen, während die übrigen Standorte von der Dienstbereitschaft ganztägig befreit sind, aber bestimmte Zeiten weiterhin abdecken müssen. Künftig soll diese zeitliche Begrenzung stärker „in den laufenden Betrieb“ eingebettet werden. Für Apotheken heißt das: IT-gestützte Dienstplanung und transparente interne Prozesse werden noch wichtiger, damit die Versorgungssicherheit nicht nur auf dem Papier, sondern im Alltag funktioniert.
Auch Samstag steht unter Anpassungsdruck. Vorgesehen ist, dass Apotheken künftig für bis zu drei Stunden öffnen dürfen; bisher gilt dafür eine feste Spanne von 8.00 bis 14.00 Uhr. Zusätzlich bleibt die Pflicht bestehen, dass nicht dienstbereite Apotheken an deutlich sichtbarer Stelle einen Hinweis auf die nächstgelegenen dienstbereiten Apotheken anbringen müssen. Diese Informationspflicht wirkt wie ein „Sicherheitslayer“ im operativen Betrieb: Kunden sollen schnell die richtige Anlaufstelle finden, auch wenn ein Standort kurzfristig keine Dienstbereitschaft erfüllt. Für den Vergleich: Digitale Wettbewerber wie Versandapotheken oder Online-Routenplaner verbessern die Erreichbarkeit über digitale Kanäle, ersetzen aber nicht die Präsenz, wenn kurzfristig Arzneimittel vor Ort benötigt werden.
Die Markt- und Versorgungswirkung hängt daher stark von der regionalen Umsetzung ab. Der Hintergrund ist eindeutig: In Zeiten, in denen lokale Kundenströme gering sind, sollen sich Apotheken bereits aus der Dienstbereitschaft befreien können. Berichten zufolge lasse die Verordnung Raum, dass viele Standorte in solchen Phasen zusätzliche Öffnungszeiten-Modelle wählen. Wie viele Standorte das tatsächlich nutzen werden, lässt sich schwer abschätzen. Genannt wird jedoch ein Effekte-Szenario: Wenn 1.000 Apotheken ihre Öffnungszeiten um zwölf Stunden wöchentlich reduzieren würden, könnten rund 40 Millionen Euro an jährlichen Personalkosten eingespart werden. Solche Rechenmodelle sind für die Politik attraktiv, weil sie Entlastung quantifizieren, aber sie sagen noch nichts über Versorgungsqualität in einzelnen Kommunen.
Genau dort setzt die Kritik an. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz warnt vor möglichen Verschlechterungen des Angebots, insbesondere in ländlichen Regionen. In einem Beitrag wurde sinngemäß betont, dass mehr Flexibilität bei Öffnungszeiten in Ballungsräumen eher zu verantworten sei, während die Flächenversorgung einer besonderen Absicherung bedarf. Als Vergleichsfolie ist das auch nachvollziehbar: In dicht besiedelten Gebieten ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Kundinnen und Kunden alternative Standorte in kurzer Distanz erreichen. Auf dem Land kann die nächste „dienstbereite“ Apotheke jedoch deutlich weiter liegen, was Fahrzeiten und Wartewege erhöht. Für Politik und Verbände ist das der zentrale Zielkonflikt: Wirtschaftliche Entlastung ja, aber ohne „Aushöhlung“ der Erreichbarkeit.
Auch der Bundesrat sieht Nachschärfungsbedarf. Der Gesundheitsausschuss regt eine präzisere Neuregelung an, weil im Verordnungstext von „ortsüblichen Geschäftszeiten“ die Rede ist, ohne zu definieren, wie diese ermittelt werden und was passiert, wenn es vor Ort faktisch keine anderen Geschäftszeiten als Referenzpunkte gibt. Damit entsteht eine praktische Auslegungsfrage: Soll „ortsüblich“ aus historischen Meldungen, Frequenzdaten oder aus Musteröffnungszeiten abgeleitet werden? Das ist für Apotheken relevant, weil davon abhängt, ob sie Spielräume tatsächlich nutzen können oder ob Behörden im Einzelfall enger interpretieren. Der Vorschlag lautet daher, dass in der Regel eine Dauer von täglich sechs Stunden zwischen 8.00 und 18.00 Uhr im Zeitraum von Montag bis Freitag gelten soll.
Für die Zukunft wird entscheidend sein, wie Behörden die Regeln anwenden und wie Apotheken ihre Kommunikation nach außen organisieren. Unternehmen in der Apothekerbranche werden daraus außerdem einen Bedarf an besserer Steuerung ableiten: Dienstpläne müssen, je nach Region, häufiger aktualisiert und stärker dokumentiert werden. Gleichzeitig wächst der Druck, die Versorgungssicherheit anhand nachvollziehbarer Kriterien zu belegen, etwa über transparente Vertretungswege und eine konsequente Hinweise-Logik bei nicht dienstbereiten Standorten. Wenn die Formulierungen im Bundesrat so nachjustiert werden, kann die Reform die Personalkosten spürbar senken, ohne die Flächenpräsenzen zu riskieren. Sollte das nicht gelingen, drohen gegenläufige Effekte: mehr betriebliche Flexibilität, aber weniger Verlässlichkeit für Patientinnen und Patienten außerhalb der Ballungsräume.
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