LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Smartphone-Studie zeigt, dass „innere Leere“ nicht zwingend ein starres Persönlichkeitsmerkmal ist: Sie kann von Tag zu Tag stärker schwanken als erwartet. Wer im Mittel höhere Leere berichtet, zeigt demnach häufiger Identitätsstörungen. Überraschend ist zudem ein positiver Zusammenhang zwischen durchschnittlicher Leere und Empathiefähigkeit. Gleichzeitig hängen starke Ausschläge der Leere mit Problemen bei Nähe und Emotionsregulation zusammen.

Smartphone-Studie: Gefühl von Leere schwankt – und hängt mit Empathie zusammen
Smartphone-Studie: Gefühl von Leere schwankt – und hängt mit Empathie zusammen (Foto: IT BOLTWISE)
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Menschen, die häufig eine „innere Leere“ beschreiben, gelten in der Praxis oft als dauerhaft betroffen. Die neue Untersuchung von Amanda A. Uliaszek und Kolleginnen und Kollegen stellt diese Sicht zumindest teilweise infrage: Statt Leere als unveränderliches Persönlichkeitsmerkmal zu behandeln, messen die Forschenden, wie sich das Gefühl im Alltag über 14 Tage entwickelt. Das Studiendesign nutzt Experience Sampling direkt auf dem Smartphone. Dadurch wird Leere als Zustandsgröße sichtbar – mit Tages- und Stundenvarianz –, während zugleich bleibt, dass bestimmte Personen im Mittel deutlich höhere Werte zeigen.

Ausgangspunkt ist die Diagnostik nach heutigen Leitlinien. In den gängigen klinischen Manuals taucht das Gefühl von Leere zwar als Symptom auf, etwa im Kontext der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Dort wird es jedoch typischerweise als chronisch und eher konstant gefasst. Genau diese Annahme führt in der Forschung zu einer Lücke: Wenn ein Symptom als „dauerhaft“ gilt, misst man häufig nicht systematisch, wie es innerhalb einer Person über Zeit schwankt. Die Autoren argumentieren damit indirekt gegen ein reines Trait-Narrativ und für eine differenziertere Betrachtung von Zustand und Persönlichkeit.

Psychologisch wird Leere zudem selten isoliert betrachtet. Frühere Arbeiten hatten die Erfahrung von Leere mit Depression, Angst sowie einem allgemeinen Mangel an Lebenssinn in Verbindung gebracht. Ein wichtiger Kontext ist dabei die Idee dimensionaler Persönlichkeitsmodelle: Ungesunde Persönlichkeitsausprägungen lassen sich grob zwei Funktionsbereiche zuordnen – erstens die Art, wie Menschen sich selbst sehen (Selbstlenkung, kohärente Identität), und zweitens die Art, wie sie zu anderen in Beziehung treten (Intimität, Empathie). Leere wirkt in dieser Logik wie ein Bindeglied, weil sie sowohl Entkoppelung vom Selbst als auch ein Gefühl sozialer Distanz betonen kann.

Technisch-methodisch setzt die Studie auf Experience Sampling. Dazu erhalten 113 Teilnehmende im Abstand von vier zufälligen Zeitpunkten pro Tag auf ihrem Smartphone kurze Erhebungsanfragen. Insgesamt wird so über tausende Messzeitpunkte hinweg festgehalten, wie stark in der vorherigen Stunde Traurigkeit, Wut, Angst und Leere gefühlt wurden. Die Skala reicht von 1 (gar nicht) bis 7 (sehr stark). Vor Beginn füllten die Teilnehmenden außerdem Fragebögen zu Basis-Persönlichkeit und Emotionsregulation aus. Die Kernauswertung trennt dadurch zwei Ebenen: einen durchschnittlichen (baseline) Leere-Score und die individuelle Schwankungsbreite (Variabilität) der Leere.

Die Ergebnisse zeigen zunächst den erwartbaren Pfad: Wer im Mittel höhere Leere berichtet, hat deutlich häufiger Identitätsprobleme. Besonders stark prädiziert ein Merkmal, bei dem Betroffene das Gefühl schildern, überhaupt keine stimmige Identität zu besitzen, eine stärker „chronische“ Leere in ihrem Tagesverlauf. Interessant ist dabei, dass nicht jede angenommene Folge gleich gut bestätigt wird: Ein Mangel an Selbststeuerung (self-direction) sagt Leere offenbar weniger zuverlässig voraus als die Identitätskomponente. Das ist für die Praxis relevant, weil „Ziel- und Sinnlosigkeit“ zwar häufig mit Leere einhergehen, die Daten jedoch nahelegen, dass Identitätseinbruch eine spezifischere Rolle spielt.

Noch spannender wird es in der zweiten Ergebnisdimension: der Instabilität. Teilnehmende, bei denen Leere stark nach oben und unten schwankt, berichten häufiger Schwierigkeiten in zwischenmenschlicher Nähe. Das Muster wirkt wie ein Wechselspiel aus sozialer Rückkopplung: Wer Intimität und beständige Beziehungen als unsicher erlebt oder sich stärker an die jeweilige Interaktion anpasst („Spiegeln“ von Verhaltensweisen), für den kann das innere Erleben stärker von wechselnden sozialen Signalen getrieben sein. Parallel dazu hängt Variabilität mit Problemen der Emotionsregulation zusammen: Die Teilnehmenden geben an, weniger wirksame Strategien zur Bewältigung negativer Emotionen zu haben und Gefühle schlechter differenzieren zu können. In der Konsequenz kann Verwirrung eher in Rückzug münden.

Auch der Affektkontext liefert eine klare Kopplung. In den täglichen Protokollen treten höhere Werte von Traurigkeit, Angst oder Wut zeitgleich mit mehr Leere auf. Von den gemessenen Emotionen ist Traurigkeit jedoch der engste Prädiktor: Der baseline-Wert von Traurigkeit sagt als einziger robust auch den baseline-Wert von Leere voraus. Diese Überlappung bietet eine plausible Erklärung dafür, warum klinische Depression so oft von Beschwerden begleitet wird, die Betroffene als „inneren Hohlraum“ erleben. Gleichzeitig bleibt die Kausalrichtung offen, weil die Studie ohne Zeitverzögerungsanalyse arbeitet: Sie zeigt Korrelationen im Verlauf, nicht wer „zuerst“ da war.

Dann kommt der bemerkenswerte Gegenakzent, der in vielen Debatten über Leere leicht untergeht: In der Auswertung der Basiswerte fanden die Forschenden einen positiven Zusammenhang zwischen durchschnittlicher Leere und Empathiefähigkeit. Die Autoren interpretieren das so, dass Menschen, die sich selbst leer fühlen, anderen gegenüber gelegentlich besonders „tief“ reagieren können. Dann könnte Leere als Zustand zwar Entfremdung von sich selbst enthalten, aber gleichzeitig die Fähigkeit verbessern, sich in fremdes Leid hineinzuversetzen und es besser zu erkennen. Wichtig ist aber die Vorsicht: Da die Studie im allgemeinen Bevölkerungsstichprobe stattfand und die Messung nur eine einzelne Leere-Frage genutzt hat, braucht dieser Befund Replikation in anderen Gruppen und mit differenzierteren Skalen.

Als Limitierung nennen die Autoren unter anderem die Messweise: Leere wird im Moment über eine einzelne Frage erfasst, statt über ein mehrteiliges Instrument, das Nuancen (z. B. emotionale Taubheit versus existenzielles Sinnloch) differenzieren könnte. Dazu kommt, dass die Stichprobe aus der Allgemeinbevölkerung kam und daher tendenziell niedrigere Ausgangswerte negativer Affekte zeigt. In klinischen Populationen könnten die Zusammenhänge intensiver oder anders verteilt sein. Schließlich bleiben Zeitrichtungen unklar, weil die Studie nicht testet, ob auf einen Leere-Anstieg später Traurigkeit folgt oder umgekehrt. Für die Forschung heißt das: Wenn man den „Mechanismus“ verstehen will, müssen künftige Designs stärker auf zeitliche Dynamiken und mehrere Messdimensionen setzen.

Für die Industrie und die psychologische Technologie ist der Ansatz trotzdem ein Blaupause-Use-Case. Smartphone-gestütztes Experience Sampling ist im Kern ein „Metrik-System“: Es schafft hochfrequente Daten, die man mit Persönlichkeitsprofilen und Emotionsregulations-Scores verknüpfen kann. In Analogie zu KI-gestützten Monitoring-Systemen lassen sich hier später auch prädiktive Modelle aufbauen, etwa um gefährliche Kombinationen aus Instabilität, Traurigkeitsspitzen und Rückzugstendenzen früh zu erkennen. Gleichzeitig verlangt die Anwendung strenge Datenschutz- und Sicherheitsarchitektur: Solche Erhebungen berühren sensible Gesundheitsdaten, benötigen klare Einwilligung, minimale Datenerhebung und nachvollziehbare Datenverarbeitung. Wenn Anbieter das berücksichtigen, kann die Methodik künftig helfen, Diagnostik und Therapie stärker zustandsorientiert zu machen – also nicht nur „wer hat das Symptom?“, sondern „wann wird es akut und warum?“


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