DEUTSCHLAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Postbank Wohnatlas 2026 identifiziert 51 Regionen, in denen sich Eigentumswohnungen im Bestand besonders günstig im Verhältnis zu den Mieten erwerben lassen. Entscheidend sind reale Preis-Aussichten bis 2035 von mindestens 0,6 Prozent pro Jahr sowie ein Kaufpreisniveau, das 2025 unter 25 Jahresnettokaltmieten lag. Die Studie zeigt zugleich, wo der Markt bereits stark „eingepreist“ wirkt und sich Investitionen beim Wiederverkauf riskant entwickeln können. Damit liefert sie Käufern und Investoren eine handfeste Kennzahl-Logik statt Bauchgefühl.

Wer in Deutschland eine Eigentumswohnung im Bestand kaufen will, bekommt derzeit zumindest in Teilen des Landes Rückenwind. Der Postbank Wohnatlas 2026, erstellt durch das Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) im Auftrag der Postbank, kommt zu einem konkreten Befund: In 51 von 400 untersuchten Regionen gibt es „sehr gute Investitionschancen“ – elf mehr als im Vorjahr. Hinter der Formulierung stecken zwei messbare Bedingungen: Bis 2035 werden reale, also inflationsbereinigte Wertzuwächse von 0,6 Prozent oder mehr pro Jahr erwartet. Gleichzeitig ist das Kaufpreisniveau im Verhältnis zu den Mieten moderat.
Das zentrale Recheninstrument ist dabei der sogenannte Vervielfältiger, der ausdrückt, wie viele Jahresnettokaltmieten für eine vergleichbare Eigentumswohnung im Bestand aufzubringen sind. 2025 lag dieser Wert im Durchschnitt über alle Landkreise und kreisfreien Städte bei 24,4; ein Jahr zuvor betrug er 24,8. Entscheidend ist die Richtung: Als „kaufpreisgünstiger“ gilt es vor allem dann, wenn Mietkosten stärker steigen als Kaufpreise. Genau dieses Muster findet sich in mehr als der Hälfte der Regionen. Zusätzlich nimmt der Vergleich eine Belastung aus dem Blick, weil er nominale Preisbewegungen mit der laufenden Wohnkostenlogik koppelt.
Auch die makroökonomische Einordnung fällt relativ klar aus. Die Studie berichtet, dass die Nettokaltmieten 2025 über alle Landkreise und kreisfreien Städte inflationsbereinigt um 2,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen sind. Der reale Kaufpreis für eine Eigentumswohnung im Bestand lag hingegen nur rund 0,6 Prozent über dem Niveau von 2024. Dadurch verbessert sich der Kauf-Miet-Vergleich, selbst wenn absolute Immobilienpreise weiterhin anspruchsvoll sind. Technisch betrachtet übersetzt dieser Ansatz den Markt in ein Verhältnismaß, das sich wie ein „Preisanker“ gegen Erwartungen verhält: Steigen die Mieten stärker, verschiebt sich die Rentabilitätsrechnung für Selbstnutzende häufig früher als beim reinen Blick auf Kaufpreisindizes.
Vergleicht man das mit anderen Marktindikatoren, wird der Mehrwert deutlich. Marktnahe Häuser wie ImmobilienScout24, große Research-Teams von Instituten oder Datenanbieter wie empirica oder Bulwiengesa veröffentlichen zwar regelmäßig regionale Preis- und Mietentwicklungen, doch selten wird die Logik „Kaufpreis gegen Jahresnettokaltmiete“ so konsequent in eine einzige Kennzahl verdichtet. Gerade für Unternehmen mit Immobilienbeständen oder für wohnungsnahe Portfoliomanager ist das relevant, weil sich Miet- und Kaufseite nicht getrennt optimieren lassen. Ein zusätzlicher Kontextpunkt aus der Studie: Für Käufe in Regionen mit hohem Vervielfältiger besteht das Risiko, dass zukünftige Preissteigerungen bereits im aktuellen Kaufpreis weitgehend enthalten sind – dann kann der Wiederverkauf enttäuschen.
In den sieben größten deutschen Städten („Big 7“) zeigt die Untersuchung eine spürbare Verschiebung. Dort sank der Vervielfältiger 2025 gegenüber dem Vorjahr um durchschnittlich 0,6 Jahresnettokaltmieten; in den übrigen Großstädten fiel das Minus mit 0,4 etwas moderater aus. In Mittelstädten lag der Rückgang bei 0,2. Für viele bedeutet das: Der Markt bewegt sich, aber nicht überall gleich. Der Postbank Wohnatlas verortet besonders hohe Vervielfältiger in Metropol- und Ferienregionen – und liefert damit ein Muster, das in der Vergangenheit immer wieder bei „Hotspots“ beobachtbar war: Je knapper Angebot und je höher die Erwartung an Nachfragewachstum, desto schneller preisen Preise die Zukunft ein, während Mieten zwar steigen, aber den Kauf-Miet-Vergleich nicht zwingend retten.
Ein besonders anschauliches Beispiel sind Ferienregionen an der Nordsee. Im Durchschnitt der sieben Landkreise des Nordseeküsten-Umfelds liegt der Kaufpreis bei 42,1 Jahresnettokaltmieten; im Vorjahr waren es noch zwei Jahresnettokaltmieten mehr. Am teuersten ist laut Studie der Kreis Nordfriesland, zu dem auch Amrum, Föhr und Sylt gehören: Käufer müssen dort durchschnittlich 62 Jahresnettokaltmieten aufbringen. Zwar gab es auch hier einen Rückgang um acht Nettokaltmieten gegenüber dem Vorjahr, doch der Abstand zur Mietseite bleibt groß. Ganz ähnlich problematisch können hohe Einstiegskennzahlen sein, wenn sich die Entwicklung der Mieten verlangsamt oder die Wiederverkaufsannahmen nicht eintreten.
Am Alpenraum und entlang der Ostseeküste setzt sich das Bild fort. Für die elf Landkreise des Alpenraums nennt der Atlas einen durchschnittlichen Vervielfältiger von 31,9; in Miesbach in Bayern liegt er mit 40,8 am höchsten in dieser Gruppe. An der Ostseeküste werden besonders hohe Werte für einzelne Landkreise sichtbar: Vorpommern-Rügen etwa kommt auf 43,4, Rostock sowie Vorpommern-Greifswald zählen zu den teuersten zehn Regionen im Verhältnis zur Miete. Aus Marktlogik folgt: In solchen Lagen sind Renditechancen stärker davon abhängig, wie realistisch die Miet- und Preispfade sind. Genau hier setzt die Studie mit der Warnung von Manuel Beermann an, Leiter Produktmanagement Immobilien der Privatkundenbank in Deutschland: Ein hoher Vervielfältiger sollte immer sorgfältig geprüft werden, weil Erwartungen beim Wiederverkauf kippen können.
Für die „Top 51“ zeigt die Studie zusätzlich, wie sich die Chancen verschieben, wenn man nicht nur auf die Gesamtdefinition „unter 25 Jahresnettokaltmieten“ schaut, sondern auf besonders niedrige Vervielfältiger. Zwölf Regionen erreichen Werte bis maximal 23. An der Spitze liegt der Wartburgkreis in Thüringen mit 17,5; zugleich erwarten die Fachleute bis 2035 reale Kaufpreissteigerungen von 0,9 Prozent pro Jahr. Mit Neumünster und Wuppertal folgen weitere Beispiele mit Vervielfältigern von 19 beziehungsweise 20,7. Unter den Regionen mit besonders starkem Preistrend bis 2035 nennt der Wohnatlas unter anderem Dahme-Spreewald mit 1,4 Prozent pro Jahr – ein Muster, das für Investoren und Selbstnutzer wichtig ist, weil der Hebel zwischen Einstiegspreis und langfristiger Dynamik hier am besten ausbalanciert wirkt.
In regulatorischer Hinsicht bleibt die Lage trotzdem anspruchsvoll. Der Kauf einer Wohnung hängt nicht nur von Preisen, sondern auch von laufenden Kostenfaktoren ab, etwa energetischen Sanierungspflichten, modernisierungsbezogenen Umlagefragen und dem Mietrecht, das die Tragbarkeit für Vermieter und die Wohnkosten für Mieter prägt. Wer diese Kennzahlen nutzt, sollte sie daher in eine Due-Diligence-Routine übersetzen: Welche Modernisierungsfahrpläne sind realistisch, wie sind Nebenkosten und Instandhaltung kalkuliert, und wie stabil sind die Mietniveaus im Umfeld? Zudem gilt bei jeder datengetriebenen Immobilienanalyse die Datenschutz-Praxis, falls Bestandsdaten, Mieterdaten oder kommunale Datensätze verarbeitet werden. So wird aus einer einzelnen Kennzahl eine robuste Entscheidungsgrundlage.
Der Ausblick lässt sich aus der Logik des Wohnatlas ableiten: Regionen werden nicht nur „teurer oder günstiger“, sondern sie ändern ihr Verhältnis zwischen Kaufseite und Mietseite. Wenn sich das Muster fortsetzt, könnten die 51 Regionen ihre Attraktivität als Einstiegspunkte behalten, weil reale Preissteigerungen mit moderaten Kaufpreisniveaus zusammenkommen. Gleichzeitig bleibt der Auswahlprozess entscheidend: Ein niedriger Vervielfältiger verbessert zwar häufig die Renditechancen, doch er kann auch auf strukturelle Risiken hinweisen, etwa schwächere Zuwanderungsdynamik oder begrenzte Liquidität am Wiederverkaufsmarkt. Für Käufer heißt das, den Atlas als Startpunkt zu nutzen und regionale Treiber mit eigenen Annahmen zu verknüpfen – etwa über Vergleichsabschlüsse, energetische Beschaffenheit und die lokale Mietentwicklung. Genau diese Kombination entscheidet, ob aus dem „guten Kauf“ langfristig ein echter Vermögenszuwachs wird.
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