BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Medienverband der freien Presse (MVFP) hat Lars Joachim Rose zum neuen Vorstandsvorsitzenden gewählt. In seiner Antrittsposition kritisiert er, dass freie Märkte für Sichtbarkeit, Reichweite und Refinanzierung journalistischer Inhalte zunehmend von wenigen Technologiegiganten kontrolliert werden. Besonders der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Inhaltsnutzung müsse fair geregelt und vergütet werden. Rose fordert dafür geschlossene Positionen innerhalb der Branche sowie engeren Austausch mit anderen Verbänden.

Lars Joachim Rose übernimmt im Medienverband der freien Presse (MVFP) die Rolle als Vorstandsvorsitzender. Die turnusmäßige Wahl fiel laut Verband einstimmig aus und markiert einen personellen Wechsel an der Spitze eines einflussreichen Branchenakteurs. Der MVFP gilt als größter Zeitschriftenverleger-Verband Europas und vertritt rund 350 Verlage. Die Amtszeit wurde auf vier Geschäftsjahre festgelegt, was dem Verband Planungssicherheit für Verhandlungen, aber auch Zeit für nachhaltige Positionierung gibt. Rose folgt damit auf Philipp Welte, der nach einer Amtsperiode nicht erneut kandidierte und bis Ende 2025 im Vorstand des Münchner Medienkonzerns Burda aktiv war.
Personell wurde der Vorstand gleichzeitig breiter aufgestellt: Alfons Schröder (Heise) übernimmt den Posten als Vorstand und Schatzmeister, außerdem wurden Thomas Hass (Spiegel), Holger Knapp (Sternefeld Medien), Detlef Koenig (mhp Verlag), Elisabeth Varn (Burda Verlag) sowie Frank Zeithammer (Evangelische Gemeindepresse Stuttgart) als Vorstände gewählt. Der MVFP kommuniziert diese Zusammensetzung als Stärke für die nächste Phase der Verbandsarbeit. Hinter dieser Struktur steht ein klassisches Verbandsinteresse: unterschiedliche Verlagstypen, unterschiedliche Geschäftsmodelle und damit ein gemeinsames Verhandlungsmandat. Gerade bei digitaler Distribution und KI-gestützter Inhaltsverarbeitung wird kollektive Abstimmung oft erst dann effektiv, wenn viele Häuser mitziehen können.
Inhaltlich setzt Rose gleich zu Beginn einen Schwerpunkt auf Markt- und Plattformmacht. Er argumentiert, die „freien Märkte“ funktionierten nicht mehr wie gedacht, weil wenige Technologiegiganten Reichweite, Sichtbarkeit und Refinanzierung journalistischer Inhalte dominiert hätten. Entscheidend ist dabei die Kopplung zwischen Distribution und Wertschöpfung: Wenn Plattformen darüber entscheiden, welche Inhalte auffindbar sind und wie Nutzer sie konsumieren, dann wird die wirtschaftliche Basis der Verlage langfristig unter Druck gesetzt. Rose bringt zusätzlich den KI-Aspekt ins Spiel: Künstliche Intelligenz nutze Inhalte, ohne dass die Verwendung fair geregelt und vergütet werde. Damit verknüpft er zwei Debatten, die in der Praxis immer öfter zusammenlaufen.
Technisch lässt sich das Spannungsfeld gut einordnen: KI-Systeme trainieren oder verarbeiten Inhalte, um Muster zu lernen, Antworten zu generieren oder Such- und Empfehlungsergebnisse zu verbessern. Die meisten in der Branche beobachtbaren Workflows bewegen sich heute entlang eines Kontinuums aus „Training“ und „Nutzung“: von der Verarbeitung großer Korpora bis zur späteren Auswertung für Retrieval, Zusammenfassungen oder Analysefunktionen. Im Unterschied zu klassischen redaktionellen Wiederverwendungen sind die Datenflüsse bei KI schwerer nachzuvollziehen. Genau deshalb fordert der MVFP eine Regelung, die nicht nur Lizenzen für bestimmte Produkte adressiert, sondern auch den Einsatz von KI-Methoden, die auf journalistischem Output aufbauen. Das ist auch ein Vergleichsmaßstab für Ansätze wie bei Google Discover oder Microsoft Copilot, die jeweils unterschiedliche Integrations- und Lizenzmodelle verfolgen.
Marktseitig verschiebt sich die Machtbalance: Verlage erhalten Erlöse zunehmend indirekt über Werbe-Umschlagsprozesse, Traffic-Auktionen und Plattform-Intermediäre, während die Wertschöpfungsschritte bei KI-gestützten Services oft stärker bei den Plattformbetreibern liegen. Branchenexperten berichten, dass sich die Verhandlung über Vergütung dadurch von reinen Verbreitungsfragen zu Fragen über „Abstraktion“ verschiebt: Nicht der vollständige Artikel, sondern Textauszüge, Zusammenfassungen, semantische Treffer und Nutzungsdaten werden monetarisierbar. Rose stellt dabei nicht nur eine Forderung an einzelne Verlage, sondern an die Geschlossenheit des MVFP und an einen engeren Schulterschluss mit anderen Verbänden. Ähnliche Muster sieht man auch in anderen europäischen Debatten, in denen Verlegergruppen gemeinsame Rahmen für Content-Lizenzierung entwickeln.
Historisch knüpft der MVFP an Jahre juristischer und politischer Auseinandersetzungen an: Schon bei der Diskussion um Leistungsschutzrechte, später bei europäischer Urheberrechtsgesetzgebung und schließlich bei Verfahren zur Online-Nutzung journalistischer Inhalte stand immer wieder die Frage im Zentrum, wer vom Zugriff auf Inhalte profitiert. Neu ist vor allem die Geschwindigkeit und Skalierung, mit der KI-Modelle Inhalte in neue Produktformen überführen. Das verschärft die Verhandlungsrealität, weil die technische Nutzung häufig in größeren Ökosystemen passiert und nicht als klar abgrenzbares Einzelangebot. Dazu kommt, dass in der Praxis die Grenze zwischen „Indexierung“, „Training“, „Inference“ und „Personalisierung“ fließend sein kann. Aus Sicht von Verlagen heißt das: Ohne klare Standards drohen Grauzonen, die wirtschaftliche Risiken verstetigen.
Regulatorisch und datenschutztechnisch wird das Thema zusätzlich komplizierter. Für Künstliche Intelligenz spielen neben Urheberrecht auch Fragen der Datenverarbeitung eine Rolle, etwa wenn Systeme Nutzersignale aus Such- und Empfehlungsumgebungen berücksichtigen. Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) verlangt dabei eine belastbare Rechtsgrundlage, Zweckbindung und Transparenz über Verarbeitungsvorgänge. Für Medienunternehmen ist relevant, ob KI-Modelle oder Plattform-Services personenbezogene Daten in Trainings- oder Betriebsabläufen verwenden und wie diese Prozesse dokumentiert werden. Gerade weil Reichweite und Refinanzierung über Plattformen laufen, können sich Datenschutzanfragen und Lizenzverhandlungen gegenseitig beeinflussen: Wer Inhalte bereitstellt, will häufig gleichzeitig Sicherheit, dass Nutzung und Datenflüsse kontrollierbar bleiben.
Der weitere Ausblick des MVFP dürfte vor allem von zwei Faktoren abhängen: Erstens, ob Verlage gemeinsame technische und rechtliche Schnittstellen definieren können, um KI-Nutzung messbarer und verhandelbar zu machen. Zweitens, ob europäische Konsumentenschutz- und Urheberrechtslogik auch in den Betrieb digitaler KI-Produkte übersetzt wird. Rose deutet an, dass kein einzelner Verlag die großen systemischen Fragen lösen könne. Für die Branche bedeutet das konkret: Der nächste Schritt ist weniger „Einzellizenz“, sondern mehr Rahmenvertrag, der unterschiedliche KI-Anwendungsfälle abdeckt. In den kommenden Monaten ist daher zu erwarten, dass der MVFP seine Position gegenüber großen Plattformen weiter schärft und sich stärker an Wettbewerbs- und Regulierungsdebatten beteiligt, um Planungssicherheit für Investitionen in Journalismus zu schaffen.
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