BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine ukrainische Delegation unter Leitung von Natalia Kozlovska besucht Berlin, um Neubauprojekte und den kommunalen Wohnungsbauansatz der STADT UND LAND kennenzulernen. Im Fokus steht die Besichtigung der Buckower Felder und eines der größten Quartiersvorhaben des Unternehmens. Der Austausch wird von der Senatsverwaltung fachlich und politisch koordiniert und durch die GIZ unterstützt. Besonders im Gespräch: Wie sich Berliner wohnungswirtschaftliches Know-how aus standardisierten Gebäudetypologien für den Wiederaufbau der Ukraine nutzbar machen lässt.

Am 1. Juli 2026 begrüßte die STADT UND LAND Wohnbauten-Gesellschaft mbH in Berlin eine ukrainische Delegation, angeführt von Natalia Kozlovska, stellvertretende Ministerin für die Entwicklung der Gemeinden und Territorien der Ukraine. Was nach einem klassischen Fachbesuch klingt, zielt in der Praxis auf etwas Grundsätzlicheres: den Transfer von Bau- und Quartierswissen zwischen zwei sehr unterschiedlichen Kontexten. Die Gäste machten sich vor Ort mit aktuellen Neubauprojekten vertraut und erhielten zugleich einen Einblick in die Rolle kommunaler Wohnungsunternehmen bei der Bereitstellung bezahlbaren Wohnraums.
Ein zentraler Programmpunkt war die Besichtigung der Buckower Felder. In diesem Neubauquartier zeigte STADT UND LAND, wie Entwicklung, Förderung und soziale Infrastruktur ineinandergreifen. Dazu gehörten Erläuterungen zum geförderten Wohnungsbau, zur Quartiersentwicklung sowie zu Konzepten nachhaltiger Stadtentwicklung. Auffällig ist dabei die strukturelle Logik: Quartiere werden nicht nur als Ansammlung von Gebäuden geplant, sondern als dauerhaft funktionierendes System aus Wohnungen, Mobilität, sozialen Angeboten und baulicher Weiterentwicklung. Die Begleitung durch das Unternehmen umfasste organisatorische Unterstützung, fachliche Führung und Gesprächsräume.
Der Besuch war eingebettet in ein Fachprogramm, das von der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen begleitet wurde. Unter der Koordination von Dr. Jochen Lang, Leiter der Abteilung Wohnen und Stadterneuerung, erhielten die Teilnehmenden Einblicke in die Berliner Wohnungspolitik, die Wohnraumförderung sowie die Arbeit landeseigener Wohnungsunternehmen. Organisiert wurde der Austausch mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Damit trifft ein operatives Baustellen- und Quartiersverständnis auf politische Steuerungslogik: Wer Wohnraum schaffen will, braucht sowohl konkrete Projektumsetzung als auch nachvollziehbare Förder- und Finanzierungsmechanismen.
Für die inhaltliche Tiefe sorgte der interdisziplinäre Zuschnitt des Programms: Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung, Finanzierungsinstitutionen und Wohnungswirtschaft diskutierten die Rolle landeseigener Unternehmen bei der Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum, die Instrumente der Wohnraumförderung sowie Finanzierungs- und Vermietungsmodelle im Berliner Markt. Im Wettbewerb der Branche stehen solche Modelle unter Druck, weil Investoren wie auch große Player der Wohnungswirtschaft ihre Portfolios optimieren, während gleichzeitig regulatorische Anforderungen und Baukosten steigen. Als Vergleich lässt sich die strategische Ausrichtung großer Wohnungsanbieter in Deutschland heranziehen: Sie investieren ebenfalls in Neubau und Modernisierung, setzen jedoch häufig stärker auf Skalierung und kapitalmarktnahe Steuerung als auf lokal kuratierte Quartierslogik.
Historisch ordnet sich der Austausch in eine frühere Zusammenarbeit ein: STADT UND LAND hatte bereits im Rahmen des Projekts „Typenhaus Ukraine“ wohnungswirtschaftliche Expertise eingebracht und Planungsunterlagen sowie Know-how kostenfrei zur Verfügung gestellt. Die Idee dahinter ist besonders relevant, weil Wiederaufbau in der Praxis selten dort beginnt, wo Daten und Standards schon vorhanden sind. Statt jedes Mal bei null anzusetzen, verfolgt das Kompetenzzentrum Grodsiedlungen einen Ansatz standardisierter Gebäudetypologien: Sie sollen sich schnell realisieren lassen, an lokale Rahmenbedingungen anpassen und gleichzeitig langfristig nutzbar bleiben. Experten aus der Wohnungswirtschaft betonen, dass solche Typologien den Engpass zwischen Entwurfsarbeit und Bauausführung verkürzen können, sofern Qualität, Kostentransparenz und Zulassungswege früh mitgedacht werden.
„Wir freuen uns über das Interesse aus der Ukraine, insbesondere zu unserem Typenhaus. Bereits seit einigen Jahren kooperieren wir über das Kompetenzzentrum Großsiedlungen mit der Fachwelt in der Ukraine. Sämtliche unser Planungsunterlagen zum Typenhaus werden auch weiterhin kostenlos für die Kolleginnen und Kollegen in der Ukraine zur Verfügung gestellt“, sagte Ingo Malter, Geschäftsführer der STADT UND LAND. Diese Art von Wissenstransfer ist auch strategisch: In vielen Wiederaufbauprogrammen entstehen Verzögerungen, wenn Dokumentationsstände, Qualitätsanforderungen und Bauprozessdaten nicht einheitlich verfügbar sind. Dabei spielt auch Digitalisierung eine Rolle, selbst wenn der Kern des Projekts baulich bleibt: Einheitliche Bauunterlagen erleichtern spätere Übertragungen, Variantenplanung und Schulungen von lokalen Teams.
Technisch betrachtet lohnt der Blick auf die Unterscheidung zwischen „Bauform“ und „Bauprozess“. Ein Gebäudetyp löst noch nicht automatisch das Problem der Umsetzung unter neuen Rahmenbedingungen; er muss in Planungs- und Genehmigungsabläufe überführt werden. Genau hier kann Berlin als Referenz dienen: Die Gäste diskutierten Instrumente der Wohnraumförderung und Vermietungsmodelle – also die Frage, wie ein fertiggestelltes Quartier auch langfristig bezahlbar bleibt. Für die Ukraine bedeutet das: Typologien sind nur ein Baustein, während Finanzierung, Belegungslogik und Betreiberstrukturen mindestens ebenso entscheidend sind. Aus Regulierungssicht kommen ergänzend Bau- und Brandschutzvorgaben hinzu sowie bei digitaler Planung auch Datenschutzthemen, etwa wenn während der Projektsteuerung personenbezogene Daten in Schnittstellen oder Plattformen gelangen.
Aus Marktsicht wird die Bedeutung des Austauschs besonders sichtbar, wenn man Timing und Skalierung zusammendenkt. Wiederaufbauprogramme stehen unter Zeitdruck, aber sie scheitern oft an der Kette aus Beschaffung, Fachkräften, Genehmigungen und standardisierbaren Lieferumfängen. Standardisierte Gebäudetypologien können diese Kette entlasten, wenn sie mit verlässlichen Planungsunterlagen, klaren Schnittstellen und einer anpassungsfähigen Parametrisierung für lokale Anforderungen einhergehen. Für Entwicklerinnen und Entwickler in der Wohnungswirtschaft ergibt sich daraus ein unmittelbares Betätigungsfeld: von Planungs- und BIM-Workflows über Qualitäts- und Monitoring-Ansätze bis hin zu Metriken, die Betrieb und Instandhaltung unterstützen. Der heutige Austausch ist deshalb mehr als ein Besuchstag—er kann als Blaupause für weitere Transferprojekte dienen, sobald Ukraine-spezifische Anpassungen und Koordinationsmechanismen festgezogen werden.
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