SHEFFIELD / LONDON (IT BOLTWISE) – ITM Power weist einen Auftragsbestand von rund 170 Millionen Pfund aus, während Analysten den fairen Wert zwischen 53 und 200 Pence aufspannen. Im Interview stellt Dr. Robert Sasse vor allem die Kombination aus operativer Reife in Sheffield und konsequenten Insiderkäufen in den Mittelpunkt. Entscheidend sei jedoch, ob sich die Pipeline in echte, bezahlte Aufträge übersetzt. Bis dahin bleibt die Aktie ein Spannungsfeld aus Cash-Burn, Politik-Zeitplan und Wettbewerbsdruck durch günstigere chinesische Anbieter.

ITM Power bleibt ein Paradebeispiel dafür, wie stark Märkte Erwartungswerte von überprüfbaren Fortschritten trennen können. Während das Unternehmen einen Auftragsbestand von etwa 170 Millionen Pfund nennt, fällt die Bewertung der Aktie in der Analyse-Community auseinander: Der Konsens reicht grob von 53 bis 200 Pence, also mehr als das Vierfache. Für Anleger ist das selten nur “Stimmungsrauschen”, sondern ein Hinweis auf eine echte Unsicherheit in der Annahme-Kette: Aus geplanten Kapazitäten werden Aufträge, aus Aufträgen werden Zahlungen, und aus Zahlungen wird belastbarer Cashflow. Genau an dieser Stelle setzt das Interview mit Dr. Robert Sasse an.
Technisch betrachtet verschiebt sich die Debatte weg von der reinen Ankündigung und hin zur Produktionsrealität. In Sheffield geht es laut der Einschätzung von Dr. Sasse nicht um Prototypen-Rhetorik, sondern um Serienfähigkeit: Die Erstpassrate im Fabriktest sei von unter 50 Prozent auf 98 Prozent gestiegen. Das ist mehr als eine Kennzahl für “Qualität”, denn es reduziert Nacharbeit, Ausschuss und Verzögerungsrisiken in der Prozesskette. Im Wasserstoff-Umfeld entscheidet genau das über Durchlaufzeiten und Stückkosten. Der Hintergrund: Elektrolyseure sind komplexe Systemprodukte, bei denen Testquoten eng mit Auslieferterminen und Wartungsannahmen zusammenhängen.
Dass operative Reife plötzlich stärker gewichtet wird, liegt auch am Marktumfeld. ITM Power konkurriert in Europa nicht nur gegen andere Elektrolyseure, sondern gegen unterschiedliche Geschäftsmodelle: Plug Power und Bloom Energy stehen für industrielle Pfade mit teilweise anderen Liefer- und Serviceanteilen, während Firmen wie Nel oder Siemens Energy eher als etablierte Industrialisierer wahrgenommen werden. Der Markt schaut dabei besonders auf Preis-Leistung und die Fähigkeit, Skalierungsschübe zu liefern. Dr. Sasse macht deshalb den Bewertungsstreit verständlich: Wenn sich politische Rahmenbedingungen verzögern, kippen Annahmen über Pipeline-Umwandlung schnell. Gleichzeitig wächst der Druck, weil internationale Anbieter, insbesondere aus China, häufig mit deutlich niedrigeren Stackpreisen auftreten und so Preisanker setzen.
Ein weiterer Teil der Argumentation dreht sich um Kapitalallokation und Insiderverhalten. Dr. Robert Sasse verweist auf Insiderkäufe als ergänzendes Signal, aber nicht als alleinige Wahrheit. Er ordnet die Beträge differenziert ein: Monatliche LTIP-Käufe seien zwar für sich genommen eher “symbolisch”, doch die Summe der Muster ergebe ein anderes Bild. Wenn außerdem die neue CFO Grey kurz nach Amtsantritt investiert und das Board um Warren East ebenfalls Käufe tätigt, wird aus einem Einzelsignal eine wiederkehrende Handlung. Für Unternehmen bedeutet das: Transparente Procurement- und Investitionslogik wirkt doppelt, weil sie intern Glaubwürdigkeit schafft und extern die Informationsasymmetrie reduziert.
Der Rheinmetall-Deal zeigt, wie fein die Grenze zwischen strategischem Interesse und zahlungswirksamer Bestellung ist. Sasse betrachtet die bisherige Form als Absichtserklärung ohne konkretes Preisschild, die zunächst wenig mit sofortiger Auftragsrelevanz zu tun hat. Der eigentliche Bruch mit dem “alten Muster” liege woanders: in der Fabrikleistung, die sich unabhängig davon beobachten lasse, ob ein einzelner Partner am Ende bestellt. Gleichzeitig betont er die Bedingungskette für die Cash-Seite: Wenn politische Programme wie HAR2 und HAR3 oder Teile des Hydrogen Strategy Refresh sich verwässern oder nur verzögern, bleibt die Sheffield-Kapazität ein Kostenblock. Das Risiko wird damit weniger in der Technik gesehen, sondern in der Umwandlung in wirtschaftlich gesicherte Nachfrage.
Finanziell ist das Timing entscheidend. Für das Halbjahr bis zum 31. Oktober 2025 nennt das Unternehmen einen bereinigten EBITDA-Verlust von 11,9 Millionen Pfund, und für das Gesamtjahr wird ein Verlustkorridor von 27 bis 29 Millionen Pfund avisiert. Selbst bei dieser Progression könne der Nettocash-Bestand von etwa 170 bis 175 Millionen Pfund rechnerisch mehrere Jahre überbrücken, lautet die Einschätzung. Das wäre dann eine Frage der “Runway”, nicht der unmittelbaren Zahlungsfähigkeit. Doch Sasse skizziert das Gegenbild: Ein Szenario, in dem Industriepolitik und Verteidigungsnachfrage nicht in echte, bezahlte Aufträge münden, während gleichzeitig günstigere chinesische Angebote Marktanteile abgreifen, würde die Auftragspipeline austrocknen. Dann reicht selbst ein gefülltes Konto nicht, weil das Geschäftsmodell auf Auslastung angewiesen bleibt.
Für die kommenden Quartale lässt sich daraus ein zweigleisiger Blick ableiten. Operativ traut Sasse ITM Power zu, dass die Serienfertigung weiter reift, Testquoten besser werden und zusätzliche Referenzen wie Lingen One in Ausschreibungen Gewicht bekommen. Aber eine kurzfristige Beruhigung der Aktie hält er für unwahrscheinlich, weil zu viel von einer einzelnen CMA-Entscheidung und von politischen Zeitplänen abhängt, die das Unternehmen nicht vollständig kontrolliert. Regulierung spielt hier indirekt wie direkt hinein: Wettbewerbs- und Beihilfeentscheidungen (etwa im Zuge von Industriepolitik) bestimmen, ob Projekte umgesetzt, gefördert oder neu strukturiert werden. Für IT- und Engineering-Teams bedeutet das außerdem: Daten zur Projektvalidierung, Qualitätsnachverfolgung und Lieferfähigkeit müssen auditierbar sein, damit Vertrauen auch bei regulatorischen Prüfungen standhält. Genau dort entscheidet sich, ob aus “Backlog” dauerhaft “Cashflow” wird.
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