MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter sieht den Schienenverkehr im ländlichen Raum gefährdet, falls neue Fernverkehrsanbieter vor allem lukrative Verbindungen bedienen. Im Fokus steht die Bundesnetzagentur: Sie soll bei Lizenzentscheidungen die Anforderungen für Regionen in der Fläche stärker berücksichtigen. Bernreiter fordert außerdem, dass Wettbewerb nicht zulasten der Fahrgastrechte geht, etwa bei flexiblen Tickets. Gleichzeitig mahnt er, dass der Nahverkehr als Daseinsvorsorge vorrangigen Zugang zur Infrastruktur behalten muss.

Bayerns Verkehrsminister warnt vor Rosinenpickerei im Fernverkehr
Bayerns Verkehrsminister warnt vor Rosinenpickerei im Fernverkehr (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Wettbewerb im deutschen Fernverkehr wächst – und mit ihm die Sorge, dass der Schienenverkehr in der Fläche nicht automatisch mitwächst. Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter hat die Debatte in München deutlich zugespitzt: Neue Anbieter würden sich demnach häufig zuerst die finanziell attraktivsten Relationen und Direktverbindungen zwischen den großen Städten suchen. Für Regionen abseits der Metropolen besteht aus seiner Sicht das Risiko, dass Anschlüsse schlechter werden, weil Trassen und Knotenplätze auf einer bereits stark ausgelasteten Infrastruktur umkämpft sind. Entscheidend ist dabei nicht nur, wer künftig fährt, sondern wie die Vergabe der Kapazitäten gestaltet wird.

Technisch betrachtet hängt die Qualität der Verbindungen in Deutschland stark an der Fahrplan- und Netzplanung: Trassen sind keine frei verfügbaren Slots, sondern eng getaktete Zeitfenster auf einem Mischbetrieb aus Fern- und Nahverkehr. Wenn neue Anbieter Lizenzen erhalten, entscheidet die Kapazitätsallokation in den Knoten und auf den Strecken über echte Fahrzeitgewinne oder über Verdrängungseffekte. Bernreiter verweist darauf, dass das Schienennetz öffentliches Eigentum ist und deshalb „bestmöglich“ genutzt werden müsse. Im Hintergrund steht das klassische Dilemma von Preis- und Kapazitätssteuerung: Wer zahlt, bekommt in der Praxis oft zuerst die besseren Zeiten – während regionale Netze dadurch strukturell unter Druck geraten können.

Marktseitig lohnt ein Blick auf den bisherigen Wettbewerb: Mit FlixTrain und weiteren Plattform- bzw. Betriebsmodellen sind bereits Anbieter entstanden, die sich stärker auf einzelne Achsen konzentrieren. Die große Frage lautet, ob diese Strategie skaliert, ohne dass der bestehende Standard aus Anschlussqualität und Durchbindung leidet. Bernreiter fordert die Bundesnetzagentur auf, bei der Lizenzvergabe Kriterien zu berücksichtigen, die über den kurzfristigen Marktdeckungsbeitrag hinausgehen: ein stabiles System für den Bahnverkehr in der Fläche. Dabei geht es auch um Timing, denn neue Anbieter-Konstellationen verändern typischerweise Fahrpläne in mehreren Stufen – inklusive Umstellungen im Nahverkehr, die oft schwerer nachjustierbar sind als zusätzliche Fernzugpaare.

Historisch ist das Spannungsfeld nicht neu. Schon seit der Liberalisierung und der schrittweisen Öffnung von Verkehrsleistungen wird diskutiert, wie Wettbewerb und Gemeinwohlziele zusammenpassen. In vielen Ländern zeigt sich, dass Trassenmarktmodelle allein nicht garantieren, dass dünn besiedelte Räume ausreichende Bedienung erhalten. Aus Sicht der Regulierung kommt hinzu, dass die Bundesnetzagentur nicht nur „mehr Wettbewerb“ anstoßen darf, sondern auch sicherstellen muss, dass Fahrgastrechte und Systemstabilität nicht erodieren. Gerade bei Ticketlogik und Störungsmanagement ist die Grenze zwischen Fern- und Nahverkehr praktisch: Wenn Durchgängigkeit fehlt, entstehen für Reisende Umsteigebarrieren und im Extremfall zusätzliche Informations- und Haftungsaufwände.

Ein weiterer Punkt betrifft die Tarif- und Betriebsintegration. Bernreiter betont, dass Wettbewerb nicht auf Kosten der Fahrgäste gehen dürfe: Flexible Ticketbuchung und die Aufhebung von Zugbindungen bei Störungen gelten als wichtiger Vorteil. Für die Branche ist das mehr als Kundenservice – es ist ein operatives Versprechen, das über Vertriebssysteme, Buchungsregeln und Leitstellenprozesse hinweg konsistent sein muss. Im Kern geht es um Interoperabilität: Durchgängige Tickets sowohl zwischen verschiedenen Fernverkehrsanbietern als auch zwischen Fern- und Nahverkehr sind ein Qualitätsanker, den Betriebe und Aufgabenträger technisch und vertraglich absichern müssen. Ohne diese Abstimmung steigt die Gefahr, dass neue Marktteilnehmer für Endkunden faktisch „Schnittstellenrisiken“ erhöhen.

Aus Regulierung und Infrastruktur folgt außerdem eine Priorisierung, die politisch klar formuliert wurde: Der Nahverkehr soll nicht „unter die Räder“ kommen. Für die technische Betriebsrealität bedeutet das, dass Zugang zu Trassen nicht nur nach Zahlungsbereitschaft, sondern auch nach Versorgungszielen bewertet werden muss – gerade auf Streckenabschnitten, die stark ausgelastet sind. Gleichzeitig nennt Bernreiter als Option, dass der Bund im Zweifel Fernverkehrshaltestellen festlegen müsste, um die Steuerungswirkung zu erhöhen. Dieses Vorgehen würde stärker in die Planungsautonomie eingreifen, könnte aber die Systemintegration stabilisieren, indem es Mindeststandards für Erreichbarkeit sichert. Für Unternehmen wäre das zugleich ein Planungs- und Investitionssignal: Wer Lizenzen anstrebt, müsste früher nachweisbare Gemeinwohlwirkungen einplanen.

Der Blick nach vorn zeigt, wie sich der Wettbewerb konkret auswirken kann: Wenn die Bundesnetzagentur Kriterien zur Flächenanbindung stärker gewichtet, könnte der Marktansatz von reinen Punkt-zu-Punkt-Verkehren in Richtung integrierter Fahrplanpakete wandern. Damit entstehen neue Chancen für Betreiber, die Technologie und Betrieb so ausrichten, dass Anschlüsse zu Regionalexpress und S-Bahn verlässlich bleiben. Gleichzeitig wächst der Druck auf Betreiber und Infrastrukturmanager, Schnittstellen in Ticket- und Störungsprozessen standardisiert zu behandeln – etwa durch durchgängige Regeln für Umbuchung, Verbindungsnachweis und Datenflüsse. Langfristig wird der Ausbau von Kapazität zwar helfen, doch in der nächsten Phase entscheidet vor allem die Auslastungssteuerung darüber, ob Wettbewerb als Verbesserung spürbar wird oder als Verlagerung von Problemen in die Fläche.


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