STRASSBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Die EU-Kommission will bis 2035 den Anteil heimischer Eiweiß- und Ölsaaten für Tierfutter von derzeit 25 Prozent auf 35 Prozent anheben. Ziel ist, Importe insbesondere von Sojaschrot aus Brasilien, Argentinien und den USA stärker zu reduzieren und Abhängigkeiten zu senken. Gleichzeitig steckt die Behörde eine Strategie für widerstandsfähige, wettbewerbsfähige und nachhaltige Tierhaltung in der EU ab. Dazu zählen konkretere Schritte beim Tierwohl, einschließlich eines Gesetzesentwurfs für Legehennen und weitere Anforderungen auch für importierte Produkte.

Die EU-Kommission richtet den Blick auf ein Thema, das in vielen Betrieben täglich auf der Kostenrechnung landet: Protein im Tierfutter. In einer Mitteilung aus Brüssel setzt sie 2025 einen Ausgangswert von 25 Prozent heimischer Eiweiß- und Ölsaaten in der EU-Futtermittelnutzung an und will diesen Anteil bis 2035 auf 35 Prozent erhöhen. Das ist nicht nur Agrarpolitik, sondern Energie- und Handelspolitik im Kleinen: Wenn weniger Sojaschrot aus Drittstaaten benötigt wird, sinkt die Verwundbarkeit gegenüber Preis- und Lieferzyklen auf globalen Märkten. Hinzu kommt der politische Druck, Lieferketten für Landwirtschaft resilienter zu gestalten.
Technisch betrachtet hängt das Vorhaben an einer Änderung der Anbau- und Verarbeitungslogik. Die Kommission plant, dass EU-Staaten den Anbau proteinreicher Pflanzen mit EU-Mitteln stärker unterstützen, darunter auch Hülsenfrüchte und Soja. Für Hülsenfrüchte wird dabei explizit betont, dass sie in Fruchtfolgen stehen und dadurch den Düngebedarf sowie Treibhausgasemissionen senken können. Auf der Prozessseite geht es damit nicht nur um die Saat, sondern auch um die Verfügbarkeit von Verarbeitungs- und Lagerkapazitäten, damit regionales Protein nicht nur auf dem Feld wächst, sondern auch im Futtermarkt ankommt.
Der Markt bleibt dabei eng mit internationalen Handelsströmen verknüpft. Laut EU-Kommission werden in der Tierhaltung jährlich 74 Millionen Tonnen Protein als Futtermittel verbraucht; 26 Prozent davon werden eingeführt, insbesondere Soja. Die EU bezieht proteinreiche Pflanzen bzw. Daraus gewonnenes Sojaschrot vor allem aus den USA sowie aus Brasilien und Argentinien. Diese Länder sind gleichzeitig zentrale Player in der weltweiten Agrarverarbeitung, bei der große Konzerne wie Cargill oder ADM über Rohstoffbeschaffung, Handel und Verarbeitungstrukturen stark präsent sind. Der Abbau von Importen ist deshalb auch ein Wettbewerb um Preiswürdigkeit, Skalierung und Qualitäten im Massenmarkt.
Ein weiterer Hebel liegt in den Handelsbeziehungen: Die EU hat mit den Mercosur-Staaten eine Freihandelszone gestartet, die seit Mai gilt. Branchenüblich wäre dann eine Erwartung, dass sich Rahmenbedingungen für Importvolumen und damit auch Preisniveaus verschieben könnten, etwa bei Soja. Gleichzeitig bringt die Kommission die EU-Erweiterungslogik ins Spiel: Sie nennt für den Fall eines Beitritts der Ukraine eine deutliche Verringerung des Handelsdefizits bei pflanzlichem Eiweiß. Damit verschiebt sich das geopolitische Risiko zwar von einem Lieferland zum nächsten, aber innerhalb eines stärker kontrollierten europäischen Rahmens könnten Planbarkeit und Liefermix steigen. Genau hier entscheidet sich, ob die heimische Produktion tatsächlich den Importanteil spürbar drückt.
Parallel zur Eiweißstrategie schlägt die EU-Kommission eine breitere Tierhaltungsstrategie vor. Die Tierhaltung macht laut Behörde 40 Prozent der Wertschöpfung der EU-Landwirtschaft aus, erwirtschaftet einen Jahresumsatz von 400 Milliarden Euro und bietet 7 Millionen Menschen Arbeit. Die Herausforderungen sind dabei strukturell: Tierkrankheiten, Klimawandel, Marktveränderungen, hohe Produktionskosten sowie ein Mangel an jungen Landwirten. Aus technischer Sicht ist „Widerstandsfähigkeit“ hier mehr als ein Schlagwort: Sie verlangt bessere Risikosteuerung, verlässliche Produktionsstandards und Entscheidungen, die sowohl Tiergesundheit als auch Klima- und Emissionsziele abdecken. Der Vorschlag zu einem besseren Zugang zu Versicherungen passt in dieses Muster.
Konkreter wird es beim Tierwohl, wo die Kommission mit Zeitplänen arbeitet. Beim Ausstieg aus der Käfighaltung nennt sie nun verbindlichere Schritte: Bis Ende des Jahres soll ein Gesetzesentwurf zum Tierwohl von Masthühnern und Legehennen vorgelegt werden. Darin geht es unter anderem um ein Ende der systematischen Tötung männlicher Eintagsküken. Gleichzeitig verweist die EU auf den technischen Stand der Brutbiologie: Mittlerweile sei es möglich, bereits im Brutstadium das Geschlecht von Hühnerembryonen festzustellen. Damit wird ein technologischer Pfad zum Standardanbau von „Tierwohlprozessen“: Sensorik und Selektion müssen in kommerziellen Brutbetrieben wirtschaftlich integriert werden, nicht nur im Labor funktionieren.
Auch für Schweine kündigt die Kommission einen Vorschlag an: Für das zweite Quartal 2027 soll es adressiert werden. Zusätzlich sollen praxisnähere Tierschutzindikatoren für landwirtschaftliche Betriebe entwickelt werden, also Kennzahlen, die im Alltag messbar sind und nicht nur in Inspektionsberichten. Bemerkenswert ist außerdem die Ausweitung auf den Handel: Für importierte Produkte sollen künftig Anforderungen an den Tierschutz gelten, die mit denen in der EU gleichwertig sind. Das ist regulatorisch relevant, weil es Wettbewerbsverzerrungen zwischen Binnenproduktion und Drittlandimporten reduzieren soll. Für Unternehmen bedeutet das: Zertifizierungs- und Nachweisprozesse werden stärker zur Pflicht, nicht zur Kür.
Historisch betrachtet ist die EU mit Eiweißabhängigkeiten wiederholt in eine Zwickmühle geraten. In den letzten Jahrzehnten stieg die Nutzung von Sojaschrot in Europa vor allem wegen der Verfügbarkeit, der konstanten Qualitäten und der Skalierung globaler Lieferketten. Gleichzeitig hat sich die Agrarpolitik immer wieder an Zielkonflikte angepasst: Ertragsstabilität, Kosten, Klimaeffekte und die Frage, wie weit Selbstversorgung realistisch ist. Der aktuelle Ansatz versucht, diesen Konflikt über Anbauumstellungen, Fruchtfolgen und Förderlogiken zu entschärfen. Im Vergleich zu bisherigen Programmen ist der Zielwert bis 2035 allerdings stärker operationalisiert, weil er direkt an den Importanteil gekoppelt wird.
Mit Blick auf die Zukunft wird entscheidend sein, wie schnell Infrastruktur und Know-how nachziehen. Eiweißpflanzen brauchen passende Verarbeitungs- und Logistikketten, sonst bleiben sie trotz guter Erntechancen wirtschaftlich unattraktiv. Hier ist auch der Vergleich zwischen „Cloud“-ähnlicher Planbarkeit und „On-Prem“-Realität in der Landwirtschaft hilfreich: Daten über Ernte, Qualität und Futterrezepturen müssen in Betrieben so verfügbar werden, dass Entscheidungen täglich funktionieren, nicht nur auf Strategiepapieren. Für den Markt ergeben sich Chancen für Züchtung, Futtermitteltechnologie, Rückverfolgbarkeit und Prüfmethoden. Gleichzeitig wächst der Compliance-Aufwand, weil Tierwohlstandards und Gleichwertigkeitsprüfungen entlang der Lieferkette umgesetzt werden müssen.
Regulatorisch hängt die Umstellung zudem an Investitionsentscheidungen. Wenn Versicherungen verbessert werden sollen und bei Tierschutzmaßnahmen ein bevorzugter Zugang zu Darlehen mit der Europäischen Investitionsbank geprüft wird, kann das die anfängliche Kostenhürde senken, die viele Betriebe vor Umstellungen abschreckt. In der Praxis bedeutet das: Unternehmen, die Pilotanlagen, mobile Lösungen wie mobile Schlachthäuser oder neue Haltungs- und Fütterungsprozesse skalieren können, bekommen eher Planungssicherheit. Für die Branche ist außerdem wichtig, dass Tierwohlindikatoren und Handelsanforderungen messbar werden, damit Zertifizierungen nicht in Interpretationsspielräume rutschen. Insgesamt deutet die Roadmap darauf hin, dass die EU von sektoralen Einzelmaßnahmen stärker zu einem integrierten Transformationsprogramm übergeht.
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