LONDON (IT BOLTWISE) – Handelsverbände fordern mehr Sonntagsöffnungen, um Innenstadtbereiche zu beleben und Einkauf als Freizeiterlebnis zu positionieren. Eine repräsentative YouGov-Umfrage zeigt jedoch eine knappe Mehrheit gegen eine Lockerung: 50 Prozent lehnen häufigere Öffnungen ab. Die Gewerkschaft Verdi stellt dagegen den Schutz des einzigen verlässlich planbaren freien Tages in den Mittelpunkt und warnt vor Belastungen im Arbeitsalltag. Während einzelne Bundesländer bereits Sonderregelungen für Kleinstläden und Landflächen vorbereiten, bleibt die politische Linie umkämpft.

In Deutschland prallen erneut zwei Vorstellungen von Handel aufeinander: mehr Flexibilität im stationären Gewerbe – oder konsequenter Schutz des Sonntags als Arbeitsruhe. Laut einer repräsentativen YouGov-Befragung mit 4.022 Teilnehmenden ab 18 Jahren befürworten 43 Prozent „auf jeden Fall“ oder „eher“ häufigere Sonntagsöffnungen, während 50 Prozent sie ablehnen. 6 Prozent machten keine Angabe. Besonders auffällig: Jüngere und Männer stehen der Lockerung offener gegenüber als ältere Menschen und Frauen. Das macht die Debatte weniger zu einem reinen Gesetzes- oder Arbeitgeberthema, sondern zu einer Frage, wie Gesellschaft Arbeitszeiten und Freizeit künftig austariert.
Die Handelsseite setzt dabei vor allem auf Innenstadtattraktivität und Betriebsflexibilität. Branchenvertreter argumentieren, dass Einkaufen inzwischen auch ein Freizeit- und Erlebniselement geworden sei. So wirbt der Handelsverband Deutschland (HDE) seit längerem für gelegentliche Sonntagsöffnungen im stationären Einzelhandel, um Innenstädte „lebendig“ zu halten. Noch konkreter wird es beim Handelsverband Textil Schuhe und Lederwaren (BTE), der zugleich auf die praktische Umsetzung abzielt: Wenn Anträge an einen ausreichend belegten Anlassbezug geknüpft sind und diese Hürden je nach Bundesland sowie Kommune unterschiedlich hoch ausfallen, werden verkaufsoffene Sonntage teils gar nicht erst vorbereitet – aus Sorge, dass Gerichte kurzfristig intervenieren.
Politisch betrachtet ist das Thema damit auch eine Frage der Rechts- und Governance-Klarheit. Denn die Sonntagsöffnung ist in Deutschland im Ladenschlussgesetz geregelt und weicht nach Bundesland ab; die Zahl der verkaufsoffenen Sonntage ist dabei typischerweise gedeckelt und an einen Anlass gekoppelt. Einige Länder haben ihre Spielräume bereits angepasst: In Schleswig-Holstein ist künftg auf dem Land der Einkauf in Kleinstsupermärkten ohne Personal an Sonn- und Feiertagen erlaubt. Thüringen führt seit Monaten Sonderregelungen für kleine 24-Stunden-Läden ein – diese dürfen sonntags öffnen, aber ohne Personal. Das senkt Hürden im Betrieb, verschiebt aber zugleich die Diskussion hin zu Arbeitszeit- und Aufsichtskonzepten.
Die Gegenposition kommt klar von Verdi. Die Gewerkschaft lehnt eine Lockerung der Regelungen ab und stellt den Sonntag als einzigen verlässlich planbaren freien Tag in den Mittelpunkt. Damit verbindet Verdi eine arbeits- und sozialpolitische Argumentationslinie: Längere oder häufigere Öffnungszeiten würden weniger Raum für Familie, Freunde und Ehrenamt lassen – also für genau jene Zeit, die viele Beschäftigte als Ausgleich zum „anstrengenden Job“ brauchen. Hinzu kommt eine Wettbewerbslogik, die Verdi nicht nur auf Ladenketten, sondern auf strukturelle Verdrängung bezieht: Mehr Sonntagsöffnungen könnten laut Gewerkschaft vor allem im Kampf großer Handelskonzerne um Frequenz und Sichtbarkeit Wirkung entfalten und zu eher gleichförmigen Innenstadten führen.
Aus Marktsicht lohnt sich zugleich der Blick auf den Vergleich mit konkurrierenden Vertriebsformen. Zwar geht es hier primär um den stationären Einzelhandel, doch der Wettbewerb findet längst über Kanäle statt: Onlinehändler wie Amazon setzen auf Liefergeschwindigkeit, algorithmisch optimierte Sortimentspräsentation und rund um die Uhr verfügbare Preise – und damit auf eine andere Erwartungshaltung der Kundschaft. Experten werten daher häufig die Sonntagsdebatte als Stellschraube im „Omnichannel“-Druck: Wenn stationäre Händler Sonntage als zusätzliche Kontaktfläche nutzen, versuchen sie, Frequenzverluste gegenüber digitalen Plattformen zumindest teilweise abzufedern. Gleichzeitig warnen Marktbeobachter, dass eine rein quantitativen Öffnungsstrategie ohne moderne Einsatzplanung (Dienstplanung, Vertretungsmodelle, lokale Anreize) die Akzeptanz in der Belegschaft weiter verschlechtern kann.
Für die Zukunft entscheidet sich die Richtung vermutlich an drei Faktoren: erstens, wie konsequent Länder und Kommunen den Anlassbezug handhabbar machen, zweitens, wie Unternehmen ihre Personaleinsatzmodelle so ausrichten, dass Belastungen sinken statt steigen, und drittens, welche Rolle regionale Innenstadtkonzepte spielen. Denkbar ist, dass sich der Trend zu „ohne Personal“-Ausnahmen weiter ausbreitet, weil er Betriebe entlastet, aber zugleich die Debatte um Aufsicht, Sicherheitskonzepte und rechtliche Verantwortlichkeiten neu ordnet. In der nächsten Phase könnten außerdem verstärkt datengetriebene Nachweise gefordert werden, ob Sonntagsöffnungen tatsächlich mehr Laufkundschaft bringen oder ob sich der Effekt vor allem aus einer zeitlichen Verlagerung bestehender Nachfrage speist. Das macht das Thema für Arbeitgeber und Gewerkschaften gleichermaßen zu einer IT- und Prozessfrage: Terminierung, Compliance und Transparenz werden zum integralen Teil jeder Sonntagsstrategie.
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