FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Deutsche Privatbanken fordern, dass die EU-Bankenregulierung schneller und weniger bürokratisch umgesetzt wird. Der Bankenverband kritisiert einen geplanten Gesetzgebungsbeginn erst im Frühjahr 2027 und warnt, dass damit die Jahre 2025 und 2026 weitgehend verloren gingen. Gleichzeitig verweist er auf einen jährlichen zusätzlichen Investitionsbedarf von rund 1, 4 Billionen Euro für die europäische Wettbewerbsfähigkeit. Im Spannungsfeld zwischen Vereinfachung und Finanzstabilität stellt sich für Institute die Frage, wie sich regulatorische Last, IT-Umsetzung und Risikokontrolle künftig balancieren lassen.

Privatbanken drängen auf Tempo: EU-Bankenregeln bis 2027 zu langsam
Privatbanken drängen auf Tempo: EU-Bankenregeln bis 2027 zu langsam (Foto: IT BOLTWISE)
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Deutsche Privatbanken erhöhen den Druck auf die EU-Kommission, die Bankenregeln aus Brüssel schneller in konkrete Maßnahmen zu übersetzen. Hintergrund ist der Zeitplan: Laut Berichten soll der EU-Kommissionsbericht zur Bankenregulierung und zur Wettbewerbsfähigkeit des Bankensektors am 17. Juli vorgestellt werden, bevor der eigentliche Gesetzgebungsprozess erst im Frühjahr 2027 startet. Der Bankenverband sieht darin ein Wettbewerbsproblem. In der Zwischenzeit, so die Kritik, würden andere Wirtschaftsregionen ihre Vorgaben bereits gezielt anpassen und vereinfachen. Das Timing entscheidet damit nicht nur über Compliance-Kosten, sondern auch darüber, wie zügig Banken Kapital für Digitalisierung, Energie, Verteidigung und industrielle Transformation frei bekommen.

Ein zentraler Punkt ist der Umfang der regulatorischen Zusatzinvestitionen, der in der Diskussion oft als zweiter Taktgeber wirkt. In einer Studie im Auftrag der European Banking Federation wird für Europas Institute mittelfristig ein zusätzlicher Investitionsbedarf von rund 1, 4 Billionen Euro pro Jahr genannt. Das liegt laut Vergleich etwa 600 Milliarden Euro über dem, was im Wettbewerbsfähigkeits-Report des früheren EZB-Präsidenten Mario Draghi adressiert wurde. Für Privatbanken bedeutet das: Jede Verzögerung bei Regulierungsvereinfachungen trifft nicht nur die Kalkulation von Kapitalanforderungen, sondern vor allem die Budgets für Umsetzungsteams, Datenplattformen, Modell-Governance und Betriebsstabilität in der Produktion von regulatorischen Reports.

Technisch betrachtet verschiebt sich durch solche Regulierungsprogramme der Schwerpunkt von der reinen Regelinterpretation hin zu einer dauerhaften Engineering-Aufgabe. Compliance ist längst ein Prozess in Architekturform: Datenqualitätsregeln, Taxonomien, Verantwortlichkeitsmodelle, Traceability und eine belastbare Modellvalidierung müssen in Workflows abgebildet werden. Wenn der Gesetzgebungsprozess sich über Jahre streckt, entstehen häufig Zwischenversionen für Risiko- und Kapitalmodelle, die sich später wieder anfassen lassen müssen. Das treibt Kosten und erhöht das Risiko von Inkonsistenzen zwischen Fachkonzepten und IT-Implementierungen. Deshalb argumentieren die Privatbanken für Tempo in der Umsetzung, um Umwege bei der technischen Umsetzung zu vermeiden und Ressourcen nicht in kurzfristige „Übergangssysteme“ zu lenken.

Der Wettbewerbskontext wird dabei ausdrücklich in Richtung USA und Großbritannien gesetzt. Dort haben Aufsichtsbehörden Vorschriften gelockert, die nach der globalen Finanzkrise eingeführt wurden. Als Vorreiter gilt die US-Regierung unter Donald Trump, die die Anpassungen beschleunigt und damit die Erwartungshaltung an den Markt verändert hat. Für Banken in Europa ist das mehr als eine politische Schlagzeile: Vereinfachungen in einem Kernregime können sich unmittelbar in der Risikoappetit-Strategie, in der Kapitalplanung und in der Kreditvergabe niederschlagen. Gleichzeitig erhöhen solche Unterschiede den Druck auf europäische Institute, ihre internen Prozesse so zu gestalten, dass sie regulatorische Änderungen in kürzeren Zyklen verkraften.

Doch der Ruf nach weniger Vorschriften hat auch Gegenwind. Kritiker warnen davor, die Zügel für Banken zu stark zu lockern, weil jede Absenkung von Anforderungen potenziell die Resilienz in Stressphasen mindern kann. Der Bankenverband warnt zudem davor, dass die EU-Ziele – mehr Wettbewerbsfähigkeit und eine Vertiefung der Kapitalmärkte – mit der europäischen Einlagensicherung verknüpft werden. Die regulatorischen Erleichterungen sollten demnach unabhängig davon umgesetzt werden. Gerade in Europa wird seit Jahren über eine grenzüberschreitende Sicherung von Kundengeldern gestritten. Besonders deutsche Banken befürchten, dass Gelder aus einem Land Schieflagen von Instituten in anderen Staaten mitfinanzieren könnten. Diese Gemengelage macht klar: Der politische Kompromiss bestimmt, wie weit „Tempo“ realistisch ist.

Für Unternehmen und IT-Leitungen in Banken ergibt sich daraus eine konkrete Governance-Frage: Wie organisiert man Regulatorik so, dass sie schneller integrierbar bleibt, ohne die Kontrollschleifen zu schwächen? In der Praxis heißt das, dass Banken regulatorische Anforderungen in modularen Komponenten abbilden, etwa nach Daten- und Prozessdomänen. So lassen sich Anpassungen an Kapital-, Liquiditäts- oder Reportingregeln eher als „Konfiguration“ behandeln statt als komplette System-Neuimplementierung. Ein weiterer Hebel ist die Automatisierung von Dokumentations- und Nachweisprozessen, etwa über Audit-Trails und standardisierte Validierungsroutinen. Damit sinkt der Aufwand, wenn sich Gesetzesstarts verschieben oder Zwischenstände mehrfach nachjustiert werden müssen.

Der weitere Verlauf bleibt eng getaktet. Wenn der Bericht im Juli kommt und der Gesetzgebungsprozess erst 2027 startet, entsteht ein langes Planungsfenster, in dem Banken ihre Programme für Digitalisierung und Risikomanagement weiterlaufen lassen müssen, ohne zu wissen, welche Änderungen endgültig gelten. Marktbeobachter rechnen daher damit, dass Institute ihre Umsetzungsfahrpläne in Layer gliedern: stabile Kernkomponenten für Datenqualität und Sicherheitskontrollen, plus austauschbare Fachlogik für regulatorische Kennzahlen. Die kommenden Monate dürften außerdem die Diskussion über Kapitalmärkte und Einlagensicherung verschärfen, weil sie das politische Paket mitprägt. Für den Sektor wäre entscheidend, dass Vereinfachung nicht nur auf dem Papier entsteht, sondern in der technischen Realisierung spürbar wird – durch weniger Reibung, klarere Anforderungen und überprüfbare Sicherheits- und Datenschutzkonzepte.


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