WASHINGTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Space Force testet im TacRS-Programm mit Rocket Lab und True Anomaly eine neue Form der Rendezvous- und Proximity-Operations: Im Orbit wechseln sich beide Satelliten als Ziel und Verfolger ab. Nach abgeschlossenen Schwellenmissionen stehen über die nächsten sechs Monate weitere Manöver an, bei denen nicht vollständig vordefinierte Abläufe geübt werden. Im Kern geht es um Sensor-gestützte Raumlage, Bildgebung und das sichere Aus- und Umsetzen aus engen Bahnräumen. Damit rückt die Fähigkeit näher, Bedrohungen in „realistisch unkooperativen“ Szenarien zu begegnen.

Nach dem Abschluss der ersten „Threshold“-Missionen für das TacRS-Programm der US Space Force gehen Rocket Lab und True Anomaly jetzt in eine Art Orbit-Tag-Spiel: Über die nächsten sechs Monate sollen beide Unternehmen mehrere Manöver-Sets fliegen und dabei abwechselnd „chaser“ und „chased“ sein. Der Trainingscharakter ist dabei nicht nur Marketing, sondern technisch fest im Szenario verankert: Beim Rendezvous and Proximity Operations (RPO) bewegen sich Raumfahrzeuge in enger Nähe um einen Zielsatelliten, um ihn zu beobachten, zu unterstützen oder im Worst Case zu „stören“. Genau diese Nähe ist für die Space-Domain-Awareness und für die Vorbereitung auf On-Orbit-Konflikte entscheidend.
Victus Haze ist dabei die zweite von mehreren Victus-Demonstrationen unter TacRS. Die erste Mission, Victus Nox, startete im September 2023 und nutzte ein maneuverfähiges Vehikel von Firefly Aerospace, das von Boeing’s Millennium Space Systems entwickelt wurde. Der Schritt zu Victus Haze liegt aus technischer Sicht in der Rollenlogik: Anders als bei vielen bisherigen RPO-Tests, bei denen das Ziel meist ein kooperatives Referenzobjekt ist, sollen die Akteure im Verlauf der Mission mehrfach ihre Rolle tauschen. So entsteht ein Umfeld, in dem das eigene Steuer- und Sensorverhalten auf die Aktionen des Gegenübers reagieren muss und nicht auf einen perfekt vorhersehbaren Ablauf.
Technisch wird RPO häufig als Kombination aus Bahnplanung, Bahnkorrekturen und Navigation in engen Distanzen verstanden. Genau hier betont True Anomaly Gründer und CEO Even Rogers den Charakter als nicht skriptetes „Game Play“: Die Space Force setzt Ziele und Missionsgrenzen, aber weder Rocket Lab noch True Anomaly wissen, wie das jeweils andere Raumschiff konkret manövrieren wird. Das erzeugt eine realistischere Herausforderung für Guidance, Navigation und Control (GNC) sowie für die Sensorfusion aus Verfolgung und Zielcharakterisierung. Ergänzend wird die Aufgabe über Onboard-Sensorik und definierte Egress-Kriterien operationalisiert, also das kontrollierte Verlassen der Nähe-Phase, ohne die Sicherheitsabstände zu verletzen.
Marktseitig fällt auf, wie stark die Space Force das Modell „Use Cases ermöglichen, Fähigkeiten kommerzialisieren“ verfolgt. Rocket Lab betont laut den vorliegenden Aussagen, dass nicht im klassischen Sinn eine komplett neue, exklusiv entwickelte Fähigkeit geschaffen werde, sondern ein Trainingsfeld entsteht, das die Industrie dann operationalisiert. Damit unterscheidet sich Victus Haze von früheren RPO-Demos, in denen teils „dead satellites“ oder frei mitfliegende Payloads als Ziel dienten. Als direkter Vergleich im gleichen Ökosystem steht Firefly Aerospace mit weiteren Victus-Demonstrationen im Raum, während RTX als Partner beim Ausbau von Raumfahrt-Interzeptoren für die Golden-Dome-Initiative der US-Regierung genannt wird. Das unterstreicht: RPO-Übungen sind keine isolierte Robotikspielerei, sondern Bausteine für ein künftiges Gefechts- und Verteidigungskonzept im Orbit.
Die bisherigen Teilschritte liefern bereits handfeste Indikatoren. True Anomaly startete die Jackal-Mission am 3. Mai, nachdem es im Vorjahr Verzögerungen durch zwei Fehler beim Alpha-Raketenprogramm von Firefly gegeben hatte. Am 1. Juli meldete True Anomaly den Abschluss einer frühen RPO-Aufgabe, bei der die Jackal-Plattform Rocket Labs Puma „aufspüren und verfolgen“ konnte. Puma ist eine Variante der Pioneer-Klasse und startete am 19. Juni. In Szenarien, die in veröffentlichten Unterlagen als Beitrag zu Space-Domain-Awareness und „characterization“-Fähigkeiten beschrieben werden, kommt ein Sensorpayload zum Einsatz, das mit Unterstützung von Lawrence Livermore National Laboratory vorbereitet wurde und als government furnished equipment bereitgestellt ist.
Aus Wettbewerbssicht ist besonders relevant, dass Victus Haze nicht nur „Anflug und Foto“ trainiert, sondern Bildgebung und Zielcharakterisierung in dynamischeren Rollen. True Anomaly beschreibt die frühe Mission konkret: Jackal habe mit den eigenen Onboard-Sensoren das Ziel akquiriert, sei in einer Art Umrundungsmanöver über die Puma-Position gefahren (circumnavigate) und habe während der Umkreisung mehrere Bilder aufgenommen. Rocket Lab wiederum nennt für die eigene RPO-Aufgabe eine Zeit von unter 59 Stunden, konkret „25 Stunden ahead of deadline“, nachdem die Satellitenaufgabe „gecracked, approached und photographed“ worden war. Auch wenn Details zu den künftigen Manövern aus Space-Force-Sensitivität nicht voll ausgeführt werden, sind diese Zeitangaben ein realistisches Signal für Prozessreife.
Im nächsten Schritt ist die Einbettung in die Budget- und Programmstruktur wichtig. TacRS wird dem Combat Power Program Acquisition Executive Office zugeordnet, das für Space Warfare zuständig ist. In Dokumenten zum Fiskaljahr 2027 wird TacRS dem Combat-Power-Missionsbereich zugeordnet, der Systeme umfasst, um raumgestützte Fähigkeiten zu schützen und verteidigen sowie Raumüberlegenheit durch das Ermöglichen und Ausführen von Kampfhandlungen sicherzustellen. Parallel laufen laut Budgetmaterialien weitere Victus-Demos: Victus Sol wird bereits mit einem Award im Februar in Zusammenhang gebracht, während Victus Surgo und Victus Salo als „maneuverable, prepositioned“ Missionen für Space Domain Awareness charakterisiert werden. Zeitpläne und Startdaten bleiben dabei offen, was die Planung in der Industrie kurzfristig erschwert.
Der nächste Entwicklungskorridor ist zugleich technisch und regulatorisch relevant. True Anomaly erwartet für die kommenden Victus Haze Missionen „eine Reihe von Sorties“ mit zunehmender Komplexität und engerem Betriebsfenster: Zeitleisten sollen schrumpfen, Toleranzen für Manöveroperationen steigen, und die Verhaltensmuster des Ziels verändern sich. Genau das ist der Übergang von Demonstrationen zu wiederholbaren operativen Konzepten. Für Unternehmen heißt das: Datenpipelines für Sensor- und Telemetrieauswertung, Sicherheitsgrenzen für Rendezvous-Phasen sowie robuste Testmethoden für wiederkehrende Lernschleifen werden wichtiger. Gleichzeitig müssen Betreiber im militärnahen Umfeld Datenschutz- und Exportkontrollpflichten beachten, etwa bei der Verarbeitung von Bild- und Positionsdaten sowie beim Umgang mit government furnished equipment. In der Summe deutet Victus Haze auf eine Zukunft hin, in der RPO-Training stärker „gegenläufig“ statt „koordiniert“ abläuft und damit die Lücke zwischen Labor und Gefechtsszenario schließt.
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