LONDON (IT BOLTWISE) – Eine große US-Längsschnittstudie verbindet den Beginn von Cannabiskonsum im Jugendalter mit einer verlangsamten kognitiven Entwicklung. Die Auswertung nutzt wiederholte kognitive Tests und ergänzt Selbstangaben durch biologische Nachweise wie Haar-, Urin- und Speichelproben. Besonders bei Jugendlichen mit objektiv nachgewiesenem THC findet sich eine abgeflachte Leistungsentwicklung, unter anderem bei der episodischen Erinnerung. Gleichzeitig weisen die Forschenden darauf hin, dass die Studie keine Kausalität im strengen Sinn beweist und Confounder möglich bleiben.

Cannabiskonsum bei Teenagern bremst laut großer Studie die kognitive Entwicklung
Cannabiskonsum bei Teenagern bremst laut großer Studie die kognitive Entwicklung (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Ergebnisse einer umfangreichen US-Studie treffen vor allem deshalb auf großes Interesse, weil sie Cannabiskonsum im Jugendalter nicht nur über Befragungen erfasst, sondern mit toxikologischen Befunden anreichert. Im Kern geht es um die Frage, wie sich die kognitive Entwicklung über die Jahre verändert, wenn Jugendliche mit dem Konsum beginnen – und ob sich diese Veränderung im Verlauf tatsächlich abzeichnet, statt nur punktuelle Unterschiede zwischen Konsumenten und Nicht-Konsumenten zu zeigen. Als Ausgangspunkt dient dabei das Konzept, dass die Pubertät eine Phase intensiver Gehirnentwicklung ist: In dieser Zeit finden weitreichende strukturelle und funktionelle Umbauten statt, die die späteren Fähigkeiten wie Arbeitsgedächtnis oder Sprache mitprägen.

Technisch besonders relevant ist die Studienanlage: Die Wissenschaftler um Natasha E. Wade (University of California, San Diego) nutzten Daten aus dem Adolescent Brain Cognitive Development (ABCD)-Projekt, das biologische und Verhaltensdaten von Jugendlichen in den USA über viele Jahre verfolgt. In die aktuelle Analyse flossen bis zu 11.036 Teilnehmende im Alter von 9 bis 17 Jahren ein – mit unterschiedlichen Stichprobengrößen pro Test, etwa 4.371 für Arbeitsgedächtnis und 4.487 für verbales Erinnern. Statt sich allein auf die Selbstangabe „Ich habe konsumiert“ zu verlassen, kombinierten die Forschenden jährliche Interviews mit objektiven Nachweisen in biologischen Proben wie Haar, Urin, Atem und oralen Flüssigkeiten. Das adressiert eine bekannte Schwachstelle: Selbstberichte können den tatsächlichen Substanzgebrauch systematisch unterschätzen – im Quervergleich mit einer Studie zu jungen Erwachsenen werden dafür Abweichungen von 30 bis 60 Prozent genannt, wenn Befragungen gegen Haaranalytik gestellt werden.

Damit definierte das Team, ab welchem Zeitpunkt jemand als „Cannabisnutzer“ gilt: Sobald mehr als nur ein einzelnes Probieren (zum Beispiel ein Puff oder ein kleiner Geschmack) berichtet oder in den Proben detektiert wurde, blieb die Person für den Rest der Studie in der entsprechenden Gruppe. Im Gesamtkollektiv wurden so rund 2.200 Jugendliche als Cannabiskonsumenten identifiziert, während etwa 9.700 nicht zu dieser Gruppe gehörten. Die kognitive Entwicklung wurde anschließend mit einem Testbatterie-Ansatz alle zwei Jahre gemessen. Konkret reichte das Spektrum von Arbeitsgedächtnis-Aufgaben (zum Beispiel Tiere oder Lebensmittel mental nach Größe sortieren) über Inhibitionskontrolle (schnell die Richtung eines Pfeils erkennen, während ablenkende Pfeile ignoriert werden) bis hin zu Merkmalen wie Verarbeitungsgeschwindigkeit, visuospatialer Verarbeitung und episodischem Gedächtnis. Wichtig: Die Analysen berücksichtigten eine breite Palette möglicher Einflussfaktoren, darunter Bildungsstand der Eltern, familiäre Substanzprobleme, pränatale Exposition gegenüber Drogen oder Alkohol, von Eltern berichtete emotionale und verhaltensbezogene Auffälligkeiten zu Beginn, außerdem Geschlecht sowie ethnische Zugehörigkeit und die Nutzung weiterer Substanzen wie Alkohol und Nikotin.

Die eigentliche Abweichung zeigte sich über die Zeit: In der späten Kindheit (zwischen 9 und 11 Jahren) schnitten die späteren Cannabiskonsumenten in mehreren Tests leicht besser ab als ihre Altersgenossen ohne Konsum. Mit dem Fortschreiten der Adoleszenz drehte sich dieses Muster jedoch – während die Nicht-Nutzer im typischen Alterstrend weiter zulegten, wurde die Entwicklung bei den Jugendlichen, die Cannabis begannen, „abgeflacht“. Auf den meisten Aufgaben verbesserten sich zwar auch diese Teilnehmenden weiter, aber deutlich langsamer. Bis zum Alter von 15 bis 17 Jahren lagen die Jugendlichen mit Cannabisstart in nahezu allen untersuchten Domänen hinter den Nicht-Nutzern, darunter Verarbeitungsgeschwindigkeit, verbales Erinnern und visuelle/raumbezogene Fähigkeiten. Die Forschenden beschreiben die Unterschiede als überwiegend klein, ordnen aber bestimmten Bereichen größere Effekte zu: Für das episodische Gedächtnis wird ein mittlerer Effekt genannt, für das Arbeitsgedächtnis ein großer. Die Relevanz liegt dabei nicht nur im statistischen Signifikanzbereich; selbst moderate Verschiebungen können sich in der Praxis auf schulische Anforderungen auswirken.

Um stärker auf chemische Bestandteile einzugehen, führten die Autoren zusätzlich eine Sekundäranalyse mit einer Teilstichprobe von 645 Jugendlichen durch, die wiederholte Haar-Toxikologie-Tests zwischen 12 und 16 Jahren hatten. Haaranalytik detektiert vor allem regelmäßige Expositionen (vereinfacht gesagt etwa ab ungefähr zweimal monatlich). Die Gruppe wurde dabei in Jugendliche ohne nachweisbare Cannabinoide, solche mit THC (81 Personen) und solche mit CBD (21 Personen; davon hatten 13 zusätzlich THC im Haar) unterteilt. In dieser Auswertung zeigte sich bei Jugendlichen mit objektiven Hinweisen auf jüngere THC-Exposition eine geringere Verbesserungsrate im episodischen Gedächtnis – bis 15 bis 17 Jahre schnitten die THC-Gruppe damit schlechter ab als die Kontrollgruppe. Für CBD zeigte sich dagegen kein klarer Unterschied gegenüber den Jugendlichen ohne Cannabinoide. Auffällig ist auch die Aufgaben-Spezifität: Das episodische Gedächtnis war der Bereich, in dem sich die THC-Gruppe am deutlichsten von Kontrollen absetzte; bei Sprache, Inhibitionskontrolle, Verarbeitungsgeschwindigkeit oder Lesen gab es keine konsistenten Abweichungen. Die geringe Stichprobengröße bei CBD (n=21) begrenzt allerdings die Aussagekraft für Schlussfolgerungen zur Wirkung von CBD im Jugendalter.

Gleichzeitig sollten solche Ergebnisse nicht vorschnell als kausaler Beweis gelesen werden. Die Studienautoren betonen, dass die Daten zwar eine eng getaktete zeitliche Kopplung von Konsumbeginn und Entwicklungsverlauf nahelegen, aber nicht eindeutig zeigen, dass Cannabis selbst die verlangsamten kognitiven Gewinne verursacht. Ein mögliches Gegenargument ist das sogenannte „Regression-to-the-mean“-Phänomen: Wenn Gruppen anfangs überdurchschnittlich abschneiden, können spätere Messpunkte statistisch eher Richtung Durchschnitt zurückgehen – selbst ohne kausale Störwirkung. Zudem kann die Entscheidung, Cannabis zu nutzen, mit Eigenschaften zusammenhängen, die ebenfalls die Entwicklung beeinflussen, etwa wann Jugendliche gesundheitlich und neurokognitiv „reifer“ sind. Für CBD kommt hinzu, dass Jugendliche es möglicherweise als Selbstmedikation einsetzen, um Symptome wie Schlafprobleme oder Angst zu adressieren – solche Ausgangslagen könnten Testwerte unabhängig vom Cannabinoid verschieben. Die Autoren verweisen außerdem auf die praktische Messunsicherheit: Eine unbeabsichtigte THC-Exposition ist möglich, falls Produkte falsch deklariert sind. Bis die Teilnehmenden weiter in die späteren Jugendjahre und in das frühe Erwachsenenalter hinein verfolgt sind, bleibt damit vor allem eines klar: Die Studie liefert eine belastbare Beschreibung, dass der Konsumbeginn im Jugendalter mit einer abgeflachten kognitiven Entwicklung einhergeht – und sie macht deutlich, dass dafür nicht nur Selbstberichte, sondern objektive Biomarker nötig sind. Die Publikation ist unter dem DOI Neuropsychopharmacology dokumentiert.


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