BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Umfrage von Atradius unter rund 339 Unternehmen zeigt: Der Vertrauensverlust in die Bundesregierung schlägt spürbar auf die Wirtschaft durch. 72 Prozent fühlen sich von der Politik bei aktuellen Herausforderungen nicht ausreichend unterstützt, weitere 29 Prozent sogar gar nicht. Gleichzeitig bewertet knapp die Hälfte die Attraktivität des eigenen Standorts als gesunken. Besonders kritisch sind der Kreditzugang und die Belastung durch geopolitische Risiken in Lieferketten.

Der Wirtschaftsstandort Deutschland verliert nach Einschätzung vieler Unternehmen spürbar an Zugkraft – und das nicht nur wegen steigender Kosten, sondern auch wegen eines wahrgenommenen politischen Rückzugs. Laut einer Umfrage des internationalen Kreditversicherers Atradius unter rund 340 Unternehmen fühlen sich 72 Prozent von der Politik bei den aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen nicht ausreichend unterstützt; 29 Prozent davon sogar überhaupt nicht. Zugleich berichtet knapp die Hälfte, dass die Attraktivität des jeweiligen Unternehmensstandorts gegenüber dem Vorjahr gesunken sei. Für die Praxis heißt das: Weniger Investitionsmut, zäheres Planen und steigende Vorsicht bei Projekt- und Finanzierungsentscheidungen.
Technisch und operativ zeigt sich der Druck weniger als abstrakte Stimmung, sondern in konkreten Steuerungsproblemen entlang des Cashflows. Wenn knapp 43 Prozent die Standortattraktivität wegen steigender Abgaben, anhaltendem Fachkräftemangel und hohen Energiepreisen als gesunken bewerten, wirkt das direkt in Betriebsmittelplanungen und in der Fähigkeit, Verträge mit kalkulierbaren Margen zu schließen. Parallel berichten 22 Prozent über einen verschlechterten Zugang zu Finanzierungsmitteln in den vergangenen zwölf Monaten, während lediglich drei Prozent eine Verbesserung sehen. Das verschärft vor allem für Investitionen mit Fremdkapital die Lage, weil sich Konditionen und Laufzeiten stärker am Risiko orientieren.
Marktseitig ist auffällig, wie stark sich die Zahlungs- und Risikoaufsicht in der Breite auf Unternehmen auswirkt. Kreditversicherer wie Atradius agieren in einem Umfeld, in dem Vergleichsmaßstäbe auch durch Wettbewerber gesetzt werden: Allianz Trade (früher u. a. Euler Hermes) und Coface beurteilen branchen- und länderspezifische Ausfallrisiken ebenfalls kontinuierlich. Der Kern für Unternehmen bleibt jedoch derselbe Mechanismus: Unplanbare Kosten und verzögerte Lieferfähigkeit erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Forderungsausfällen, wodurch Versicherungsprämien, Limits oder Zahlungsziele restriktiver ausfallen können. In der Summe wird dadurch aus Politik- und Marktunsicherheit schneller ein Finanzierungsthema.
Ein wesentlicher Treiber liegt laut Umfrage außerhalb der Unternehmensgrenzen: Mehr als zwei Drittel (66 Prozent) spüren die Folgen geopolitischer Spannungen bereits in den Lieferkettenkosten, weitere 21 Prozent erwarten innerhalb der nächsten zwölf Monate spürbare Folgen. Besonders belastend sind steigende Transportkosten (78 Prozent) sowie höhere Einkaufspreise für Rohstoffe und Vorprodukte (75 Prozent) und Energiepreise (75 Prozent). Rund die Hälfte der Unternehmen leidet zusätzlich unter größerer Planungsunsicherheit. Diese Kombination trifft vor allem Firmen mit langen Beschaffungswegen, weil sich Preis- und Lieferzeitrisiken nicht nur im Einkauf, sondern auch im Vertrieb und in der Terminqualität niederschlagen.
Historisch betrachtet ist das nicht der erste Zyklus, in dem geopolitische Schocks die Lieferketten sichtbar verformen. In den vergangenen Jahren haben Unternehmen bereits auf mehr regionale Lager, bessere Lieferantendiversifizierung und strengere Vertragsklauseln gesetzt. Neu ist weniger die Idee als die Geschwindigkeit, mit der Firmen jetzt strukturell umsteuern müssen. In der Umfrage wird deutlich, dass das Umbauen der Lieferkette nicht beliebig beschleunigt werden kann: Friend-Sourcing – also der gezielte Abzug von Lieferanten aus politisch riskanten Regionen – wurde bislang von gut jedem fünften Unternehmen zurückgestellt oder geplant; gleichzeitig sagt Atradius, der Umbau sei aufwendig und benötige Vorlaufzeit, die viele nicht hätten. Damit wird Resilienz zu einem Kapazitäts- und Transformationsprojekt.
Auch bei der politischen Erwartungshaltung zeigt sich ein klares Muster: Unternehmen fordern Entlastung statt zusätzlicher Abgaben. Die Umfrage belegt eine hohe Zustimmung zu konkreten Maßnahmen, statt nur allgemeiner Erwartungshaltung. 60 Prozent sprechen sich für eine Senkung der Stromsteuer aus, 57 Prozent für eine Senkung der Einkommensteuer und rund 56 Prozent lehnen eine Erhöhung der CO2-Abgabe in 2027 ab. In der Logik dahinter geht es um Planbarkeit: Stabilere Abgaben und niedrigere Steuerlast wirken direkt auf Kalkulationsgrundlagen, Investitionshorizonte und Personalplanung. Für Entscheider ist das besonders relevant, weil Fachkräftemangel und Energiepreise bereits als harte Restriktionen wirken.
Aus Unternehmenssicht ist die Kontrastierung zwischen Einmalmaßnahmen und strukturellen Effekten wichtig. Vor dem Hintergrund, dass eine politisch avisierte steuerfreie Einmalprämie von 1.000 Euro nicht umgesetzt wurde, erwarten Unternehmen jetzt Maßnahmen mit nachhaltiger Wirkung. Das ist auch aus Sicht der Risiko- und Finanzierungsmodelle konsistent: Einmalzahlungen verbessern kurzfristig Liquidität, aber sie ändern nicht dauerhaft die Kostenbasis, die Kreditgeber und Kreditversicherer in ihre Risikomodelle einpreisen. Wenn zugleich 22 Prozent von einem schlechteren Kreditzugang sprechen, steigt die Relevanz von stabilen Rahmenbedingungen, weil Finanzierungskosten und Covenants häufig enger gefasst werden. Damit verschiebt sich die Diskussion von „Wunsch nach Unterstützung“ zu „Fähigkeit zur Tragfähigkeit“.
Regulatorisch und datenschutztechnisch berührt die Umfrage vor allem die Art, wie wirtschaftliche Einschätzungen erhoben und verarbeitet werden. Kreditversicherer nutzen häufig strukturierte Unternehmensdaten, um Ausfallrisiken zu bewerten; solche Prozesse müssen in der Praxis DSGVO-konform gestaltet sein, insbesondere bei der Verknüpfung von Befragungsantworten mit Unternehmensprofilen. Für Unternehmen heißt das: Sie sollten intern dokumentieren können, welche Daten wofür erhoben werden, wie lange sie gespeichert werden und ob Auftragsverarbeiter beteiligt sind. Gerade weil die Umfrage unter verschiedenen Branchen durchgeführt wurde – von Automotive über IT/Software bis Transport – ist eine konsistente Governance wichtig, damit Risikoanalysen nachvollziehbar bleiben.
In die Zukunft gelesen deutet die Kombination aus Standortskepsis, Lieferkettenbelastung und Finanzierungsschmerz auf eine nächste Phase der Anpassung hin. Die Umfrage nennt als Regionen mit den größten Versorgungsrisiken vor allem den Nahen Osten sowie China/Taiwan, jeweils genannt von rund der Hälfte der Befragten. Das impliziert: Einkaufs- und Logistikstrategien werden stärker von Risiko-Scoring und Lieferantendaten getrieben werden müssen. Für die Unternehmens-IT bedeutet das wiederum mehr Bedarf an Datenintegration, etwa für Bestands-, Preis- und Lieferzeitmodelle, um Entscheidungen über Sourcing, Lagerhaltung und Zahlungsziele schneller treffen zu können. Branchenanalysten rechnen in solchen Lagen meist mit einer längeren Phase erhöhter Risikoprämien, bis sich Kosten- und Lieferpfade wieder stabilisieren.
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