BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Messansätze in der Sport- und Präventionsmedizin verbinden Atembiomarker, metabolische Überwachung und Erkenntnisse zu Jo-Jo-Diäten. Ein tragbarer Aceton-Sensor liefert Resultate in 90 Sekunden und soll damit Beratung und Therapie messbar machen. Gleichzeitig zeigt eine große Untersuchung, dass starke Gewichtsschwankungen über Jahre sichtbar Muskelmasse kosten. Der zweite Teil der Entwicklung reicht von zellulären Enzymmechanismen bis zu Programmen in Unternehmen, die Muskel-Skelett-Risiken aktiv adressieren.

Das nächste Kapitel im Bereich “Performance durch Messdaten” beginnt nicht im Kraftraum, sondern in der Atemluft: Forschende der ETH Zürich haben einen tragbaren Sensor entwickelt, der Aceton in der Ausatemluft erfasst. Aceton gilt als Indikator für Stoffwechselzustände, die typischerweise mit der Nutzung von Fettreserven zusammenhängen. In der untersuchten Konstellation liefert das System innerhalb von 90 Sekunden Ergebnisse und wird über eine App gesteuert. Damit adressiert das Gerät ein praktisches Problem vieler Diät- und Trainingsansätze: Wie bekommt man Rückmeldungen so schnell, dass sie noch in den nächsten Trainings- oder Ernährungsentscheidungen wirken können, statt erst Wochen später als “Rückblick” zu dienen.
Die Studie umfasste zwölf gesunde Erwachsene im Alter von 20 bis 37 Jahren und stützte sich auf insgesamt 312 Messungen. Entscheidend ist dabei weniger die Idee “Aceton messen”, sondern die Abgleichbarkeit: Die Werte stimmen laut Bericht weitgehend mit denen überein, die mit herkömmlichen Labormassenspektrometern erzielt werden. Gleichzeitig zeigen die Forschenden ausdrücklich große individuelle Unterschiede. Das ist in der Praxis ein wichtiger Hinweis, denn er erklärt, warum dieselbe Diätstrategie bei zwei Menschen zwar ähnlich umgesetzt wird, metabolisch aber anders “anspringt”. Für den Transfer in Anwendungen wie Diätsteuerung, Begleitung bei Diabetes-Therapien oder die Unterstützung bei der Verfolgung von Epilepsiebehandlungen bedeutet das: Der Sensor kann helfen, Muster sichtbar zu machen, ersetzt aber nicht die individuelle Einordnung.
Während die Atemanalyse den Stoffwechsel in Echtzeit adressiert, wirkt die zweite Studie wie eine Warnleuchte für das Muskelgewebe: Die University of California San Francisco untersuchte die Auswirkungen von Jo-Jo-Diäten anhand von 1.433 Erwachsenen mit einem Durchschnittsalter von 61 Jahren. Die Kernaussage lautet, dass Personen mit starken Gewichtsschwankungen über einen Zeitraum von mehr als vier Jahren durchschnittlich 3,7 Prozent ihrer Oberschenkelmuskulatur verloren. Bei Menschen mit relativ stabilem Gewicht lag der Wert bei rund ein Prozent. Noch wichtiger als die Zahl ist der methodische Rahmen: Die Studienautoren betonen, dass der Effekt nicht zwingend kausal sein muss. Dennoch wird deutlich, dass wiederholte Phasen mit Gewichtsabnahme und -zunahme ein Risiko für den Erhalt der Skelettmuskulatur darstellen.
Damit schiebt sich ein zweites, oft unterschätztes Ziel in den Vordergrund: Muskelerhalt als Voraussetzung für Leistungsfähigkeit. Denn wer Gewicht zyklisch reduziert, verliert nicht nur Fett, sondern gefährdet auch die Struktur und Funktion des Muskelgewebes, was später den “Wiederaufbau” erschwert. In der Gesamtschau passt das zur laufenden Entwicklung, die Erkenntnisse aus Biologie und Zellmechanismen enger mit Trainings- und Gesundheitsprogrammen verknüpft. Die Universität zu Köln identifizierte in einer am 23. Juli in Science Advances veröffentlichten Untersuchung das Enzym ALR als Stabilisator für das Protein CPOX, das wesentlich für die Hämbildung ist. Fehlende Stabilisierung kann dazu beitragen, dass die Mitochondrien aus dem energetischen Rhythmus geraten; die Energieproduktion in den Zellen leidet dann. Daneben untersuchten Forschende der HHU Düsseldorf den Botenstoff S1P: In einer Studie mit 74 Patientinnen und Patienten senkten höhere S1P-Spiegel die Gerinnungsaktivität in Gefäßwänden, ohne das Blutungsrisiko zu erhöhen. Für Sportler und Patienten ist das vor allem deshalb relevant, weil es zeigt, wie stark “Energie” und “Gefäßfunktion” in translationalen Ansätzen miteinander verknüpft sein können.
Von der Zelle auf den Platz: Die Signalwege aus Labor und Klinik werden inzwischen organisatorisch in die Praxis übersetzt. So gab der Pharmakonzern Bayer am 22. Juli eine Kooperation mit dem Salzburger Unternehmen Biogena bekannt, mit dem Ziel, tiefere Einblicke in Gesundheit und Leistungsfähigkeit im Spitzensport zu gewinnen – konkret mit Blick auf Bayer 04 Leverkusen. Sportwissenschaftliche Tests und ärztliche Check-ups sind dafür vorgesehen, unter anderem Bioimpedanzanalysen und Ergospirometrien, wie sie Ende Juni im Lanserhof Sylt durchgeführt wurden. Gleichzeitig wird Prävention auch unabhängig vom Profi-Setting betrieben: Die Deutsche Post startete im Juli das Programm “Ergo 2” für Paketzusteller. Hintergrund ist ein Krankenstand von 7,69 Prozent im Jahr 2024, ermittelt durch eine AOK-Studie. Ziel ist es, Muskel-Skelett-Erkrankungen vorzubeugen – also Risiken früh zu adressieren, bevor sie chronisch werden.
Dass sich diese Entwicklung nicht nur im Datenraum abspielt, zeigt auch der sportliche Taktgeber: Frederik Ruppert stellte im Juni 2025 einen Europarekord über 3000 Meter Hindernis mit 7:57,80 Minuten auf. Für viele Leistungsprogramme ist das ein funktionaler Beleg dafür, dass Hochleistung nicht nur aus “Training”, sondern aus abgestimmter Messung, Erholung und Prävention entsteht. Wenn deutsche Leichtathleten sich derzeit auf die Europameisterschaften in Birmingham vom 10. bis 16. August 2026 vorbereiten, wird außerdem sichtbar, wie sehr der Wettbewerb in Phasen mit hoher Belastung die Frage nach Stabilität aufwirft: Stabiler Stoffwechsel, stabile Muskelmasse, stabile Regenerationsfähigkeit. Genau dort könnten ein schneller Atemtest wie der Aceton-Sensor und die Evidenz zu Jo-Jo-Effekten zusammenwirken – nicht als einzelne Wunderlösung, sondern als Bausteine für Entscheidungen, die Leistung messbar absichern.
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