BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Quishing-Angriffe mit täuschend echten QR-Codes sind laut aktuellen Auswertungen im ersten Quartal 2026 um 146 % gestiegen. Gleichzeitig nimmt Smishing zu: Im zweiten Quartal 2026 wurden rund 162 % mehr SMS-Phishing-Fälle gemeldet. Besonders betroffen sind Bankkunden und Nutzer öffentlicher Dienste, während Angreifer zunehmend auch KI für personalisierte Kampagnen einsetzen. Der Beitrag ordnet technische Ursachen, typische Angriffspfade und die sich verschiebende Haftungslage ein.

Quishing entwickelt sich 2026 von einer Nischenmasche zu einem zentralen Bestandteil der Phishing-Landschaft. Im ersten Quartal 2026 kletterte die Zahl der Quishing-Attacken im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 146 %. Besonders auffällig ist die Dichte: Im März wurden monatlich rund 18,7 Millionen Angriffsversuche registriert, und mittlerweile enthält offenbar jede neunte Phishing-E-Mail einen QR-Code. Für Unternehmen und Behörden ist das mehr als nur ein neues Köderformat. Denn QR-Codes senken die Hürde vom „Klicken“ zur „Interaktion“: Der Schritt zur Weiterleitung wirkt weniger verdächtig, vor allem auf Mobilgeräten.
Technisch betrachtet spielt die Kombination aus QR-Scan und betrugsnahem Redirect eine Schlüsselrolle. Opfer scannen den Code, gelangen auf präparierte Webseiten und werden dort meist in Richtung Online-Banking oder in Formulare gelotst, die echte Institute nachahmen. Laut den vorliegenden Angaben werden die Angriffsschritte zusätzlich über den Postweg verstärkt: In mehreren Regionen gingen gefälschte Briefe mit täuschend echten QR-Codes ein. Solche Pfade sind besonders kritisch, weil sie den „Device-Bias“ ausnutzen: Wer den Code physisch erhalten hat und ihn „nur abscannen“ möchte, prüft die Zielseite häufig weniger stringent als bei klassischen Links.
Die Smishing-Welle kommt parallel dazu. Für das zweite Quartal 2026 wird ein Anstieg von SMS-Phishing (Smishing) um 162 % genannt. Auffällig ist der zeitliche Kontext: Während der Fußball-Weltmeisterschaft von April bis Juni beobachteten Sicherheitsexperten einen Zuwachs von Phishing-Versuchen mit Turnierbezug um 500 %. Für die Angreifer ist das nicht nur ein Marketing-Element, sondern eine Targeting-Strategie. „Ereignisnahe“ Nachrichten erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Nutzer auf vermeintliche Sicherheits- oder Zahlungsbenachrichtigungen reagieren. Damit verlagert sich das Risiko stärker in den Alltag – dort, wo SMS noch als verlässlich wahrgenommen werden.
Ein zusätzlicher Verstärker ist Künstliche Intelligenz, die vor allem Personalisierung effizient macht. In einem Test wurde berichtet, dass KI-Systeme den Standort von Personen anhand von Urlaubsfotos in 91 % der Fälle korrekt bestimmen konnten – selbst ohne Metadaten. Diese Informationen eignen sich dann als Kontextanker für ortsbezogene Phishing-Mails, die wie Sicherheitswarnungen lokaler Banken formuliert sind. Für die Abwehr bedeutet das: Es reicht nicht mehr, nur die Grammatik oder die Domain-Optik zu prüfen. Verteidiger müssen auch Content-Signale und Kontextlogik automatisiert bewerten, etwa ob eine Warnung zu Zeit, Ort und Nutzerrolle wirklich passt.
Der Markt reagiert, allerdings oft mit zu langen Zyklen. Angreifer testen laufend neue Landing-Page-Varianten, während Schutzkonzepte in Unternehmen häufig an Incident-Prozesse, Freigaben und Kampagnenlaufzeiten gebunden sind. Im gleichen Zuge arbeiten etablierte Sicherheitsanbieter an härteren Checks für gefährliche URLs und Phishing-Muster; Google und Microsoft setzen dabei über ihre Ökosysteme und Browser-Funktionen auf Erkennung, während Banken ihrerseits stufenweise auf robustere Authentifizierung umstellen. Für Organisationen mit heterogenen Endgeräten wird das zur Integrationsaufgabe: Schutzmechanismen dürfen nicht „nur“ im Browser greifen, sondern müssen auch im Identity-Stack konsequent durchziehen.
Rechtlich verschiebt sich währenddessen die Haftungslogik spürbar. Für den Bundesgerichtshof wurde bereits im Juli 2025 festgestellt, dass Banken im Schadensfall erstatten müssen, sofern sie dem Kunden keine grobe Fahrlässigkeit nachweisen können. Diese Linie wurde Ende Juni 2026 durch den belgischen Kassationshof bestärkt; dabei bleibt die Beweislast bei den Kreditinstituten, während der Kunde nur bei untypischem Verhalten für sein Profil haftet. Das erhöht den Druck auf Banken und Service-Provider, Sicherheitsstandards nachweisbar umzusetzen – sonst wird Haftung schwerer durchsetzbar.
Unternehmen sollten diese Entwicklung mit einer klaren Sicherheitsarchitektur beantworten, nicht nur mit Awareness. Passkeys werden dabei in der Praxis als stärkerer Hebel gehandelt, weil sie klassische Passwort-Umgehungen und viele Replay-Ansätze reduzieren. Zusätzlich gewinnt „Out-of-Band“-Sperrung an Bedeutung: Im Verdachtsfall wird zur Nutzung der offiziellen App des Dienstleisters sowie zum Sperr-Notruf 116116 geraten. Für IT-Teams heißt das: Notfallprozesse müssen erreichbar und dokumentiert sein, auch wenn Angreifer bereits Kommunikationskanäle wie SMS kompromittieren. Gerade im Mobilkontext entscheidet die Geschwindigkeit zwischen Verdacht und Sperrhandlung über den Schaden.
Parallel entstehen neue Zielgruppen- und Branchenprofile. Für Freelancer und Reisende wird von spezialisierten Kampagnen berichtet, bei denen personalisierte E-Mails etwa angebliche Urheberrechtsverletzungen adressieren und über manipulierte PDF-Reader Malware wie „Rhadamanthys“ einschleusen sollen. Im Reisesektor greifen Betrüger auf Buchungssysteme zu und kontaktieren Gäste per WhatsApp: Unter dem Vorwand einer notwendigen Datenbestätigung werden Links zu gefälschten Formularen gesendet, um Kreditkarteninformationen abzugreifen. Die Bundesregierung plant zugleich laut den Angaben einen 26-Punkte-Plan gegen Finanzkriminalität – mit 1.500 neuen Stellen in Sicherheitsbehörden und einem verschärften Strafmaß von bis zu 15 Jahren Haft für schwere Fälle. Für die nächsten Monate ist daher zu erwarten, dass Präventions- und Durchsetzungsmaßnahmen schneller greifen werden, während Angreifer ihre Kampagnen weiter automatisieren und KI-gestützte Personalisierung ausbauen.
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