LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie klassifiziert Erwachsene in drei Verhaltensprofile, je nachdem wie Solo-Masturbation, Partnerintimität, Motive und empfundener Genuss zusammenwirken. Die Ergebnisse zeigen: Häufigkeit allein erklärt noch nichts über die Beziehungsqualität. Stattdessen entscheidet, ob die Handlungen vor allem die eigene Lust unabhängig erweitern oder ob sie als Ausgleich bei Defiziten dienen. Damit rückt die Forschung psychologische Faktoren und das Studiendesign stärker in den Mittelpunkt als moralische Bewertungen.

Studie identifiziert drei Muster zwischen Solo-Sex und Partnerintimität
Studie identifiziert drei Muster zwischen Solo-Sex und Partnerintimität (Foto: IT BOLTWISE)
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Eine Studie zur Sexualgesundheit bringt Bewegung in eine Diskussion, die in vielen Beziehungen schnell zu Wertungen führt: Nicht die bloße Frage „Wie oft?“ steht im Zentrum, sondern warum und mit welchem subjektiven Erleben Solo-Masturbation neben Partnerintimität existiert. Die Arbeit unterscheidet drei Verhaltensprofile bei Erwachsenen in festen Beziehungen und verbindet dabei Motive, Einstellungen zur Masturbation sowie das persönliche Lust- und Belohnungserleben. Veröffentlicht wurde die Untersuchung in der Fachzeitschrift International Journal of Sexual Health. Besonders relevant: Die Profile legen nahe, dass „mehr Solo“ nicht automatisch „Probleme im Paar“ bedeutet.

Historisch wurde die Masturbationshäufigkeit in der Beziehungsforschung oft als Randkennzahl betrachtet. Ein populäres Denkmodell war dabei der sogenannte kompensatorische Ansatz der Sexualität: Solo-Handlungen gelten demnach vor allem als Ersatz für seltene oder unbefriedigende gemeinsame Sexualität. Dieses Modell ist in vielen Gesprächen mitimpliziert, etwa wenn vermutet wird, dass ein hoher Solo-Frequenzwert auf Spannungen oder eine schwindende körperliche Nähe hinweist. Die neue Studie testet diese Logik jedoch nicht als Monokultur, sondern stellt ihr ein zweites Rahmenmodell gegenüber, das Solo-Lust grundsätzlich als eigenständige Ressource auffasst.

Das Gegenstück ist das komplementäre Modell. Es beschreibt Masturbation nicht als Reaktion auf Defizite in der Partnerschaft, sondern als Möglichkeit, die sexuelle Gesundheit insgesamt zu unterstützen – als zusätzliche Quelle von Genuss. Technisch betrachtet ähnelt diese Gegenüberstellung einer Modellverfeinerung in der Psychologie: Statt nur Verhaltenshäufigkeiten zu zählen, werden Motive und subjektive Belohnungserlebnisse berücksichtigt. Die Studie ordnet diese Erlebnisebene in einen psychobiologischen Rahmen ein, der den sexuellen Antwortzyklus in zwei Kernkomponenten zerlegt: innere Motivation zur Stimulation und das belohnende Gefühl, das am Höhepunkt (Climax) auftritt. Genau diese Differenzierung macht die Clusteranalyse später so erklärstark.

Für die empirische Grundlage startete das Forschungsteam eine Online-Erhebung von Dezember 2022 bis März 2023. In Summe lagen Daten von 1.028 spanischen Erwachsenen vor, darunter 475 Männer und 553 Frauen im Alter von 18 bis 75 Jahren. Alle Teilnehmenden gaben an, cisgeschlechtlich zu sein und ausschließlich Beziehungen mit dem anderen Geschlecht zu verfolgen; zudem waren sie zum Erhebungszeitpunkt in romantischen Beziehungen. Abgefragt wurden Angaben zur Häufigkeit gemeinsamer Intimität und zu Solo-Sex, ergänzt um Messungen zur isolierten sexuellen Wunschmotivation, zu emotionalen Reaktionen auf den Höhepunkt sowie zu negativen Einstellungen gegenüber Masturbation. Solche Variablen sind für die spätere Typisierung entscheidend.

Aus den Antworten nutzte das Team statistische Modellierung, um drei Profile zu bilden. Das erste Cluster zeigte hohe Frequenzen sowohl bei gemeinsamer Intimität als auch bei Solo-Masturbation. Das zweite Profil verband seltene Partnersexualität mit einer hohen Rate an Solo-Handlungen. Das dritte Cluster wiederum kombinierte aktive Partnerintimität mit sehr niedriger Solo-Aktivität. Damit liefert die Arbeit im Kern zwei „Arten“ von Koexistenz: Kombinationen, die sowohl im Paar- als auch im Solobereich intensiv sind, sowie Konstellationen, in denen einer der Bereiche deutlich abfällt. Entscheidend ist die Begründungsebene: Motive und Einstellungen unterscheiden sich zwischen den Profilen stärker als reine Häufigkeiten.

Das erste Profil passte besonders gut zum komplementären Modell. Teilnehmende in diesem Cluster erzielten niedrige Werte bei negativen Einstellungen zur Masturbation und nannten als Haupttreiber „reine“ körperliche Lust. Bei Männern und Frauen war das Muster ähnlich: Die Solo-Gewohnheit wirkte weniger wie ein Notnagel und eher wie ein selbstbestimmtes Element des eigenen Lustsystems. Weil die Befragten zugleich häufig Partnerintimität berichteten, schien der Antrieb nicht aus fehlendem Zugang zu entstehen. Zudem zeigten die Personen in diesem Cluster die höchsten Werte für emotionale Zufriedenheit und körperliche Belohnung während der Solo-Klimax. Als plausible Erklärung ergibt sich: Wenn das Belohnungserleben positiv ist, stabilisiert es Routine.

In dem ersten Profil fanden sich zusätzlich demografische Tendenzen, die eher als Hypothesen für Folgearbeiten zu lesen sind. Viele der Teilnehmenden lebten nicht mit ihrem romantischen Partner zusammen. Dieses räumliche und organisatorische Setting kann tatsächlich die Privatsphäre erhöhen und damit soziale Bewertung im Alltag reduzieren, ohne dass das in der Studie als kausaler Mechanismus bewiesen wird. Außerdem erkundeten Frauen in diesem Profil Masturbation im Durchschnitt früher als andere Teilgruppen. Solche Unterschiede sind für die Therapiepraxis relevant, weil sie nahelegen, dass Erfahrungspfade und Kommunikationsumfeld (z. B. frühe Etablierung von Selbst-Exploration) eine Rolle spielen könnten. Gleichzeitig bleibt der zentrale Befund: Das Motiv ist wichtiger als die Frequenz.

Das zweite Profil entsprach am deutlichsten dem kompensatorischen Modell. Hier hing die hohe Solo-Rate mit erlebten Defiziten in der Beziehung zusammen: Teilnehmende nannten als Hauptantrieb Mangel an gemeinsamer Intimität oder Unzufriedenheit mit dem Partner. Interessant sind dabei die gender-spezifischen Nuancen. Männer aus diesem Cluster berichteten, Pornografie häufig als Werkzeug zur emotionalen Distanzierung zu nutzen. Das deutet darauf hin, dass Solo-Sex in manchen Fällen nicht nur körperlichen Zweck erfüllt, sondern auch als Rückzugsmöglichkeit bei relationalem Stress fungieren kann. Zudem lagen die Angaben zum Zeitpunkt erster sexueller Beziehungen im Durchschnitt über dem der Gesamtstichprobe. Bei Frauen zeigte sich dagegen eine andere Struktur: Sie waren tendenziell älter und berichteten längere Beziehungen.

Für die Frauen im zweiten Cluster könnte der Zusammenhang mit Beziehungsdauer eine Schlüsselrolle spielen: Längere Partnerschaften gehen in vielen Biografien mit einer natürlichen Veränderung der Häufigkeit und Dynamik gemeinsamer Sexualität einher. In der Studie wurde diese Verschiebung so interpretiert, dass Frauen ihre Fokusorientierung stärker in Richtung Solo-Aktivitäten verlagern, wenn sich die Paarintimität dynamisch verändert. Wichtig ist dabei, dass „Verlagerung“ nicht automatisch „Kompensation aus Verlust“ heißt; im zweiten Cluster war der Unterschied zur ersten Gruppe dennoch deutlich, weil das Motiv auf Beziehungslücken bezogen war. Das dritte Profil bricht dann wiederum mit beiden Deutungsmustern: Es zeigte hohe Partnerintimität, sehr niedrigen Solo-Sex und zugleich die niedrigste isolierte sexuelle Wunschmotivation.

Das dritte Cluster ist für die Diskussion besonders nützlich, weil es die Annahme „Solo ersetzt immer Partnerintimität“ praktisch entkräftet. Teilnehmende in diesem Profil hatten außerdem die negativsten Einstellungen gegenüber Masturbation im gesamten Datensatz. Männer in dieser Gruppe waren tendenziell älter und berichteten offenbar eine starke Ausrichtung auf gemeinsame Sexualität als primäre Quelle der Befriedigung. Bei Frauen zeigte sich dagegen, dass Masturbation im Durchschnitt erst deutlich später erkundet wurde. Gleichzeitig waren Bildungsunterschiede statistisch nicht signifikant: Bildung erklärte weder die Solo- noch die Partnerfrequenz. In der Zusammenschau rücken demografische Faktoren und persönliche Einstellungen stärker in den Vordergrund als die formale Bildung. Damit entsteht ein flexibleres Bild sexueller Selbstregulation in Beziehungen.

Methodisch setzt die Studie klare Grenzen. Das Design ist querschnittsbasiert, das heißt: Die Daten erfassen Trends zu einem Zeitpunkt. Damit kann die Arbeit nicht beweisen, ob Beziehungsschwierigkeiten tatsächlich Ursache für veränderte Solo-Gewohnheiten sind. Auch die Rekrutierung über eine Online-Umgebung kann Sampling-Bias erzeugen, weil Menschen, die freiwillig an Umfragen zu Sexualgesundheit teilnehmen, häufig offener oder stärker reflektiert sind als der Durchschnitt. Für die Einordnung heißt das: Die Profile sind starke Beschreibungen von Mustern, aber keine Kausalmodelle. Für die Praxis ist dennoch ein nächster Schritt naheliegend, denn die Studie verweist selbst auf Perspektiven: Längsschnittstudien und die Betrachtung weiterer sexueller Orientierungen und Geschlechtsidentitäten würden die Generalisierbarkeit verbessern.

Aus industrie- und systemnaher Sicht lässt sich der Ansatz als „Profiling über Motivations- und Belohnungsmetriken“ lesen, ähnlich wie man in anderen Feldern (z. B. Customer-Analytics) von reinen Nutzungsraten weggeht hin zu erklärenden Features. Für Therapeutinnen und Berater eröffnet das Potenzial, Gespräche stärker zu strukturieren: Statt Masturbationshäufigkeit zu bewerten, könnte man gezielt Motive, Einstellungen und das erlebte Belohnungserlebnis erfassen. Eine wichtige Zukunftsfrage bleibt, wie sich Personen zwischen den Profilen bewegen, etwa nach Lebensereignissen wie Elternschaft oder nach Phasen relationalen Stresses. Wenn Folgearbeiten gekoppelte Paardaten über Jahre erheben, wird die Dynamik zwischen komplementären und kompensatorischen Mustern erstmals zeitlich sichtbar. Genau dann wird aus einem Muster-Report ein belastbarer Roadmap-Ansatz für bessere Beratung und Kommunikation.


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