SALZGITTER / LONDON (IT BOLTWISE) – Salzgitter rechnet für 2026 mit einem deutlich höheren bereinigten EBITDA von 725 bis 825 Millionen Euro statt der bisherigen Planung. Der Vorstand führt die Steigerung auf eine bessere operative Entwicklung und die Vollkonsolidierung von Krupp Mannesmann (HKM) zurück. Zur gleichen Zeit kritisiert Konzernchef Gunnar Groebler die geplante EU-Reform des Emissionshandels als Risiko für Investitionen in grünen Stahl. Die Aktie reagierte bereits mit Kursgewinnen – während die Produktionsumstellung Richtung Wasserstoff erst 2027 startet.

Salzgitter setzt nach dem ersten Halbjahr ein klares Signal: Der Stahlkonzern hebt seine Jahresprognosen an, nachdem sich das operative Geschäft besser als erwartet entwickelt hat und mit der Komplettübernahme der Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) ein zentraler Zukauf nun vollständig in die Konzernzahlen einfließt. Konkret taxiert der Vorstand das bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) 2026 auf 725 bis 825 Millionen Euro. Das ist in der Mitte deutlich mehr als das bisher kommunizierte Niveau – und verschiebt damit auch die Erwartungshaltung der Kapitalmärkte, die bei Stahlwerten ohnehin stark auf Margendruck und Zyklik achten.
Technisch und buchhalterisch ist vor allem die Konsolidierung relevant: Das Management nennt als Treiber einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag aus der HKM-Übernahme. Das klingt zunächst nach einer reinen Ergebnisbereinigung, hat aber im Detail eine größere Wirkung, weil HKM die Volumina und Kostenstrukturen des Konzerns im Kerngeschäftsblock Stahlproduktion, Handel und Technologie verändert. Bei der Außenumsatz-Entwicklung zeigt sich zugleich die Zyklik: Im ersten Halbjahr lag der Außenumsatz mit 4,6 Milliarden Euro leicht unter dem Vorjahreswert, während das EBITDA kräftig zulegte – von 117 auf 459 Millionen Euro. In der Praxis deutet das auf eine bessere Kosten- und Margensituation hin, nicht nur auf mehr Umsatz.
Für den Markt ist die Prognoseanhebung zudem ein Timing-Thema. Branchenbeobachter rechnen damit, dass ein Teil der höheren Spanne auf die tatsächliche Geschäftsentwicklung und ein Teil auf die HKM-Umschichtung zurückzuführen ist. Jefferies-Analyst Cole Hathorn wird in diesem Zusammenhang zitiert bzw. seine Einschätzung wiedergegeben, wonach die Hälfte der Prognoseerhöhung aus der operativen Entwicklung und die andere Hälfte aus der HKM-Übernahme resultieren könnte. Auch JPMorgan-Analyst Dominic O’Kane ordnet die quartalsweise Ergebnisstärke ein: Demnach erzielte Salzgitter im zweiten Quartal im Kerngeschäft einen operativen Gewinn in Höhe von 133 Millionen Euro – genauso viel wie im ersten Quartal und damit spürbar über den Erwartungen. Bemerkenswert: Der Aurubis-Beitrag in Höhe von 47 Millionen Euro war in dieser Betrachtung nicht enthalten.
Ein weiterer wirtschaftlicher Hebel steckt in der Ergebnisqualität über Beteiligungen. Salzgitter weist darauf hin, dass in den bisherigen Ergebnissen ein gestiegener Beitrag der Beteiligung Aurubis enthalten ist. Aurubis steuerte 193 Millionen Euro über die Rechnungslegungsmethode „at-equity“ bei, nach zuvor 72 Millionen Euro im Vorjahr. Diese Entwicklung hat zwei Effekte: Erstens kann sie das Konzern-EBITDA temporär stützen, zweitens verändert sie die Risikowahrnehmung, weil Beteiligungsergebnisse stärker von Marktpreisen im Nicht-Eisenmetallbereich abhängen als der reine Stahlzyklus. Für Unternehmen im Wettbewerb – etwa innerhalb Europas gegenüber Playern wie ArcelorMittal oder thyssenkrupp-nahem Umfeld – wird genau diese Trennschärfe wichtig, wenn Investoren „Core“-Stärke gegen „Portfolio“-Effekte abwägen.
Parallel zur Ergebnisentwicklung bekommt die regulatorische Ebene in Salzgitter-Berichten besonderes Gewicht. Konzernchef Gunnar Groebler kritisiert die Pläne der EU-Kommission zur Reform des Emissionshandels. Aus seiner Sicht gefährden diese Änderungen Investitionen in den Klimaschutz und bestrafen Unternehmen, die bereits mit dem Umbau begonnen haben. Sein zentraler Punkt ist, dass eine Industriepolitik, die „nachträglich die Spielregeln ändert“, Vorreiterunternehmen nicht im Regen stehen lassen darf. Inhaltlich zielt die Diskussion auf eine Abschwächung eines Klimaschutzinstruments: So soll die Gesamtzahl verfügbarer Rechte für den Ausstoß klimaschädlicher Gase langsamer sinken und in bestimmten Bereichen mehr kostenlose Zertifikate geben.
Damit verschiebt sich für die nächsten Jahre die Kostenlogik für die Stahlproduktion – und genau diese Logik bestimmt, ob Investitionen in „grünen Stahl“ wirtschaftlich bleiben. Salzgitter hat die Umrüstung im Werk Salzgitter Ende 2023 begonnen; Bund und Land fördern den Umbau mit gut 1,3 Milliarden Euro. Die erste Anlage für grünen Stahl soll 2027 in Betrieb gehen. Der Ansatz ist dabei klar: Der Stahl soll nicht mehr primär im kohlebefeuerten Hochofen entstehen, sondern in einer neuen Anlage, die zunächst mit Erdgas und später mit grünem Wasserstoff laufen kann. Im Vergleich zu klassischer Hochofenroute wird das Prozessrisiko verlagert: Von unmittelbaren Emissionskosten hin zu Energie- und Wasserstoffverfügbarkeit, Netzinfrastruktur und langfristigen Energiepreisszenarien.
Für das Unternehmen folgen daraus zwei strategische Fragen, die auch im Wettbewerb relevant sind. Erstens: Wie lässt sich die Investitionskalkulation in einem Umfeld absichern, in dem die erwartete CO2-Bepreisung politisch angepasst werden kann? Zweitens: Wie gelingt die Skalierung und Stabilisierung der neuen Produktionsschritte, wenn während der Übergangsphase ein Mix aus Erdgas und perspektivisch Wasserstoff nötig ist. Marktanalysen zur europäischen Stahlindustrie legen nahe, dass das Emissionshandelssystem (ETS) als Planungsanker fungiert: Je weniger die erwartete Zertifikatsverknappung wirkt, desto stärker verschieben sich Investitionsentscheidungen in spätere Zeitfenster. Das kann zur Folge haben, dass Nachzügler profitieren – während frühe Umsteller zeitweise höhere finanzielle Lasten tragen.
Mit Blick auf die kommenden Quartale ist deshalb interessant, wie Salzgitter Prognose und Investitionsstory zusammenbringt. Beim Vorsteuergewinn setzt das Unternehmen ebenfalls nach: Das Ziel für den bereinigten Vorsteuergewinn liegt nun bei 325 bis 425 Millionen Euro, jeweils 125 Millionen Euro mehr als zuletzt. Beim Umsatz peilt Salzgitter rund 10,0 Milliarden Euro an – eine Erhöhung um 0,5 Milliarden Euro. Operativ bleibt das Bild differenziert: Im zweiten Halbjahr entscheidet sich, wie stark sich Margen aus der Stahlproduktion im Zusammenspiel mit Handel und Technologie fortsetzen und wie stabil die Beiträge aus Beteiligungen bleiben. Wenn die EU-ETS-Reform tatsächlich zu einer geringeren Kostenlast führt, könnte das kurzfristig helfen; langfristig ist aber entscheidend, ob sie die Wirtschaftlichkeit der Wasserstoffpfade nicht verwässert. Für Entwickler, Systemintegratoren und Engineering-Partner bedeutet das: Der Bedarf an Mess-, Regelungs- und Prozessdaten steigt ohnehin, nur die Investitionsrhythmen hängen stärker vom politischen Erwartungsmanagement ab.
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