HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Die DAK-Gesundheit meldet einen deutlichen Anstieg psychischer Erkrankungen: 184 Fehltage pro 100 Versicherte und erstmals ein neuer Spitzenwert. Gleichzeitig sinken die durchschnittlichen Krankheitsdauern leicht, was die Planung von Wiedereingliederung und Kapazitäten in Unternehmen neu ordnet. Für HR und Compliance rückt damit vor allem ein rechtssicherer BEM-Prozess in den Fokus – inklusive besserer Früherkennung und sauberer Datenhandhabung. Der Hintergrund ist politisch: Änderungen bei Krankmeldung und Attestpflicht sorgen für zusätzlichen Handlungsdruck.

Psychische Erkrankungen dominieren: 184 Fehltage und neue BEM-Pflichten
Psychische Erkrankungen dominieren: 184 Fehltage und neue BEM-Pflichten (Foto: IT BOLTWISE)
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Ein Wert fällt in der aktuellen Auswertung der DAK-Gesundheit besonders ins Auge: Psychische Erkrankungen führen die Statistik der Arbeitsunfähigkeit inzwischen an – mit 184 Fehltagen pro 100 Versicherte. Die Quote liegt bei 5,3 Prozent und sank zwar um 0,1 Prozentpunkte, der Trend kippt aber inhaltlich: Innerhalb des Diagnosespektrums haben psychische Leiden die Atemwegserkrankungen vom Spitzenplatz verdrängt. Die Datenbasis nennt 2,2 Millionen versicherte Beschäftigte. Unternehmen bekommen damit nicht nur eine neue Rangfolge geliefert, sondern eine Aufgabe, die sich in Prozesse, Zuständigkeiten und betriebliche Begleitung übersetzen muss.

Technisch betrachtet beginnt die Herausforderung dort, wo Organisationen Risiken nicht erst nach dem ersten Ausfall erkennen, sondern Muster frühzeitig erfassen. In der Praxis heißt das: HR- und Arbeitsschutzteams müssen Arbeitsunfähigkeitsdaten, Meldelogik und Wiedereingliederungsmaßnahmen so verknüpfen, dass sie belastbar analysierbar bleiben – ohne dabei personenbezogene Gesundheitsdetails unnötig breit zu streuen. Die Zahlen deuten auf mehr Fälle mit psychischem Hintergrund hin, während die durchschnittliche Dauer eines Krankheitsfalls im ersten Halbjahr 2026 bei rund 9,6 bis 9,7 Tagen liegt (gegenüber 9,9 Tagen im Vorjahr). Für Planungsmodelle ist das relevant: kurze Ausfälle verteilen sich häufiger, wodurch Vertretungs- und Schichtkonzepte stärker dynamisch werden müssen.

Ein zweiter, ebenso wichtiger Datensatz liefert den Gegenpol: Atemwegserkrankungen verzeichnen laut Auswertung einen Rückgang um 21 Prozent und kommen noch auf 175 Fehltage pro 100 Versicherte. Knapp dahinter liegen Muskel-Skelett-Erkrankungen mit 174 Fehltagen. Diese Dreierkonstellation zeigt, dass Prävention nicht eindimensional sein kann. Im betrieblichen Alltag bedeutet das: Ergonomie-Programme, Gesundheitschecks und Impf-/Hygienekonzepte bleiben nötig, gleichzeitig müssen Unternehmen Beratungs- und Entlastungsangebote ausbauen, die speziell auf psychische Belastungen zielen. Ein Vergleich mit anderen Marktakteuren, etwa AOK oder der Techniker Krankenkasse, wird häufig genutzt, um Schwerpunkte in der Versorgungs- und Präventionsarbeit einzuordnen; für die Unternehmensplanung zählt aber vor allem, dass sich die Ausfallmuster über Diagnosen hinweg verschieben.

Auch bei der BEM-Strategie (Betriebliches Eingliederungsmanagement) verändert sich der Fokus. Der Hintergrund: Der Anstieg psychischer Erkrankungen stellt Betriebe vor neue Herausforderungen bei der Wiedereingliederung. BEM ist rechtlich und prozessual anspruchsvoll, weil es ein strukturiertes Vorgehen verlangt, in dem Betroffene beteiligt werden und zugleich ein berechtigter Ausgleich zwischen Fürsorge und datenschutzkonformer Dokumentation entsteht. Dass die Krankheitsdauer leicht zurückgeht (53 von 1.000 Beschäftigten krankgeschrieben statt 54 von 1.000 im ersten Halbjahr 2025), kann Unternehmen in der Umsetzung sogar entlasten – allerdings nur, wenn sie die kurzen Ausfallzyklen in der Kapazitäts- und Übergabesteuerung abbilden. Aus der Branche wird diese Logik zunehmend als „frühe Schleife“ beschrieben: erst Ursachen und Belastungen im Arbeitskontext verstehen, dann Maßnahmen definieren, die einen Rückfall verhindern.

Markt- und Politikdruck kommt zusätzlich: Die Entwicklungen fallen in eine Phase intensiver gesundheitspolitischer Debatten. Geplant sind unter anderem eine Attestpflicht bereits ab dem ersten Tag der Arbeitsunfähigkeit sowie das Ende der telefonischen Krankschreibung. In der Ärzteschaft wird das laut Berichten aus der Fachöffentlichkeit kritisch gesehen, während bereits beschlossen ist, dass es eine Teilkrankschreibung geben soll. Für Unternehmen ist das mehr als eine Formalie. Teilkrankschreibung kann Arbeitsplätze differenziert verfügbar halten, erfordert aber klare Abstimmungen zwischen Führung, behandelnden Stellen und dem betrieblichen Gesundheitsmanagement. Parallel betont die Bundesregierung eine Präventionsoffensive; analytisch ist der gemeinsame Nenner, dass sowohl Meldelogik als auch Präventionsansätze stärker in Richtung Langzeitfolgensteuerung verschoben werden sollen.

Gerade hier liegt der nächste Hebel: Alters- und Risikoprofile. Bei Beschäftigten unter 55 Jahren sanken die Krankenquoten, während es bei den über 60-Jährigen um 0,3 Prozentpunkte nach oben ging – gegen den allgemeinen Trend. Das macht deutlich, dass „eine Maßnahme für alle“ nicht funktioniert. Für ältere Mitarbeitende spielen häufig kumulierte Belastungen, Erholungszeiten und die Schnittstelle zwischen beruflicher Erfahrung und gesundheitlicher Anpassungsfähigkeit eine Rolle. Gleichzeitig warnt die DAK-Führung vor dem weiterhin bestehenden Handlungsbedarf bei Langzeiterkrankungen. Unternehmen sollten daraus eine technische und organisatorische Konsequenz ableiten: Früherkennung über Krankenstandsmuster, definierte Eskalationswege und ein nachvollziehbares Reporting für das Management – bei gleichzeitig strikt begrenztem Zugriff auf Gesundheitsdaten nach DSGVO-Grundsätzen (Datenminimierung, Zweckbindung, klare Rollen).

Für die Zukunft ist mit drei Entwicklungen zu rechnen. Erstens werden BEM-Prozesse stärker operationalisiert: weniger „Dokumenten-Workflow“, mehr strukturierte Falllogik mit wiederverwendbaren Vorlagen, Zeitachsen und abgestimmten Verantwortlichkeiten. Zweitens dürfte die Teilkrankschreibung die Bedeutung von Arbeitsplatzanpassungen erhöhen, weil Beschäftigte früher teilweise zurückkehren und Maßnahmen eng mit konkreten Tätigkeiten verknüpft werden müssen. Drittens wird der Ausfallkalender zunehmend „datengetrieben“ gesteuert werden, also mit Analytik für Häufigkeit statt nur Dauer. Für Entwickler und IT-Entscheider in HR- und Compliance-Stacks entsteht daraus eine Chance: Systems sollten BEM und Prävention unterstützen, ohne unzulässig Gesundheitsinformationen zu speichern oder breit zu verarbeiten. Wenn sich hier Best Practices aus der Praxis durchsetzen, werden Unternehmen Wettbewerbsvorteile nicht nur durch bessere Betreuung, sondern durch bessere Prozesse und weniger Stillstand realisieren.


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