MEXIKO / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein falsch abgesicherter Delivery-Server hat ein KI-gestütztes Phishing-Toolkit während der Entwicklung offengelegt. Rapid7 konnte dabei mehr als 1.000 Dateien sichern – inklusive Testprotokollen, Builder-Notizen und Live-Delivery-Logs. Im Zentrum steht eine WebDAV-basierte Working-Directory-Manipulation, die signierte Windows-Binaries missbraucht, um Warnhinweise zu umgehen. Besonders brisant: Die Unterlagen deuten auf einen LLM-Workflow hin, mit dem der Angreifer Angriffspfade reproduzierbar schneller iteriert.

Ein ungewöhnlicher Fund aus dem Schatten der Webangriffe zeigt, wie nah „KI-Entwicklung“ inzwischen an operatives Cybercrime-Engineering heranrückt. In diesem Fall blieb die Delivery-Infrastruktur eines Malware-Betreibers offen: Ein Webserver lieferte Inhalte über WebDAV, und Rapid7 konnte das gesamte Toolkit mitsamt Test- und Ausführungsartefakten herunterladen. Insgesamt waren es 1.048 Dateien – von Vorlagen für Lures über Experimente bis zu Builder-Notizen und zwei getrennten Kampagnenketten. Damit ist es mehr als ein „Payload-Dump“: Die Belege zeigen, wie der Betreiber das Setup mid-build prüfte und verfeinerte.
Technisch greift die Kernidee auf eine Schwachstelle zurück, die als WebDAV working-directory hijack beschrieben wird. Dabei wird eine.url-Shortcut-Datei genutzt, um eine legitime, signierte Windows-Binärdatei zu starten. Entscheidend ist jedoch das Arbeitsverzeichnis: Der Shortcut zeigt das Working Directory auf einen Angreifer-Kontrollierten WebDAV-Share. Windows lädt dann Helfer-Komponenten nicht aus dem erwarteten Systempfad, sondern aus dem Remote-Share nach – mit der Folge, dass statt der echten route.exe eine vom Angreifer bereitgestellte route.exe von WebDAV ausgeführt wird. In einem konkreten Beispiel startete der Shortcut iediagcmd.exe und verließ sich auf bare filenames.
Die Untersucher ordnen das in eine Zeitlinie ein, die für Verteidiger besonders wichtig ist. Die ursprüngliche Pfad-Idee war bereits durch CVE-2025-33053 mit einem CVSS von 8,8 im Blick – und sie taucht laut Rapid7 auch im CISA KEV-Katalog auf. Check Point hatte die Angriffslogik in seinem Stealth-Falcon-Reporting ebenfalls adressiert, und Microsoft schloss den „ediagcmd.exe“-Pfad im Juni 2025 per Patch. Doch genau hier wird das Muster gefährlich: Das Toolkit enthält nicht nur den reproduzierten Originaltest, sondern eine ausgedehnte Testmatrix, die zeigt, dass der Betreiber nach Patch-Lücken bei anderen signierten Binaries gesucht hat.
Auf Marktebene passt das zu einem breiteren Trend, bei dem Angreifer zunehmend wie Softwareteams arbeiten. Rapid7 beschreibt die README- und Testdokumentationsstruktur als stark templated: Lure-Generierung, Matrix-Tests, Mappings von Testdateien zu Ziel-Binaries und eine auffällige Emoji-Dichte seien so konsistent, dass sie typischerweise aus KI-gestützten Text- und Code-Workflows entstehen. Als Hinweis auf den Werkzeugstack wird u.a. ein öffentliches KI-Coding-Agent-Projekt genannt, das sich am Stil bekannter Agents orientiert (genannt werden u.a. Claude Code, GitHub Copilot CLI und Cursor). Die Einordnung: Der Angreifer nutzte LLMs, um nicht nur zu „erfinden“, sondern um schnell zu testen, zu dokumentieren und die Produktion zu skalieren.
Der öffentliche Repository-Status ist laut dem beschriebenen Verlauf seit dem 20. Juli 2026 nachprüfbar gewesen: Es handelt sich dabei um einen allgemeinen, open-source Agent für KI-gestützte Codearbeit, also keine schädlingsspezifische Zwecklösung. Rapid7s Fazit ist entsprechend nüchtern: Der Betreiber habe LLMs verwendet, um den operativen Ablauf wie eine moderne Softwareprodukt-Entwicklung zu organisieren. Praktisch heißt das: Wenn das Toolkit mid-build „zusammenfällt“ oder versehentlich öffentlich wird, spiegeln die Artefakte oft nicht nur ein Ergebnis wider, sondern die tatsächliche Entwicklungslogik. Für Security-Teams ist das zugleich ein Vorteil und ein Warnsignal – denn es beschleunigt das Reverse Engineering, während es Angreiferfahrpläne sichtbar macht.
Im laufenden Betrieb wurden vor allem Kampagnen gegen Windows-Nutzer in Mexiko beobachtet. Ein MDR-Alert ordnete die Spur über eine Typosquatting-Domain (gobf[.]mx) ein, die an eine offizielle CURP-National-ID-Abfrage anknüpft. Dort erschien eine gefälschte Rekonstruktionsseite, deren Download-Button eine search-ms: Abfrage auslöste, die schließlich den WebDAV-Share des Angreifers öffnete. Danach griff Windows Explorer auf Inhalte zu, gefiltert auf.scr-Dateien. Ein besonders häufig ausgelieferter Lock wirkte wie ein CURP-PDF, war aber ein.scr-Executable, dessen Anzeige durch Right-to-Left-Override so manipuliert wurde, dass die Dateiendung „wie PDF“ erschien.
Die Execution-Kette führte zu einem Inno-Setup-Installer, der einen Loader entpackte und anschließend eine.NET-Infostealer-Komponente „in memory“ ausführte. Dabei wurde in einen signierten Prozess hinein „gehollowed“, konkret in einen Qihoo 360-nahen signed Context, um das Laden und die Tarnung zu verbessern. Der Infostealer zielte u.a. auf Krypto-Wallets, Browser-Zugangsdaten, Session-Cookies und Telegram-Sitzungen. Daneben existierte eine zweite Kampagne (u.a. „DlrtyGames“), die über Sideloading eine trojanisierte DLL in Kombination mit einem signierten Ubisoft-Binary nutzte, um einen modularen.NET RAT abzulegen. Auffällig ist die gemessene Reichweite: Von 20. bis 26. Juni 2026 sah das Panel 77.098 Requests von 3.892 IPs in 101 Ländern; Mexiko lieferte 82,5% des Traffics und 96,9% der Launch-Aktivität.
Für die Abwehr kommt es weniger auf „IOCs, die durchrutschen“ an als auf Verhalten und frühe Indikatoren, weil die Kampagne bereits nach dem 24. Juni abkühlte, die Methode aber bleibt. Rapid7 betont daher Muster wie das Starten von WebClient, das Erreichen eines Remote-Hosts über davclnt.dll sowie das Spawnen signierter Parent-Prozesse, deren Image-Pfad auf einen WebDAV- oder UNC-Share verweist. Zusätzlich sollten Teams Dateinamen-Pattern wie RTLO (U+202E), Double-Extensions und „Padding“ vor.exe oder.scr eng überwachen. Der Juni-2025-Patch schloss den ursprünglichen iediagcmd.exe-Pfad, doch das 59-Datei-Kit zeigt: Angreifer suchen systematisch nach alternativen signed Binaries, die das gleiche Working-Directory-Verhalten triggern – und genau darauf sollten Monitoring und Hardening in nächsten Iterationen ausgerichtet werden.
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