LONDON (IT BOLTWISE) – Colossal Biosciences steht Berichten zufolge in Gesprächen für eine neue Finanzierungsrunde, die das Unternehmen auf 20 bis 30 Mrd. US-Dollar bewerten könnte. Entscheidend: Laut denselben Berichten startet das Startup bereits mit dem Aufbau von Einnahmen. Im Hintergrund läuft parallel der Ausbau mehrerer Tochter-Startups und die Kommerzialisierung von Technologien rund um De-Extinction und Biodiversitäts-Mechanismen. Für Beobachter ist die Runde auch ein Stimmungsindikator für den anhaltenden Deep-Tech-Appetit im Biotech-Umfeld.

Colossal Biosciences angeblich im Kapitalgespräch mit 20–30 Mrd. US-Dollar Bewertung
Colossal Biosciences angeblich im Kapitalgespräch mit 20–30 Mrd. US-Dollar Bewertung (Foto: IT BOLTWISE)
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Colossal Biosciences, ein Startup, das De-Extinction mit genetischen Daten aus der Vergangenheit verbinden will, steht Berichten zufolge vor einer weiteren großen Kapitalmaßnahme. Nach rund 16 Monaten soll das Unternehmen Gespräche über eine neue Finanzierungsrunde führen, die es auf 20 bis 30 Milliarden US-Dollar bewerten würde. Damit würde die Bewertung gegenüber der zuletzt öffentlich diskutierten Größenordnung spürbar steigen und die Frage in den Fokus rücken, ob sich das Modell von „möglich machen“ hin zu „marktfähig liefern“ weiter verfestigt.

Der Kern des Geschäfts bleibt dabei die genetische Rückverwandlung ausgestorbener Arten. Colossal hatte im vergangenen Jahr angekündigt, den Direwolf „wiederauferwecken“ zu wollen – basierend auf genetischem Material, das in Fossilien gefunden wurde. Kritiker sehen in solchen Projekten regelmäßig ökologische und technische Risiken, doch gleichzeitig entstehen aus derartigen Vorhaben häufig verwertbare Plattformbausteine. Dass das Unternehmen jetzt Einnahmen generiert, wird in den vorliegenden Berichten ausdrücklich als relevante Entwicklung genannt, auch wenn noch unklar bleibt, wie hoch die Beträge und welche Vertragsarten dahinterstehen.

Finanziell interessant ist außerdem, dass Colossal seine Erlöslogik nicht auf einen einzelnen Produktpfad reduziert. Aus früheren Aussagen des CEO Ben Lamm geht hervor, dass drei Einnahmequellen in Betracht gezogen werden: Zum einen soll die „Conservation Technology“ in Regierungs- und institutionellen Projekten zum Einsatz kommen. In diesem Kontext wird auch ein Investment aus den Vereinigten Arabischen Emiraten in Höhe von 60 Millionen US-Dollar erwähnt. Zum anderen verfolgt Colossal eine Strategie über Spin-offs: Das Startup hat bereits mehrere Ableger ausgegründet, darunter Breaking, ein Anbieter, der Kunststoffe in ihre Bausteine zerlegen bzw. aufbrechen soll; außerdem Form Bio als computational-biology-Plattform mit 30 Millionen US-Dollar an Finanzierung; und Astromech, ein KI-gestütztes prädiktives Modellierungs-Unternehmen für Biologie und Life Sciences, das mit 2 Milliarden US-Dollar bewertet wurde.

Daneben adressiert das Unternehmen mit Blick auf künftige Märkte eine zweite, strategisch spannende Technologie-Schiene: die sogenannten „künstlichen Tier“-Ansätze über ein künstliches „Animal Womb“-Konzept. Lamm hatte hierzu erklärt, dass eine Ausgründung geplant sei und dass sich potenzielle Anwendungen auch im Bereich der menschlichen Fertilitätsbehandlung ergeben könnten. Gleichzeitig wird in den Berichten ein Zeitrahmen genannt: Die Technologie soll demnach voraussichtlich nächstes Jahr so weit sein, dass man von einer konkreteren Einsatzreife sprechen könne. Für Investoren ist diese zeitliche Dimension wichtig, weil De-Extinction in der Regel längere Entwicklungs- und Validierungszyklen erfordert, während Health-nahe Anwendungen oft schneller in konkrete Pilot- und Zulassungslogiken münden können.

Operativ und marktwirtschaftlich wird die De-Extinction-Idee außerdem mit einem Erlösmechanismus verknüpft, der aus anderen Nachhaltigkeitsmärkten bekannt ist: Biodiversity Credits. Wenn Colossal es schafft, ausgestorbene Tiere wie den Wollhaarmammut oder den Dodo in ihre ursprünglichen Lebensräume zurückzuführen, könnten Erträge perspektivisch über den Verkauf solcher Zertifikate entstehen. Das Prinzip wird als marktbasierter Mechanismus beschrieben, der in der Logik an CO₂-Äquivalente erinnert, nur eben auf Biodiversität abzielt. Für Unternehmen und Risikokapitalgeber ist das relevant, weil es die Monetarisierung von Klima- und Umweltnutzen über messbare, handelbare Nachweise ermöglicht – allerdings hängt die praktische Umsetzbarkeit stark davon ab, wie Wirkungen nachweisbar und anerkannt werden.

Das aktuelle Kapital-„Timing“ passt dabei in eine breitere Dynamik: In mehreren Deep-Tech-Bereichen wird seit einiger Zeit wieder stärker investiert, insbesondere in Longevity-Technologien, alternative Energien und KI-gestützte Plattformen, die wissenschaftsnahe Probleme in skalierbare Produkte übersetzen. Dass Colossal in diesem Umfeld eine neue Runde anstrebt, lässt sich als Signal lesen, dass Investoren neben reinen Labor-Claims auch Roadmaps mit Revenue-Hebel und mehrere Produktlinien gleichzeitig sehen möchten. Interessant ist zudem, dass in den Berichten noch offen bleibt, wer die neue Runde anführt und wie viel frisches Kapital konkret eingeworben werden soll – beides Faktoren, die stark darüber entscheiden, wie sich die Bewertung in der Praxis rechtfertigen lässt, etwa über Wachstumstempo, Margenpfade und Ausfallrisiken.

Rein strategisch verschiebt Colossal damit den Fokus: Statt De-Extinction ausschließlich als spektakuläres Einzelprojekt zu verkaufen, setzt das Unternehmen auf ein Ökosystem aus Plattformtechnologie, Partnerverträgen und Ausgründungen. Genau solche Muster werden im Enterprise-Umfeld oft als „Resilienz gegen Einzelerfolg“ wahrgenommen, weil mehrere Wurzelquellen existieren, auch wenn die größte öffentliche Aufmerksamkeit bei der „Wiederansiedlung“ bleibt. Offen bleibt trotzdem die zentrale Frage, die jede Bewertung dieser Größenordnung mit sich bringt: Wie schnell lassen sich aus den technologischen Ergebnissen vertraglich belastbare Umsätze machen, und welche Teile der Pipeline bleiben in der nächsten Phase experimentell? Solange Colossal hier keine belastbaren Zahlen und klaren Verteilungsschlüssel für die Einnahmen liefert, bleibt die Diskussion um eine Bewertung im 20 bis 30 Milliarden US-Dollar-Korridor vor allem ein Wetteinsatz auf die Kombinationsfähigkeit von Biologie, KI-gestützter Modellierung und skalierbarer Vermarktung.


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