BADEN-WÜRTTEMBERG / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Bundesregierung will junge Unternehmen in ihrer Wachstumsphase gezielter unterstützen und macht dabei erstmals Sicherheit und Verteidigung zum Schwerpunkt der Förderung. Kerninstrument ist der Ausbau des Deutschlandfonds, der das Investitionsrisiko durch staatliche Garantien senken soll. Ergänzend sieht die Startup- und Scaleup-Strategie vor, Wagniskapital für mehr Menschen über die Altersvorsorge attraktiver zu machen und Bürokratie beim Gründen zu verschlanken. Damit reagiert der Staat auf einen Markt, in dem zwar mehr Risikokapital fließt, aber insgesamt weniger Finanzierungsrunden zustande kommen.

Die neue Startup- und Scaleup-Strategie der schwarz-roten Koalition setzt nicht an der Spitze des Ökosystems an, sondern genau dort, wo deutsche Gründungen auf ihrem Weg zur Skalierung am häufigsten stoppen: beim Zugang zu Wachstumskapital und bei der Geschwindigkeit, mit der sich Unternehmen rechtlich sowie operativ aufstellen können. Im Fokus steht dabei ausdrücklich der Bereich Sicherheit und Verteidigung. Die politische Stoßrichtung lautet: Erfolgreiche Gründungen sollen sich nicht allein deshalb ins Ausland verlagern, weil dort der Kapitalzugang in späteren Entwicklungsphasen einfacher oder planbarer ist.
Um das „Nadelöhr“ bei Finanzierung zu öffnen, plant der Bund den Ausbau des Deutschlandfonds. Das Programm arbeitet als Förder- und Absicherungsinstrument mit staatlichen Garantien: Der Staat übernimmt damit einen Teil des Investitionsrisikos, um privates Kapital für Zukunfts- und Infrastrukturprojekte in Deutschland zu mobilisieren. Im Strategiepapier ist dafür eine Größenordnung von bis zu 130 Milliarden Euro an potenziell mobilisiertem privaten Kapital genannt. Für den Startup-Bereich ist außerdem relevant, dass Wagniskapital-Investitionen perspektivisch stärker in der Altersvorsorge verankert werden sollen – ein Hebel, der in anderen europäischen Märkten oft genutzt wird, um institutionelle Nachfrage planbarer zu machen.
Parallel adressiert die Strategie einen weiteren Engpass, der in der Praxis häufig als „time-to-formation“ spürbar wird: Bürokratie. Das Projekt „Schneller Gründen“ soll Verwaltungsprozesse durchgängig digitalisieren, damit Schritte wie Anmeldungen und erforderliche Formalitäten nicht zum zeitlichen Bremsklotz werden. Zusätzlich soll auf europäischer Ebene eine einheitliche Rechtsform für Unternehmen dabei helfen, grenzüberschreitende Aktivitäten zu erleichtern. Für Gründerteams bedeutet das im Kern weniger Reibung bei Skalierung ins Ausland und weniger zusätzliche Komplexität, wenn sich Produkte, Kunden oder Tochtergesellschaften über Ländergrenzen hinweg entwickeln.
Dass der Reformbedarf nicht nur politisch gewollt, sondern datengetrieben ist, untermauert das Startup-Barometer eines großen Beratungsunternehmens. Für das erste Halbjahr 2026 wird bei rund 5,3 Milliarden Euro eingesammeltem Risikokapital zwar ein Anstieg um 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr genannt. Gleichzeitig sinkt aber die Anzahl der Finanzierungsrunden um elf Prozent. Genau diese Kombination – mehr Geld, aber weniger Deals – erklärt, warum vor allem junge und kleinere Unternehmen im Wettbewerb oft schlechter durchkommen: Investoren konzentrieren sich stärker auf als „sicherer“ wahrgenommene Wetten und auf wenige Mega-Deals mit Volumen von über 50 Millionen Euro. Die Regierungsstrategie setzt daher darauf, das Fundament in der Breite zu stabilisieren und den Kapitalzugang über mehrere Wachstumsphasen hinweg robuster zu machen.
Besonders sichtbar wird die Verzahnung von politischer Priorität und Marktrealität im Technologiesektor. Laut dem EY-Report gelten technologiegetriebene Startups als bevorzugte Zielgruppe der Investoren; als zusätzlicher Magnet werden zudem Zuflüsse in Verteidigungsnahe Bereiche hervorgehoben, die im ersten Halbjahr 579 Millionen Euro erreichen. Die Strategie reagiert darauf mit einem speziellen Direktbeteiligungsvehikel für Startups aus der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Außerdem will der Staat den Zugang zu öffentlichen Aufträgen erleichtern, damit junge Technologiefirmen schneller in Pilot- und Umsetzungsszenarien kommen und nicht erst Jahre warten müssen, bis Referenzen und Beschaffungsfähigkeit aufgebaut sind.
Auch der Fachkräftemangel taucht nicht als Randnotiz auf, sondern als Teil der Wachstumslogik. Wenn Startups in späteren Phasen Skaleneffekte realisieren sollen, brauchen sie nicht nur Kapital, sondern auch Teams, die Produkte absichern, verkaufen und betreiben können. Das Papier setzt deshalb unter anderem auf flexiblere Kündigungsregeln für hoch vergütete Arbeitsverhältnisse. Ergänzend sollen steuerliche Rahmenbedingungen attraktiver werden, damit Mitarbeiterkapitalbeteiligungen für Gründer, aber auch für potenzielle Beschäftigte spürbar attraktiver werden. In der Praxis zielt das auf einen Wettbewerbsvorteil im globalen Kampf um Talente, weil Startups bei Lohnkosten häufig erst mit Equity-Logiken gegenhalten können.
Für die Umsetzung und Wirkung wird entscheidend sein, wie schnell sich die Programme in konkrete Finanzierungsentscheidungen übersetzen lassen. Garantien können das Risiko für Investoren senken, sie ersetzen aber nicht die Due-Diligence-Arbeit: Erst belastbare Geschäftsmodelle, Technologie- und Sicherheitskonzepte sowie klare Wachstumspläne schaffen die Voraussetzung, damit Wagniskapital nicht nur in wenigen Mega-Deals bündelt, sondern auch in Serien von kleineren und mittleren Finanzierungsrunden fließt. Gleichzeitig dürfte „Schneller Gründen“ vor allem bei zeitkritischen Gründungen und frühen Recruiting-Phasen Wirkung entfalten, weil Geschwindigkeit bei Verwaltungsschritten unmittelbar mit der Fähigkeit korreliert, Teams frühzeitig zu binden und Partnerschaften aufzubauen. Genau an dieser Schnittstelle – Kapital, Geschwindigkeit und Zugang zu Beschaffung – sucht die Strategie ihren Hebel, um Abwanderung in späteren Wachstumsphasen zu begrenzen.
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