BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Foodwatch hat das LaVita-Konzentrat 2026 als „dreisteste Werbelüge“ eingestuft und ordnet damit den Hype um teure Nahrungsergänzungen ein. Im Fokus stehen dabei vor allem Versprechen zu isolierten Nährstoffen wie Vitamin D, Kreatin und Kollagen – oft ohne dass das Gesamtprodukt einen echten Bedarf adressiert. Parallel treibt der Handel Trends wie „High Protein“ und „Fiber-Maxxing“ weiter voran, während Verbraucherzentralen zu gezielter statt pauschaler Supplementierung raten. Der Artikel zeigt, woran überhöhte Versprechen im Alltag erkennbar sind und wie sich der Markt durch neue Vertriebswege verändert.

Foodwatch warnt: 100-Euro-Konzentrat und NEM-Trends unter Werbedruck
Foodwatch warnt: 100-Euro-Konzentrat und NEM-Trends unter Werbedruck (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer im Supermarktregal nach „Health Hacks“ greift, trifft inzwischen auf eine ganze Maschinenstube aus Nährstoffversprechen, Verpackungslogik und Reichweitenmechanik. Genau an dieser Schnittstelle setzt die Verbraucheraufklärung an: Foodwatch hat das Getränkekonzentrat „LaVita“ mit 100 Euro pro Liter zur „dreistesten Werbelüge“ des Jahres 2026 gekürt. Der Kern der Kritik lautet nicht, dass jede Zutat per se falsch wäre, sondern dass die beworbenen Gesundheitsvorteile häufig an isolierte Vitamine oder einzelne Wirkstoffe gekoppelt sind – während der konkrete Mehrwert des Gesamtprodukts im Verhältnis zum Preis nicht überzeugend belegt wird. Zudem wirft Foodwatch dem Produkt vor, eine ausgewogene Ernährung ersetzen zu wollen, obwohl solche Nahrungsergänzungen immer nur eine Ergänzung sein können.

Damit rückt eine zweite Ebene in den Blick: Wie wird aus einem einzelnen Nährstoff-Versprechen eine pauschale Kaufentscheidung? Laut Warnhinweisen aus der Praxis sollte die Supplementierung von Vitamin D nicht „auf Verdacht“ erfolgen, sondern der Vitamin-D-Spiegel sollte vorab ärztlich geprüft werden. Besonders relevant ist das, weil Vitamin D zwar grundsätzlich eine Rolle im Körper spielt, Überdosierungen jedoch gerade dort zum Problem werden können, wo Werbung den Eindruck vermittelt, es gebe für jede Zielgruppe den gleichen, sicheren Weg. Auch bei Kreatin und Kollagenpräparaten fällt die Einordnung oft skeptischer aus: Kritiker verweisen darauf, dass viele Produkte keine ausreichend belegte Wirkung für den beworbenen Nutzen zeigen und dass bei einem tatsächlichen Mangel eine gezielte und damit meist kosteneffizientere Supplementierung sinnvoller sein kann als ein teures „All-in-one“-Konzept.

Der Markt liefert parallel dafür, dass solche Angebote überhaupt skalieren können. Zwei Trends dominieren nach den genannten Marktdaten die Debatte rund um funktionale Lebensmittel: „High Protein“ und „Fiber-Maxxing“. Für Ballaststoffe wird dabei ein weltweites Marktvolumen von rund 9,47 Milliarden US-Dollar genannt, mit einer Prognose auf Verdopplung bis 2035. In sozialen Medien wird zudem häufig empfohlen, 25 bis 30 Gramm Ballaststoffe pro Tag anzustreben. Das Problem entsteht weniger bei der Zielrichtung als bei der Strategie: Wo Vollwertkost und eine strukturiert wachsende Ballaststoffzufuhr im Vordergrund stehen müssten, werden in der Praxis auch isolierte Zusätze beworben, deren Nutzen sich nicht automatisch auf jedes Produkt und jede Alltagssituation übertragen lässt.

Bei Protein-Snacks verschärft sich die Debatte zusätzlich. In der Quelle werden durchschnittliche Aufnahmemengen für Deutschland genannt: Männer kämen demnach auf 85 Gramm Protein täglich, Frauen auf 64 Gramm – also über Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Gerade Snack-Produkte wie „Protein-Varianten“ von etablierten Süßwaren oder funktionale Zwischenmahlzeiten können damit leicht zu einem doppelten Effekt führen: Sie machen Überkonsum wahrscheinlicher und sie verlagern die Wirkungserwartung von einer ausgewogenen Ernährung hin zu isolierten Makronährstoff-Kampagnen. Kritische Stimmen ordnen außerdem aggressive Werbung und künstliche Zusätze als Treiber solcher Entwicklungen ein – mit dem Hinweis, dass nicht jede Marke automatisch einen wissenschaftlich klaren Mehrwert liefert, nur weil sie in kurzer Zeit sehr hohe Reichweite erreicht.

Während der Food- und NEM-Markt also um Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit kämpft, verändert sich auch der Vertrieb im Handel. Rossmann treibt der Darstellung zufolge die Expansion in den Pharmabereich voran und plant zum Jahresende den Start einer eigenen Versandapotheke aus den Niederlanden. Auch rezeptpflichtige Arzneimittel sollen über die hauseigene App bestellbar sein. Gleichzeitig wird dm als Vergleich herangezogen, weil das Unternehmen zunächst auf verschreibungspflichtige Medikamente verzichtet und sich zunächst auf frei verkäufliche Mittel konzentriert. Für Verbraucher bedeutet das: Die Wege zum Produkt werden kürzer, aber die Entscheidung bleibt komplex – gerade dann, wenn Werbung die Grenze zwischen „Ergänzung“ und „medizinischer Wirkung“ verwischt. Entscheidend wird sein, ob Beratungs- und Filtermechanismen in Apps und Online-Stores den tatsächlichen Bedarf sauber abbilden, etwa durch Hinweise zur Überdosierungsgefahr oder durch den Hinweis, bei Vitamin-D-Themen vorab Werte prüfen zu lassen.

Dass Marken in solchen Umfeldern immer stärker auf Promotion-Mechaniken setzen, zeigen auch die Beispiele rund um Lebensmittel-Marketing: Ab August bringt eine bekannte Chipsmarke neue Sorten in den Markt, und die Kundschaft kann per QR-Code abstimmen, welche Variante dauerhaft ins Sortiment kommt. Zusätzlich werden Rossmann-Partnerschaften in der Quelle mit einer Kosmetiklinie verknüpft, bei der Tages- und Nachtcremes mit Lichtschutzfaktor in Preisspannen von etwa 12 Euro beziehungsweise knapp 13 Euro genannt werden. Solche Konzepte nutzen nicht nur den Zeitgeist, sondern auch die psychologische Wirkung von Personalisierung (Abstimmung) und Celebrity-Nähe. Für die Bewertung von Nahrungsergänzungen ist das relevant, weil dieselbe Mechanik – Reichweite plus klare Versprechen – den Werbeeffekt verstärkt. Foodwatch argumentiert dabei ausdrücklich, dass bei tatsächlichem Bedarf häufig eine gezielte Supplementierung günstiger und wirkungsvoller sein kann als der Kauf eines teuren Produkts, das im Kern auf isolierten Nährstoffen aufbaut.

Unabhängig davon, ob der Kontext „Food“, „Beauty“ oder „Pharmalogistik“ ist: Der rote Faden bleibt der Umgang mit Nutzenversprechen. Wer heute in funktionale Produkte investiert, sollte sich weniger von Schlagworten leiten lassen und stärker vom konkreten Zweck: Welche Zielgröße wird adressiert, und wie wird der Nutzen belegt? Die Warnlogik der Verbraucheraufklärung läuft darauf hinaus, dass der Körperzustand der Ausgangspunkt sein muss – also etwa der Vitamin-D-Spiegel statt pauschaler „Jeder braucht das“-Botschaften. Gleichzeitig zeigt der Blick auf Markttrends, wie schnell Ernährungs- und Wirkstoffdiskussionen in eine Konsumspirale geraten können, wenn Protein- oder Ballaststoffwerte als Lifestyle-Score statt als individuell sinnvolle Ernährungskomponente verstanden werden. Für Unternehmen im Handel wird der nächste Wettbewerbshebel daher wahrscheinlich weniger das Packaging sein als die Qualität der Einordnung: klare Produktbeschreibung, nachvollziehbare Nutzenargumente und Hinweise, wann eine ärztliche Abklärung überhaupt sinnvoll ist.


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