BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier fordert, Unternehmen stärker mit neuen Handelspartnern zu vernetzen, bevor Investitionen sprudeln. Er ordnet den EU-Zolldeal mit den USA als Chance zur Planungssicherheit ein, nachdem ein Handelskrieg abgewendet wurde. Gleichzeitig nennt er US-Zölle von bis zu 15 Prozent und mahnt mehr Tempo bei Freihandelsabkommen an. Für Deutschland und Europa stellt sich damit die Frage, wie schnell aus Handelsbeziehungen stabile Wirtschaftsachsen werden.

Der Außenhandel steht im Mittelpunkt einer deutlich pragmatischeren Debatte: Nicht die große Verhandlungssalve allein soll Wachstum bringen, sondern die schrittweise Verbindung zu neuen Partnern. Volker Treier, Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), bringt diese Logik auf einen einfachen Nenner: Erst gelingt der Einstieg in Handelsbeziehungen, anschließend folgen Investitionen der Unternehmen – und andere Länder greifen diese Dynamik ebenfalls auf. In seinem Appell schwingt damit ein Perspektivwechsel mit, der bei international aufgestellten Mittelständlern und Konzernen gleichermaßen relevant ist: Diversifizierung ist weniger ein „nice to have“, sondern wird zur Voraussetzung dafür, Lieferketten, Absatzmärkte und Geschäftsmodelle robust gegen politische Schocks zu halten.
Treier verbindet die Forderung nach einer breiteren Ausrichtung konkret mit dem aktuellen Zollrahmen zwischen der EU und den USA. Er verweist darauf, dass der Zolldeal in erster Linie eine Eskalation abgewendet habe, zugleich aber nicht ohne Kosten geblieben sei: Die Staatengemeinschaft musste US-Zölle in Höhe von bis zu 15 Prozent auf die meisten Warenexporte in die Vereinigten Staaten akzeptieren. Zusätzlich seien Zugeständnisse vereinbart worden, darunter die Abschaffung von EU-Zöllen auf US-Industriegüter. Für Unternehmen zählt aus dieser Gemengelage vor allem die Frage, wie verlässlich die Planung wird: Treier beschreibt den Deal als eine Phase spürbarer Planungssicherheit – ein Zeitraum, der es Firmen ermöglicht, Verträge, Einkaufsstrategien und Produktionsauslastung neu auszurichten, statt dauerhaft in Krisenmodi zu arbeiten.
Auch die politische Dimension des Zeitpunkts spielt in seiner Argumentation eine Rolle. Treier stellt ausdrücklich in den Kontext der US-Administration: Mit dieser Konstellation sei „nichts anderes möglich“ gewesen als die gefundene Lösung, während als Alternative die weitere Eskalation von Zollsätzen gedroht hätte. Damit wird der Zolldeal nicht als kosmetische Korrektur dargestellt, sondern als Ergebnis einer Reaktionskette auf verschärften Druck. Ebenso klar zeichnet er eine zweite Ebene ein: Freihandelsabkommen seien der „richtige Weg“. Interessant ist dabei sein Hinweis, dass genau diese ausverhandelten Abkommen – etwa mit Indien, Indonesien oder Australien – ohne die US-Entwicklung in der beschriebenen Form vermutlich nicht zustande gekommen wären. Gleichzeitig wirft er Europa und Deutschland in diesem Zusammenhang zu lange Zögern vor, obwohl die wirtschaftliche Notwendigkeit zur Diversifizierung schon früher erkennbar gewesen sei.
Technisch-ökonomisch lässt sich Treiers Linie gut mit dem Muster erklären, das viele Handelsinitiativen begleiten: Der Aufbau neuer Liefer- und Absatzkanäle folgt selten einem reinen „Export-Start“-Ansatz. Stattdessen entsteht zunächst ein Netzwerk aus Zoll- und Importprozessen, Logistikroutinen, Norm- und Zertifizierungsabläufen sowie lokalen Distributions- und Service-Strukturen. Genau in diesem Übergang „Handel zuerst, Investitionen später“ liegen für Unternehmen oft die größten Ausfallrisiken – etwa wenn kurzfristige Zolländerungen oder politische Rahmenbedingungen die Annahmen für Markteintritt und Kapazitätsplanung destabilisieren. Ein Handelsabkommen kann hier Stabilität schaffen, aber es ersetzt nicht den operativen Aufbau: Produktionsstätten, Serviceorganisationen und Vertrieb benötigen Zeit, selbst wenn rechtliche Rahmenbedingungen relativ schnell verhandelt werden.
Für die Markt- und Unternehmensseite bedeutet das: Diversifizierung ist nicht nur eine Frage geografischer Landkarten, sondern auch von Prozess- und Risikoarchitektur. Wer Handelsbeziehungen aufbaut, schafft oft die Basis für spätere Investitionsentscheidungen, weil erst über wiederholte Transaktionen verlässliche Erkenntnisse entstehen – etwa zur Lieferzeit, zur Zahlungsabwicklung, zum tatsächlichen Kostenprofil und zur Belastbarkeit der Geschäftsbeziehungen. In dem Moment, in dem Investitionen folgen, verschiebt sich typischerweise der Schwerpunkt von „Marktzugang“ hin zu „Standort- und Kapazitätsplanung“. Treiers Aussage wirkt damit wie eine direkte Handlungsanleitung für internationale Strategieteams: Der erste Schritt sollte nicht in einer vagen Erwartung von späterem Wachstum bestehen, sondern in konkreten Handelsprojekten, die Messbarkeit schaffen und damit Investitionsargumente ermöglichen.
Damit bleibt die zentrale Frage, wie schnell Europa und Deutschland aus der beschriebenen Diagnose praktische Prioritäten ableiten. Treier benennt die Lücke zwischen der Erkenntnis und dem Tempo: Freihandels- und Investitionsimpulse wurden offenbar lange zu zurückhaltend behandelt, während der externe Druck im System – hier über den Zollkonflikt mit den USA – den Handlungsrahmen kurzfristig stärker machte. Für Unternehmen ist das Timing dennoch zweischneidig: Planungssicherheit durch den Deal hilft, aber sie ist an politische Bedingungen gekoppelt. Wer jetzt in Handelsbeziehungen investiert und gleichzeitig Freihandelsoptionen wie die Abkommen mit Indien, Indonesien oder Australien berücksichtigt, kann die Zeit der relativen Stabilität nutzen, um strategische Abhängigkeiten zu reduzieren. So wird aus dem politischen Impuls ein operatives Programm: erst Vertrauen über Handel aufbauen, dann Risiken senken und Investitionen systematisch folgen lassen.
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