YUKATÁN / LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende haben anhand von Nickel-Isotopen eine präzise Identifikation des Chicxulub-Impaktors vorgenommen: Es war ein CO-Chondrit, also ein extrem seltener Meteorit-Typ. Die Ergebnisse verschieben den Fokus weg von der Annahme, dass vor allem Schwefel aus dem Gesteinsbrocken die Katastrophe auslöste. Stattdessen rückt eine andere Komponente in den Mittelpunkt: massenhaft aufgewirbelter Staub, der das Klima deutlich anders gedämpft haben dürfte. Für die Risikoabschätzung künftiger Einschläge liefert die Studie außerdem ein robustes Werkzeug, um außerirdisches Material chemisch zuzuordnen.

Vor rund 66 Millionen Jahren traf ein Asteroid die Region des heutigen Chicxulub-Kraters auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán und löste das Massenaussterben am Ende der Kreidezeit aus. Die Mechanik der Katastrophe war lange als Kombination mehrerer Effekte im Gespräch: ein globaler Tsunami- und Brandhorizont, starke Klimawirkungen durch Partikel in der Atmosphäre und chemische Veränderungen in Ozeanen sowie Böden. Neu ist nun vor allem die genaue „Signatur“ des Projektils selbst. Ein internationales Forschungsteam konnte den Typ des Einschlagkörpers erstmals über eine forensische Spurensuche mit Nickel-Isotopen so eingrenzen, dass der bisher meist vermutete Untertyp bei vielen Forschenden als wahrscheinlichste Erklärung ausfällt.
Technisch betrachtet beginnt die Arbeit dort, wo die Katastrophe geochemisch konserviert wurde: in der Kreide-Paläogen-Grenzschicht. Direkt nach dem Einschlag lagerten sich weltweit dünne Tonschichten ab, die heute als Zeitmarker dienen. Aus Proben von mehreren Fundorten – darunter Stevns Klint in Dänemark sowie Regionen in Spanien und Italien – bestimmten die Forschenden die Isotopenzusammensetzung von Nickel. Diese Methodik funktioniert, weil Nickel in primitiven Meteoriten typischerweise in deutlich höheren Konzentrationen vorkommt als in der Erdkruste. Dazu kommt der zweite, entscheidende Punkt: Verschiedene Klassen kohlige Chondrite zeigen charakteristische Nickel-Isotopen-Signaturen. Damit lässt sich das extraterrestrische Material wie ein kosmischer Fingerabdruck über die chemische Zusammensetzung zuordnen.
Die Auswertung lief dann auf einen Abgleich mit Referenzmustern hinaus. Die Forschenden verglichen die Nickel-Daten aus den Grenzschicht-Proben mit Isotopen-Signaturen von elf verschiedenen kohligen Chondriten. Das Ergebnis war nicht nur „tendenziell passend“, sondern nach Darstellung der Studie ziemlich eindeutig: Die gemessenen Werte passten am besten zu CO-Chondriten. Damit konnten andere häufig diskutierte Kandidaten ausgeschlossen werden – darunter insbesondere CM-Chondrite, die zuvor in der Scientific Community als wahrscheinlicher Kandidat galten. Zusätzlich schieden auch CI-Chondrite und weitere Gruppen aus. Für die Interpretation ist das wichtig, weil der Meteorit-Typ die chemische Ausgangslage der Atmosphäre nach dem Einschlag mitbestimmt: Welche flüchtigen Bestandteile gelangen in welcher Menge in den Kreislauf von Verdampfung, Aerosolbildung und chemischer Umwandlung?
CO-Chondrite sind dabei nicht irgendeine Variante, sondern gehören zu den seltensten und ursprungsnahen Gesteinstypen im Sonnensystem. Kohlige Chondrite insgesamt machen laut den im Kontext genannten Befunden nur einen kleinen Anteil der auf der Erde gefundenen Meteoriten aus, CO-Chondrite wiederum einen winzigen Bruchteil davon. Genau diese Seltenheit verleiht der neuen Identifikation zusätzliches Gewicht für die Deutung: Der Einschlag wirkt weniger wie „ein gewöhnlicher großer Brocken“, der zufällig eine günstige (oder ungünstige) Bahn erwischt, sondern wie ein Ereignis mit mehreren unwahrscheinlichen Bausteinen. Der Asteroid wird nach den Angaben als etwa 10 bis 15 Kilometer im Durchmesser beschrieben und traf die Erde mit rund 64.000 Kilometern pro Stunde. Selbst wenn die Energie eines Einschlags allein solche Größenordnungseffekte dominiert, bleibt die Frage, wie viel „Zufall“ bei Zusammensetzung und Wirkdomäne tatsächlich eine Rolle spielt.
Der Wechsel in der Bewertung betrifft besonders die Debatte um Schwefel. Viele Modelle setzten darauf, dass verdampfter Schwefel in die Atmosphäre gelangte, Sonnenlicht abschirmte und als saurer Regen über lange Zeiträume Böden sowie Meere belastete. Die neue Studie liefert dafür eine klarere Differenzierung: CO-Chondrite enthalten deutlich weniger flüchtige Elemente als andere kohlige Chondrite – mit Schwerpunkt auf Schwefel, aber auch bei Kohlenstoff, Zink und Wasser. In der Darstellung setzt ein CO-Chondrit nur etwa halb so viel Schwefel frei wie ein CM-Chondrit. Damit kippt die Plausibilität in Richtung einer anderen Hauptwirkungskette: Nicht der Schwefel allein, sondern die gewaltigen Mengen feinsten Staubs, die nach dem Impakt in der Atmosphäre aufgewirbelt werden, könnten der entscheidende Faktor für die Vernichtung gewesen sein. Das ist nicht „eine neue Theorie statt der alten“, sondern eher eine Verschiebung der Prioritäten innerhalb der bisherigen Erklärungslandschaft.
Auch der Ablauf selbst bleibt durch die Chemie des Projektils stärker „rekonstruktierbar“ als zuvor. Neben der Frage, welche Stoffe verdampften, spielt die Geometrie des Einschlags eine Rolle: In der Quelle wird argumentiert, dass ein anderer Einschlagswinkel oder ein Treffer nahe anderer Regionen die Verwüstung vermutlich geringer ausgefallen hätte. Ebenso wird die Jahreszeit genannt – der Impakt ereignete sich demnach im Frühling der Nordhalbkugel – was für einige Arten die Fähigkeit zur Erholung beeinflusst haben könnte, etwa weil Lebenszyklen und Nahrungsnetze in unterschiedlichen Phasen vulnerabler sind. Dazu kommt der astrophysikalische Rahmen: Es ist weiterhin nicht restlos geklärt, woher das Objekt stammte. Diskutiert werden Herkunftsregionen im äußeren Sonnensystem oder der äußere Asteroidengürtel nahe Jupiter. Letzterer wird oft als gravitativer „Schutzschild“ verstanden, der Gesteinsbrocken aus Randbereichen davon abhält, in Erdnähe zu gelangen; dass ein Objekt dieser Größenordnung die Barriere dennoch durchbricht, ist folglich ein außergewöhnlich seltenes Ereignis.
Für die Forschung ergeben sich daraus zwei konkrete Anschlussrichtungen. Erstens lässt sich der Mechanismus des Aussterbens präziser rekonstruieren, wenn die chemische Zusammensetzung des Impaktors bekannt ist. Das betrifft nicht nur Schwefel-Modelle, sondern die Gesamtheit der Prozesse, die von Verdampfung über Partikelbildung bis zur langfristigen Atmosphären- und Ozeanchemie reichen. Zweitens zeigt die Studie, dass Nickel-Isotope als Werkzeug besonders geeignet sind, um extraterrestrisches Material auf der Erde aufzuspüren und zuzuordnen. Damit wird die geochemische „Forensik“ nicht nur für dieses historische Ereignis interessant, sondern auch für zukünftige Fälle, in denen unterschiedliche Impaktor-Typen die Klimawirkung auf unterschiedliche Weise prägen könnten. Am Ende bleibt vor allem eine Botschaft: Das Aussterben war nicht das Ergebnis einer einzigen Ursache, sondern eine Verkettung vieler Faktoren – und diesmal wird diese Verkettung um den seltenen CO-Chondriten als einen zentralen Baustein reicher.
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