LONDON (IT BOLTWISE) – Eine drohende Korrektur um bis zu 30 Prozent hängt die SpaceX-Aktie laut Analysten bis 2028 an den Fundamentaldaten. Nach dem Börsenstart blieb die Bewertung deutlich hinter dem ersten Rekordkurs zurück: Die Aktie fiel zuletzt um 6,70 Prozent auf 115,26 US-Dollar. Im Raum steht dabei vor allem das KI-Segment mit stark negativen operativen Zahlen. Gleichzeitig wächst der Wettbewerb bei wiederverwendbaren Raketen aus Asien spürbar.

Der jüngste Kursverlauf rund um die SpaceX-Aktie wirkt wie ein Lehrbeispiel dafür, wie schnell sich nach einem großen Börsengang die Stimmung dreht. Rund einen Monat nach dem nach eigenen Angaben größten Börsendebüt der jüngeren Zeit schloss das Papier an der NASDAQ am Mittwoch mit einem Abschlag von 6,70 Prozent bei 115,26 US-Dollar. Zwar gab es nachbörslich eine leichte Erholung auf 115,99 US-Dollar (+0,63 Prozent), doch die Distanz zum Rekordhoch von rund 225,64 US-Dollar, das in der ersten Handelswoche nach dem 12. Juni markiert wurde, bleibt groß. Genau an dieser Lücke setzt die pessimistische Kernthese an: Wenn die Euphorie nach dem IPO abebbt, müssen Bewertung und Erwartungen wieder stärker am operativen Bild gemessen werden.
Als ersten Auslöser nennt der Analystenkreis im Wesentlichen Marktmechanik: Nach gefeierten Transaktionen kippt die Anlegerlogik häufig von „Story über Zahlen“ hin zu einer nüchternen Neubewertung. SpaceX habe diesen Prozess bereits signalisiert, indem der Kurs „wieder auf Ausgabeniveau“ um 135 US-Dollar zurückfiel. Dort können sich frühe Preisanker bilden, an denen viele Investoren ihre Erwartung kalibrieren. In den Emissionsunterlagen war für den NASDAQ-Börsengang von 555,6 Millionen platzierten Aktien die Rede, und nach dem Ablauf der üblichen Stillhaltefrist für die emissionsbegleitenden Banken nahm die Abdeckung Fahrt auf: Am 7. Juli stuften gleich sechs Institute die Aktie neu ein. Die Spanne der Kursziele reicht dabei inzwischen von 115 US-Dollar bis 800 US-Dollar, wobei Morgan Stanley mit 300 US-Dollar als oberer Orientierungspunkt der Gruppe genannt wird, während Goldman Sachs mit 205 US-Dollar deutlich zurückhaltender bleibt.
Der zweite Hebel der Skepsis ist zugleich der technischste: das KI-Geschäft, das im Zuge des Börsengangs erstmals sichtbar auf der Konzernlandkarte eingeordnet wurde. Laut den vorliegenden SEC-Unterlagen erzielte das Segment im Geschäftsjahr 2025 einen Umsatz von 3,2 Milliarden US-Dollar, gleichzeitig aber einen operativen Verlust von 6,4 Milliarden US-Dollar. In der Logik der Märkte ist das eine Kombination, die zwar Wachstumspotenzial andeuten kann, aber kurzfristig die Bewertung unter Druck setzt, weil Kapitalbedarf und Timing der Profitabilität unklar bleiben. Um den Vergleich greifbar zu machen, wird das KI-Segment dem Satelliteninternet-Geschäft gegenübergestellt: Starlink lag im selben Jahr bei 11,4 Milliarden US-Dollar Umsatz und 4,4 Milliarden US-Dollar operativem Gewinn. Damit wirkt Starlink wie ein Finanzierungspuffer, während das KI-Segment die gesamten Verluste nicht „wegwächst“, sondern sie sichtbar mitträgt.
Allerdings ist die Frage, ob das KI-Segment nur „verbrennt“ oder bereits in Richtung Skalierung kippt. Gegen die rein pessimistische Lesart spricht in der Quelle ein Großauftrag, der auf Rechenkapazität und damit auf Nachfrage nach KI-Infrastruktur hinausläuft. Der KI-Konzern Anthropic habe im Mai 2026 Rechenressourcen im Umfang von rund 325.000 NVIDIA-Grafikprozessoren für einen Vertrag gesichert, der monatlich mit 1,25 Milliarden US-Dollar bis Mai 2029 dotiert sein soll. Gleichzeitig wird aber auch ein betriebswirtschaftlich relevanter Sicherheitsmechanismus genannt: Beide Seiten können den Vertrag schon nach einem Quartal mit einer Frist von 90 Tagen kündigen. Für Investoren heißt das: Die Nachfragebasis ist belastbar genug, um Kapazitäten zu planen, aber nicht immun gegen strategische oder technische Umsteuerungen, etwa wenn sich Modelle schneller als erwartet effizienter trainieren lassen oder Kostenstrukturen neu verhandelt werden.
Der dritte Punkt verlagert den Fokus von Kapitalmarkt und Segmentzahlen auf Technologie und Wettbewerb. Wiederverwendbare Trägersysteme waren bei SpaceX ein zentraler strategischer Vorteil, weil sie das Kostenprofil pro Mission senken und Produktionszyklen beschleunigen. Gleichzeitig zeigen die Ereignisse aus Asien, dass die technologische Lücke kleiner wird. Mitte Juli meldete die staatliche China Aerospace Science and Technology Corporation erstmals die Bergung der ersten Stufe einer Rakete des Typs Long March 10B. Entscheidend ist dabei die Methodik: Die Bergung erfolgte mit einem Netzsystem auf einem Bergungsschiff im Südchinesischen Meer, statt wie bei SpaceX mit Landebeinen. Einen Tag später führte die japanische Raumfahrtbehörde JAXA einen ersten Testflug ihrer experimentellen wiederverwendbaren Rakete RV-X durch, kontrolliert gestartet und wieder gelandet.
Wichtig ist dabei die Einordnung, dass beide Vorhaben laut den Betreibern noch in einer frühen Entwicklungsphase stecken. Sie ersetzen daher nicht kurzfristig US-Regierungsaufträge, die SpaceX bereits im laufenden Geschäft adressiert. Dennoch verändert sich die Wettbewerbssituation: Wenn Varianten zur Wiederverwendung nicht nur angekündigt, sondern auch in Testkampagnen erfolgreich nachgewiesen werden, verschiebt sich die strategische Bewertungslogik. Denn dann fällt ein Teil der „Optionalität“ weg, die Investoren an SpaceX knüpfen: Das Risiko, dass der Kostenvorteil relativiert wird, steigt. Für die nächsten Schritte bedeutet das: Die Skepsis dürfte sich zuerst in den kommenden Quartalszahlen zeigen, insbesondere daran, ob das KI-Segment schneller in Richtung operativer Entlastung kippt als es der aktuelle Verlusttrend vermuten lässt.
So entsteht ein Spannungsfeld aus drei Ebenen: Erstens dreht die Marktstimmung nach einem großen IPO häufig über Monate hinweg zurück in Richtung Fundamentaldaten. Zweitens bleibt das KI-Segment mit 3,2 Milliarden US-Dollar Umsatz bei -6,4 Milliarden US-Dollar operativem Verlust ein möglicher Bewertungsanker nach unten, selbst wenn einzelne Infrastrukturverträge wie der mit 325.000 GPU-Rechenkomponenten oder dem 1,25-Milliarden-US-Dollar-Volumen bis 2029 temporär Stabilität signalisieren. Drittens kann wachsende Konkurrenz bei wiederverwendbaren Raketen die Annahmen über die Dauer des technologischen Vorsprungs beeinflussen. Ob daraus tatsächlich ein Rückschlagsrisiko von bis zu 30 Prozent bis 2028 abgeleitet werden kann, hängt damit weniger an der Schlagzeile selbst, sondern daran, wie sich Umsatz und operativer Verlust im KI-Bereich relativ zum Gewinnprofil von Starlink entwickeln.
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