LONDON (IT BOLTWISE) – Ein neues KI&-Ökonomie-Dataset soll erstmals belastbar zeigen, wie Menschen KI-Tools wirklich verwenden: von Gemini App über AI Mode bis zur Gemini API. Grundlage sind 15 Millionen aggregierte, anonymisierte Mensch-KI-Interaktionen aus 800 Berufen und 4.000 Aufgaben. Die Auswertung legt nahe, dass KI am Arbeitsplatz zwar breit genutzt wird, aber häufig nur punktuell in einzelnen Teilaufgaben. Gleichzeitig entstehen außerhalb der Arbeit besonders viele Effekte bei administrativen Hürden und haushaltsnahen Tätigkeiten.

Wer über die KI-„Wirtschaft“ spricht, landet schnell bei großen Versprechen: neue Produktivitätskurven, veränderte Jobs, vielleicht sogar eine andere Wachstumsdynamik. Die zentrale Schwierigkeit liegt jedoch darin, dass diese Effekte nicht automatisch eintreten. Genau an dieser Stelle setzt die erste Version eines groß angelegten Beobachtungsprojekts an: dem AI & Economy ATLAS. Es handelt sich um eine laufende Studie zur Adoption und Nutzung von KI im Alltag und im Berufsleben, die nicht auf Umfragen allein setzt, sondern auf einer empirischen Auswertung von Interaktionen.
Im Kern beschreibt das Vorhaben, wie Menschen in realen Arbeitsabläufen und privaten Kontexten KI-gestützte Funktionen verwenden. Die erste Datengrundlage (v1.0) basiert auf 15 Millionen aggregierten und de-identifizierten Mensch-KI-Interaktionen. Diese stammen aus den Umgebungen rund um die Gemini App, AI Mode sowie die Gemini API, die laut Veröffentlichung zusammen von mehr als 1 Milliarde Nutzern monatlich verwendet werden. Die Reichweite der Auswertung ist dabei nicht nur technisch, sondern auch demografisch: Die Ergebnisse decken über 150 Länder und Territorien ab, werden in 140 Sprachen sichtbar und beziehen 800 Berufe sowie 4.000 Aufgaben mit ein. Damit entsteht ein Blick darauf, wie KI „in der Fläche“ genutzt wird, statt nur dort, wo Pilotprojekte oder frühe Testgruppen liegen.
Eine der auffälligsten Ableitungen lautet: KI-Nutzung am Arbeitsplatz ist zwar breit, aber bislang oft „flach“. Der Arbeitsplatz-Rollout erstreckt sich über Branchen hinweg und umfasst 68% aller Berufe, die zusammen 90% der Beschäftigung in den USA abbilden. Innerhalb einzelner Jobs setzen Menschen KI jedoch selektiv ein; in einem typischen Arbeitskontext wird KI nur für etwa 21% der Teilaufgaben verwendet. Das Muster passt zu einer Beobachtung, die man auch in vielen Unternehmen aus dem Alltag kennt: KI wird zuerst als Assistenz verstanden – zum Beispiel für Ideenfindung, Strategie-Entwürfe, Informationsrecherche und Lernen – während die vollständige Automatisierung ganzer Aufgaben deutlich seltener auftritt. In der Studie werden zudem nicht-routinisierte kognitive Tätigkeiten (etwa kreative Gestaltung oder Hypothesentests) in Arbeitsinteraktionen relativ häufiger sichtbar als in der Wirtschaft insgesamt (65% vs. 35%); selbst dort automatisiert weniger als 10% der Interaktionen eine Aufgabe vollständig.
Bemerkenswert ist außerdem, dass KI nicht auf „White Collar“ beschränkt bleibt. Die Veröffentlichung betont, dass KI auch Arbeitskräfte in überwiegend physischen und manuellen Berufen unterstützt – etwa Automechaniker oder Industriemechaniker. In diesen Bereichen fungiert das KI-System häufig als dialogfähiger Kollaborationspartner für Diagnose, Fehlersuche und situatives Lernen. Wenn solche Zielgruppen die KI-Tools einsetzen, ist die Nutzung multimodaler KI doppelt so wahrscheinlich, also etwa das Erstellen von Bildern oder Videos. Konkrete Beispiele, die genannt werden, zeigen den praktischen Charakter: KI wird eingesetzt, um komplexe Testergebnisse zu interpretieren, elektrische Verkabelung zu debuggen oder Maschinen auf Verschleiß zu prüfen. Damit rückt ein realistisches Bild in den Vordergrund, in dem KI weniger wie ein „Job-Roboter“, sondern eher wie ein Werkzeug mit variabler Assistenzfunktion wirkt.
Auch im privaten Umfeld sind die Effekte laut ATLAS nicht nur „irgendwo messbar“, sondern besonders relevant für Tätigkeiten mit hoher Reibung. Über 86% der KI-Interaktionen finden außerhalb der Arbeit statt. Dazu gehören produktive Haushaltstätigkeiten – zum Beispiel die Recherche für Kaufentscheidungen oder Hilfe bei der Nutzung von Geräten und Werkzeugen – aber auch administrativ belastende Vorgänge wie das Navigieren durch staatliche Angebote, etwa im Kontext von Steuern, Lizenzen oder Bußgeldern. Gerade diese Art von Aufgaben taucht in klassischen Wirtschaftskennzahlen oft nur indirekt auf. Die Studie deutet deshalb an, dass KI-Nutzen sich teilweise in Bereichen manifestiert, die man in Produktivitätsdebatten bislang leicht übersieht: weniger in der direkten Output-Steigerung einzelner Produktionsschritte, mehr in der Reduktion von Aufwand, Unsicherheit und Informationsfriktion.
Spannend ist schließlich die globale Verteilung. Die ATLAS-Daten zeigen eine Diffusion von KI über 150 Länder und Territorien hinweg, die zusammen 99% der Weltbevölkerung abdecken. Gleichzeitig spiegelt sich die sprachliche Vielfalt deutlich: Englisch macht nur etwa ein Drittel der globalen KI-Gespräche aus, und Nutzer wechseln für komplexe Aufgaben nicht systematisch ihre Muttersprache. Auf Pro-Kopf-Basis ähnelt die KI-Nutzung dem relativen Wohlstand eines Landes – was die Sorge nährt, dass sich eine digitale Kluft fortsetzt. Allerdings ist das kein Naturgesetz: Einige mitteleinkommensstarke Länder in Südamerika und im Nahen Osten holen bei den Nutzungsraten offenbar auf, sodass sich für Entscheidungsträger nicht nur ein „globaler Durchschnitt“, sondern differenzierte Pfade ableiten lassen.
Technisch und methodisch beschreibt ATLAS, wie Beobachtungsdaten aus KI-Konversationen strukturiert und geschirmt werden. Die Insights werden durch ein Werkzeug gestützt, das bei großen Mengen unstrukturierter Textdaten ansetzt – insbesondere bei LLM-Konversationen – und sie in organisierte Einheiten überführt. Der Datenschutzanspruch wird dabei mehrfach operationalisiert: Neben dem Entfernen personenbezogener Daten (PII) kommen zusätzliche Schutzschichten zum Einsatz, die auch Referenzen auf sensible Informationen automatisch entfernen, Verknüpfungen zwischen den de-identifizierten Daten und den zugrunde liegenden Nutzerlogs unterbinden, Texte zusammenfassen und Zusammenfassungen so aggregieren, dass sie Gruppen repräsentieren, statt einzelne Nutzerströme nachzuhalten. Damit verschiebt sich die Studie weg von „Wer hat was gesagt?“ hin zu „Welche Aufgabenmuster und Nutzungsszenarien treten sichtbar auf?“
Für die nächsten Schritte positioniert die Veröffentlichung ATLAS explizit als langfristiges Projekt. v1.0 sei ein Startpunkt, weil sich die KI-Fähigkeiten weiterentwickeln, sich die Nutzungsgewohnheiten verändern und auch die Methoden wachsen müssen, um die wirtschaftlichen Wirkungen überhaupt sauber zu beobachten. Daneben bleibt ein wichtiger Hinweis: Nicht die gesamte ökonomisch relevante KI-Nutzung wird in ATLAS abgedeckt. Genannt werden etwa KI-gestützte Produkte mit sehr großen Nutzerzahlen, etwa im Produktportfolio wie Workspace, Translate oder KI-gestützte Übersichten, sowie KI-Funktionen in Unternehmensplattformen. Auch „Frontier“-Bereiche wie agentisches Coding und World Models werden zwar als thematisch relevant adressiert, aber eher als Ergänzung zu ATLAS verstanden. Insgesamt richtet sich der Blick damit weniger auf eine einzelne Kennzahl, sondern auf einen besser begründeten Mechanismus: Nur wenn Nutzungspfade nachvollziehbar sind, können Unternehmen, Politik und Forschung entscheiden, wo KI tatsächlich Wirkung entfaltet – und wo sie vor allem noch Potenzial ist.
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