LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Cybersecurity-Trainings setzen stärker auf praktische Red-Team-Übungen und Team-Simulationen. Gleichzeitig zeigen aktuelle KI-Modelle in abgeschotteten Tests, dass sie Zero-Day-Schwachstellen nicht nur finden, sondern auch in Ketten verknüpfen können. Der Bedarf an offensiver Kompetenz bleibt damit hoch, während sich Angriffe zunehmend auf Identitäten statt klassische Malware konzentrieren. Für Unternehmen heißt das: weniger Zeit für blindes Hoffen, mehr Zeit für messbare Abwehr und robuste Zugriffssicherheit.

Die Bedrohungslage im Netz wirkt derzeit wie ein Beschleuniger: Neue Schulungsformate für Red-Teams sprießen parallel zu Demonstrationen, bei denen KI-Modelle in Tests eigenständig Sicherheitslücken identifizieren und ausnutzen. Genau diese Kopplung aus „Angriff wird automatischer“ und „Verteidigung wird trainierter“ zieht sich durch mehrere Programme und Forschungsergebnisse, die in den letzten Wochen öffentlich sichtbar wurden. Hitachi Solutions Create hat am 23. Juli 2026 ein neues Trainingsangebot unter dem Titel „Cybersecurity Practical Exercises“ gestartet, das Angriffe auf interne Systeme und öffentliche Server simuliert. Interessant ist dabei weniger das Versprechen „Praxis“, sondern die Ausgestaltung: Die Teilnehmenden arbeiten mit einem Fokus auf Loganalyse und Reaktion auf Sicherheitsvorfälle, und die Sitzungen sind explizit als Teams mit mindestens drei Personen angelegt, um Rollenverteilung und Abstimmung zu erzwingen.
Ein zweiter Schwerpunkt kommt aus dem Nachwuchs- und Skill-Building-Umfeld. Selectstar hat im Rahmen des Financial Security AI Academy Camp 2026 zwischen dem 20. und 22. Juli 2026 50 Studierenden auf dem Kakao AI Campus in Yongin Zugriff auf eine KI-gestützte Plattform für Red-Teaming-Übungen gegeben. Dabei ist die Zielrichtung klar: Nicht nur Werkzeuge bereitstellen, sondern die Fähigkeit trainieren, Schwachstellen systematisch zu testen, Hypothesen zu verifizieren und die Ergebnisse in verständliche Maßnahmenpakete zu übersetzen. Das Financial Security Institute plant laut Angaben, das Angebot später auch auf Mitarbeitende von Finanzunternehmen auszuweiten. Damit wird ein typischer Engpass adressiert, den viele Security-Organisationen seit Jahren kennen: Offensives Sicherheitswissen ist schwer skalierbar, wenn es nur an einzelne Spezialisten gebunden bleibt.
Dass solche Trainings nicht „aus dem Bauch heraus“ entstehen, unterstreicht auch die Entwicklung auf Modellseite. Mitte Juli 2026 haben OpenAI-Modelle – darunter GPT-5.6 Sol und ein unveröffentlichtes System – in einer abgeschotteten Testumgebung erstmals die Fähigkeit gezeigt, Zero-Day-Sicherheitslücken eigenständig zu entdecken und in einer Kette zu verketten. Der entscheidende Punkt ist die Abfolge: In dem Setup gelang die Fernausführung von Code auf Produktionssystemen ohne menschliche Steuerung. Ein Novum ist das vor allem deshalb, weil es die klassische Grenze zwischen „KI hilft bei der Analyse“ und „KI führt Angriffe als Ablauf aus“ weiter verschiebt. Unternehmen müssen daher ihre Abwehr nicht nur als Reaktion auf einzelne Vorfälle denken, sondern als System aus Containment, Detektion und kontrollierter Reaktion, die auch dann funktioniert, wenn ein automatisierter Operator versucht, mehrere Schritte ohne Rückfrage auszuführen.
Die Dringlichkeit wird zusätzlich durch konkrete Lücken und Angriffsmuster untermauert, die im Juli 2026 gemeldet oder geschlossen wurden. Am 14. Juli schloss Microsoft drei Zero-Day-Lücken in Windows 11 und Microsoft Entra ID. Besonders relevant war eine Angriffskette, die als „Pass-the-Passkey“ beschrieben wurde: Angreifer konnten dabei privilegierte Cloud-Identitäten imitieren und so eine phishing-resistente Multi-Faktor-Authentifizierung umgehen. Parallel dazu wurde am 14. Juli eine kritische Deserialisierungs-Schwachstelle in einer lokalen SharePoint-Version geschlossen (CVE-2026-50522). Trotz verfügbarer Patches beobachten Sicherheitsteams jedoch weiter aktive Ausnutzung: Unauthentifizierte Angreifer sollen Maschinenschlüssel stehlen, um Tokens zu fälschen. Dass es sich hierbei um den fünften SharePoint-Fehler handelt, der 2026 ausgenutzt wurde, und dennoch „hunderte Server“ ungepatcht sein sollen, zeigt ein wiederkehrendes Muster: Nicht jede Lücke ist „neu“, aber der Schaden entsteht häufig durch verzögerte oder unvollständige Aktualisierung.
Neben klassischen Softwarelücken nimmt auch die staatlich koordinierte Perspektive zu. Im Juli 2026 warnten das FBI und CISA vor Angriffen auf industrielle Steuerungssysteme (ICS), die staatlich gesteuert sein sollen und sich gegen Umgebungen richten, die von Siemens, Schneider Electric und Rockwell Automation eingesetzt werden. Laut den Warnhinweisen nutzen die Angreifer Standard-Passwörter und ungepatchte Firmware, um kritische Infrastrukturen in Bereichen wie Wasser, Energie und Regierungsbetrieb anzugreifen. Genau hier zahlt sich Training auf Teamniveau aus: Wer nur einmal pro Jahr ein „Blue-Team-Workshop“-Dokument liest, erkennt Angriffssequenzen oft zu spät. Wer dagegen in kontrollierten Simulationen lernt, Logmuster auszuwerten und Incident-Response-Schritte unter Zeitdruck abzustimmen, kann die Lücke zwischen Erkennung und Schadensbegrenzung verkleinern.
Der Wandel betrifft jedoch nicht nur Lücken, sondern die Logik hinter Angriffen. In einem Bericht von LevelBlue SpiderLabs für das zweite Quartal 2026 wird beschrieben, dass Hacker zunehmend identitätsbasierte Angriffe sowie „Living-off-the-Land“-Techniken einsetzen – also weniger klassische Schadsoftware, dafür mehr das Ausnutzen legitimer Systemfunktionen. Konkret genannt werden Device-Code-Phishing, Session-Token-Diebstahl und der Missbrauch nativer Verwaltungstools wie PowerShell oder der AWS CLI. Dass solche Muster auch in großen Kampagnen sichtbar werden, lässt sich am Schlag gegen die Phishing-as-a-Service-Plattform Kratos ablesen: Behörden zerschlugen das Netzwerk, das seit Ende 2024 über 300.000 Euro Umsatz erzielt haben soll. Rund 1.800 Kunden starteten demnach monatlich etwa 15.000 Phishing-Kampagnen gegen Microsoft-365-Zugangsdaten. Das ist in Summe weniger „ein einzelner Angriff“, sondern eine Skalierungsschicht, gegen die Standardfilter häufig nicht reichen.
Für die Abwehr wird damit ein Dreiklang aus Zugriffssicherheit, Detektion und Übung entscheidend. Analysten nennen als konkrete Gegenmaßnahmen den Einsatz von FIDO2-Hardware-Tokens, KI-gestützte Erkennung von Anomalien bei Sitzungen sowie regelmäßige Red-Team-Übungen zur Überprüfung kritischer Systeme. In der Praxis heißt das: Passwortlose Mechanismen wie Passkeys müssen nicht nur „aktiviert“ werden, sondern so implementiert sein, dass Identitätsketten auch bei Umgehungsversuchen standhalten. Gerade weil es im Juli 2026 Angriffsketten gab, die Multi-Faktor-Schutzniveaus aushebeln, sollten Security-Teams die tatsächliche Token- und Sitzungslogik prüfen, nicht nur das Vorhandensein zusätzlicher Authentifizierung. Ergänzend bleibt Training relevant, weil autonome Angriffsschritte nicht nur in Laborreports existieren, sondern in der operativen Realität durch fehlende Routine in der Incident-Response teuer werden können.
Auch regulatorisch und organisatorisch verschärft sich der Kontext: Neue Pflichten und Prüfpfade erhöhen den Druck, Sicherheitsmaßnahmen nachweisbar zu machen. Gleichzeitig zeigt die Kombination aus KI-gestützter Schwachstellenanalyse (z. B. dem Test eines Vorschau-Modells zur Schwachstellenidentifikation) und dem Zielkonflikt aus Tempo und Qualität, wie schnell sich Kennzahlen verschieben können. In dem beschriebenen Testkonzept wurden mehr als 2.400 Sicherheitslücken in 43 Produkten identifiziert; rund 26 Prozent davon waren schwerwiegend oder kritisch, während die Fehleralarmrate von 80 auf 20 Prozent sank. Für Unternehmen ist das ein Signal: Automatisierung kann helfen, aber nur, wenn Prozesse die Ergebnisse kontrolliert in Prioritäten übersetzen. Wer die Lückenlage nicht im Griff hat, kann auch durch KI-Entlastung nicht vermeiden, dass Patch-Backlogs wachsen und Angreifer genau diese Lückenreihe im Feld ausnutzen.
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