WOLFSBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Volkswagen-Chef Oliver Blume stellt nach der Aufsichtsratssitzung die Halbjahresbilanz vor und startet damit den Dialog mit Analysten und Mitarbeitern. Im zweiten Quartal sinken die Auslieferungen konzernweit um fast 9 Prozent; besonders im chinesischen Markt gehen die Verkäufe um mehr als ein Drittel zurück. Gleichzeitig bleibt der Umbau mit Stellenabbau politisch und sozial umkämpft, weil der Widerstand von Arbeitnehmerseite und dem Land Niedersachsen anhält. Berichten zufolge sollen die Sparpläne im September erneut in den Aufsichtsrat eingebracht werden.

Volkswagen geht in die zweite Runde: Nach der Sitzung des Aufsichtsrats präsentiert Konzernchef Oliver Blume gemeinsam mit Finanzvorstand Arno Antlitz jetzt die Bilanz für das erste Halbjahr. Der öffentliche Auftritt ist dabei nicht nur eine Routine vor Kapitalmarktfragen, sondern der Startpunkt für eine neue Verhandlungslogik rund um die Sparpläne. Während Blume und Antlitz den Fragen von Analysten und Presse im Rahmen einer digitalen Konferenz Raum geben, läuft im Hintergrund bereits der politische und betriebliche Widerstand gegen einzelne Maßnahmen an. Konkret stehen Werke in Emden, Hannover, Zwickau sowie die Audi-Standorte in Neckarsulm im Fokus möglicher Entscheidungen, weil das Unternehmen sich offenbar nicht mit dem bisherigen Tempo beim Kostenabbau zufriedengeben will.
Im Aufsichtsrat prallten die von Blume und Antlitz ausgearbeiteten Sparpläne auf zwei Machtblöcke: das Land Niedersachsen als bedeutender Aktionär mit einem Anteil von 20 Prozent und die Arbeitnehmerseite, die dort gemeinsam die Mehrheit stellt. Blume hatte zuvor von einer Größenordnung von rund 50.000 Stellen gesprochen, die als „theoretische Ableitung“ betroffen wären. Diese Formulierung ist mehr als Wortwahl: Sie soll Spielräume markieren, ohne die Richtung des strukturellen Umbaus zu verdecken. Gleichzeitig deutet das auf eine neue Spannungslage zwischen Konzernstrategie und regionaler Industriepolitik hin, weil sich Entscheidungen auf Werkeebene häufig schneller als Finanzkennzahlen durchsetzen lassen müssen. Wenn vier Standorte „auf der Kippe“ stehen, wird jede Verzögerung im Gremium zum direkten Zeitfaktor für die Umsetzung von Einsparungen und Produktionsanpassungen.
Die nächste Etappe ist zeitlich eng getaktet: Laut Berichten sollen die Sparpläne im September erneut in den Aufsichtsrat eingebracht werden. Zuvor wollen die Top-Manager Ende August bei mehreren Betriebsversammlungen direkt auf die Belegschaft zugehen. Das ist auch deshalb relevant, weil das Tagesgeschäft aktuell keinen beruhigenden Rückenwind liefert. Im zweiten Quartal sanken die Auslieferungen konzernweit um fast 9 Prozent auf 2,08 Millionen Fahrzeuge. Besonders schmerzhaft ist der Rückgang in China: Dort fallen die Verkäufe um mehr als ein Drittel auf 424.300 Fahrzeuge. Damit verschiebt sich der wirtschaftliche Druck deutlich weg von allgemeinen „Konjunktur“-Erklärungen hin zu der Frage, ob das Produkt- und Preisportfolio in Regionen mit hoher Wettbewerbsintensität ausreichend greift.
Auch die Profitabilität liefert wenig Entlastung. Blume hat zuletzt beklagt, Volkswagen verdiene mit seinen Autos „schlicht zu wenig Geld“; der Gewinn ist seit längerem im Sinkflug. Im ersten Quartal fiel das Konzernergebnis nach Steuern um fast ein Drittel ein, im Gesamtjahr 2025 sogar um fast die Hälfte. Zwar schrumpfte der Umsatz in den ersten drei Monaten des Jahres nur leicht um 2,5 Prozent; entscheidend ist jedoch, dass die operative Umsatzrendite bei 3,3 Prozent lag und bis Jahresende eigentlich mindestens 4 Prozent erreicht werden sollen. Für 2030 peilt der Konzern dann mindestens 8 Prozent an – Zielkorridore, die jedoch zeigen, wie stark die ursprünglichen Erwartungen nach unten angepasst wurden. Von mindestens 9 Prozent war VW offenbar bereits Anfang des Jahres abgerückt, was in der Kommunikation auch als Eingeständnis gelesen werden kann, dass der Markt schneller in Richtung Kostendruck kippt als das Unternehmen bislang kalkuliert hatte.
Der Stellenabbau ist dabei nicht erst ein „Zukunftsthema“, sondern läuft bereits in der Breite. Bis 2030 kündigte Volkswagen den Abbau von konzernweit 50.000 Stellen in Deutschland an: 35.000 bei der Kernmarke, der Rest bei Töchtern wie Audi und Porsche. Mehr als 37.000 Beschäftigte haben nach den Angaben bereits entsprechende Vereinbarungen unterschrieben. Blume verweist darauf, dass die Ende 2024 vereinbarten Sparmaßnahmen angesichts verschärfter Rahmenbedingungen nicht mehr ausreichten. Genannt werden Zölle, Kriege, geopolitische Spannungen und härter werdende Konkurrenz – Faktoren, die nicht nur Absatzmärkte betreffen, sondern auch Lieferketten- und Kostenstrukturen überfrachtet haben. Wenn das bisherige Geschäftsmodell, in Europa zu entwickeln und zu produzieren und weltweit zu verkaufen, nicht mehr funktioniere, bedeutet das in der Praxis: Volkswagen muss Wege finden, bei vergleichbarer Komplexität deutlich niedrigere Stückkosten zu erreichen und gleichzeitig Risiken aus dem Standortmix herauszunehmen.
Wichtig ist auch die Differenzierung innerhalb der Regionen: Abseits Chinas lief es bei den Verkäufen „etwas besser“, vor allem in Europa; zudem ging es in Nordamerika im zweiten Quartal im Vergleich zum schwachen Vorjahreszeitraum bergauf. Daneben sieht Volkswagen bei Elektroautos in Europa sowohl beim Verkauf als auch bei Bestellungen bessere Werte als zuvor. Diese Mischung aus positiven Signalen in Teilsegmenten und deutlichem Gegenwind im Kernmarkt China macht den Umbau politisch und finanziell besonders anspruchsvoll. Investoren und Beschäftigte bekommen damit gleichzeitig zwei Botschaften: Einerseits gibt es Produkt- und Nachfragepunkte, die nicht komplett verloren sind; andererseits zwingt die Renditelücke zu harten Entscheidungen, die über reine Optimierungen hinausgehen. Für die kommenden Wochen ist deshalb vor allem entscheidend, ob die geplante Wiederaufnahme der Sparpläne im September die notwendige Mehrheitsfähigkeit im Aufsichtsrat erreicht und wie schnell daraus konkrete, belastbare Maßnahmen an einzelnen Standorten werden.
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