STUTTGART / LONDON (IT BOLTWISE) – Varta hat beim Amtsgericht Stuttgart ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragt, um die wirtschaftliche Zukunft des Unternehmens zu sichern. Laut Unternehmen betrifft das Verfahren nicht das operative Geschäft mit Haushaltsbatterien im laufenden Betrieb. Als zentrale Belastungsfaktoren nennt Varta verschlechterte Marktbedingungen, schwächere Nachfrage, negative Währungseffekte und den Verlust eines Ankerkunden. Die wichtigsten Geldgeber wollen das Geschäft mit Haushaltsbatterien herauslösen und eine neue Eigentümerstruktur schaffen.

Varta meldet Insolvenz in Eigenverwaltung an: Haushaltsbatterien sollen ausgegliedert werden
Varta meldet Insolvenz in Eigenverwaltung an: Haushaltsbatterien sollen ausgegliedert werden (Foto: IT BOLTWISE)
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Varta steht erneut an einem Scheidepunkt, diesmal jedoch nicht als „Turnaround“ über einzelne Produktzyklen, sondern als formaler Sanierungsprozess: Das Unternehmen hat beim Amtsgericht Stuttgart ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung angemeldet. Damit wechselt die Strategie von der reinen Krisenkommunikation hin zu einem strukturierten Neustart unter gerichtlicher Begleitung. Ziel ist es laut Varta, die wirtschaftliche Zukunft zu sichern und den Geschäftsbetrieb nachhaltig fortzuführen. Besonders bemerkenswert ist dabei die Formulierung, dass das laufende Geschäft mit Haushaltsbatterien nicht von dem beantragten Insolvenzverfahren betroffen sei – eine Aussage, die in der Praxis meist auf eine geplante Trennung von Risiko- und Ertragssäulen sowie auf eine differenzierte Betrachtung der operativen Einheiten hinausläuft.

Technisch und organisatorisch ist „Insolvenz in Eigenverwaltung“ für viele Industrieunternehmen deshalb interessant, weil das Management den laufenden Betrieb steuern darf, während gleichzeitig ein Rahmen entsteht, in dem Gläubiger, Investoren und potenzielle Käufer eine belastbare Restrukturierung prüfen. Im konkreten Fall sind neben der Varta AG als Konzernmuttergesellschaft mit Sitz in Ellwangen auch die operativen Einheiten Varta Microbattery GmbH, Varta Micro Production GmbH und Varta Storage GmbH von der Antragstellung betroffen. Diese Zusammensetzung zeigt, dass Varta nicht nur eine einzelne Sparte „umstellt“, sondern mehrere Funktions- und Produktionsbereiche in einen neuen Konsolidierungsmodus überführt. Für die Beschäftigten, Lieferanten und Kunden bedeutet das vor allem: Prozesse müssen weiterlaufen, während gleichzeitig Entscheidungen über Finanzierung, Kapazitäten und Eigentumsstrukturen vorbereitet werden.

Für die Ursache liefert Varta eine relativ klare Abfolge von Treibern. Das Unternehmen macht deutlich verschlechterte Marktbedingungen und eine schwächere Nachfrage verantwortlich, zusätzlich kommen negative Währungskurseffekte hinzu. Hinzu tritt laut den Unternehmensangaben die Entscheidung eines Ankerkunden, die Zusammenarbeit zu beenden. Genannt wird dabei Apple mit der ISIN US0378331005. Entscheidend ist: Selbst wenn ein Konzern mehrere Absatzkanäle besitzt, können solche Abhängigkeiten in einer Phase sinkender Gesamtmarktvolumina schnell zu einem strukturellen Problem werden. Varta beschreibt zudem, dass die finanziellen Spielräume in den letzten Monaten enger geworden seien, was die Restrukturierungslogik verständlich macht: Je schneller die Liquidität abnimmt, desto stärker müssen Optionen wie Umschuldung, Teilverkäufe oder Ausgliederungen bewertet werden, bevor sich das Zeitfenster weiter verkleinert.

Genau an dieser Stelle wird der Markt- und Investorenteil der Geschichte besonders relevant. Wie aus den Angaben zu den wichtigsten Geldgebern hervorgeht, darunter die Deutsche Bank sowie Finanzinvestoren mit den Namen RBC BlueBay, Blantyre und Whitebox, sehen diese keine tragfähige Gesamtlösung mehr. Der Vorschlag der Gläubiger läuft darauf hinaus, das Geschäft mit Haushaltsbatterien herauszulösen und eine neue Eigentümerstruktur zu schaffen. In solchen Konstellationen bedeutet „herauslösen“ in der Regel: Die betroffenen Assets und der Betrieb werden in eine getrennte Einheit überführt, damit Investoren ein klar abgegrenztes Risikoprofil bewerten können. Varta selbst untermauert den Druck, indem ein Sprecher der Gruppe erklärt, trotz intensiver Gespräche mit allen Stakeholdern sei von keiner Seite eine Zusage zur Bereitstellung der erforderlichen zusätzlichen Finanzmittel eingegangen. Damit rückt das Thema Verwertung und Neustrukturierung stärker in den Vordergrund als die Idee, alles aus eigener Kraft im bisherigen Setup zu stabilisieren.

Historisch wirkt diese Entwicklung fast wie eine Wiederholung, nur mit verschobenen Marktparametern. Die Anfänge von Varta reichen bis 1887 zurück; der Name entstand aus den Anfangsbuchstaben von „Vertrieb, Aufladung, Reparatur transportabler Akkumulatoren“. Bereits Fridtjof Nansen soll Varta-Batterien bei einer Polar-Expedition genutzt haben. Doch die heutige Form hat mit der damaligen Accumulatoren-Fabrik in Hagen nur noch den Markenkern gemeinsam: In den 1990er Jahren geriet das Unternehmen in eine Krise, wurde aufgespalten und stückweise verkauft. Später stieg Michael Tojner 2007 ein, kaufte die Sparte für Mikrobatterien und brachte sie zehn Jahre danach an die Börse. Der Börsengang galt als Erfolg – getrieben unter anderem von der rasant steigenden Nachfrage nach wiederaufladbaren Lithium-Ionen-Batterien für kabellose Kopfhörer und Smartwatches. Diese Phasen zeigen eine wiederkehrende Wahrheit der Elektronik-Zulieferindustrie: Batterien sind weniger „eine Technologie“ als ein Kosten- und Lieferkettenökosystem, in dem Volumen, Standards und Kundenportfolios über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

Als Varta 2019 den Geschäftsbereich Haushaltsbatterien zurückkaufte, vervierfachte sich der Erlös innerhalb weniger Jahre nahezu. Um die Produktion zu erweitern, investierte der Konzern Millionen und nahm dabei Schulden auf; parallel stieg Varta auch in die Entwicklung von Batteriezellen für E-Autos ein. Spätestens 2022 zeigten sich jedoch die ersten Risse: Varta habe sich offenbar zu stark von einem Hauptkunden abhängig gemacht, Apple hatte die Batterien aus Ellwangen in kabellosen Ohrhörern verbaut. Als Apple sich nach einem weiteren Zulieferer umsah, geriet das Geschäft unter Druck. Danach kamen weitere Belastungen: weltweite Wirtschaftsschwäche, hohe Teuerung in der Unterhaltungselektronik, Konkurrenz aus Fernost sowie Probleme in der Lieferkette. Dazu passt die Einordnung zum E-Auto-Engagement als Nischenprodukt: Die Varta-E-Auto-Batterie für Hybridfahrzeuge speichert relativ wenig Strom, nutzt Bremsenergie zur Unterstützung eines E-Motors und bleibt damit in der Wirkung stärker an spezifische Fahrzeugarchitekturen gebunden als breite Plattformkonzepte in reinen BEV-Produktionen.

Aus dieser Gemengelage entsteht das Bild eines Unternehmens, das gleichzeitig mit operativen Schwierigkeiten, hohen Schulden und tiefroten Zahlen konfrontiert war. In der Folge kam es zu Kurzarbeit und später zu Stellenstreichungen. Arbeitnehmer- und Aktionärsvertreter machten vor allem Managementfehler verantwortlich; Tojner räumte in den vorliegenden Angaben eine selbstkritische Perspektive ein: Er habe die Latte zu hoch gelegt, verschiedene Projekte gestartet, groß investiert und die Produktion ausgebaut. Das ist in der Gesamtbetrachtung nicht nur eine Frage der Unternehmensführung, sondern auch eine Frage der Risikosteuerung in kapitalintensiven Industrien: Wenn Produktionsausbau, Verschiebungen im Kundenportfolio und externe Nachfrageschocks zusammenfallen, reicht ein einzelner Produktimpuls selten aus. Für den nächsten Schritt wird deshalb entscheidend, ob die geplante Ausgliederung des Haushaltsbatteriegeschäfts die Voraussetzung schafft, dass neue Eigentümerstruktur, Finanzierung und operative Planung wieder an realistische Nachfrage- und Margenannahmen gekoppelt werden können. Wie das künftig mit den betroffenen Einheiten aus Ellwangen konkret weitergeht, hängt unmittelbar davon ab, welche Teile als „tragfähig“ bewertet werden und wie schnell Gläubiger, potenzielle Käufer und das Management die nächsten Finanzierungs- und Eigentumsentscheidungen umsetzen.


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