LONDON (IT BOLTWISE) – Altana erweitert seine Plattform für Lieferketten-Transparenz und Handelscompliance um eine KI, die Zollformalitäten automatisiert. Mit der Übernahme von Cervo AI soll aus manuell recherchierter Sachbearbeitung eine automatisierte Klassifizierung von Waren, Ursprungsbestimmung, Abgabenberechnung und das Flaggen von Compliance-Risiken werden. Damit rückt die Idee eines „agentic“ Workflows in den Mittelpunkt, der den gesamten Weg von der Wareneinstufung bis zur Freigabe eines Einfuhrvorgangs unterstützen soll. Für Logistikdienstleister und deren Kunden ändert sich damit vor allem die Prozesskette rund um Zollagenturen und die Abwicklung im Tagesgeschäft.

Altana treibt seine Position im Umfeld von Supply-Chain-Mapping und Handelscompliance mit einer konkreten Ergänzung voran: Das Unternehmen übernimmt Cervo AI, ein Startup, das die Erstellung und Ausarbeitung von Zollpapieren automatisiert. Der Timing-Faktor ist dabei nicht nur strategisch, sondern operativ spürbar. Sobald Tarife, schwankende Handelsregeln oder Programmbedingungen für bestimmte Lieferungen wechselhaft werden, steigt der Aufwand für Importeuren und Logistikdienstleister in der Phase, in der Waren korrekt eingestuft, Ursprungsländer bestimmt und Abgaben rechtssicher berechnet werden müssen.
Die Kernidee von Altanas bisherigem Ansatz liegt in der kombinierten Datenbasis: Die Plattform zieht Versandaufzeichnungen, öffentliche Handelsdaten sowie Informationen heran, die Unternehmen über ihre eigenen Lieferanten bereitstellen. Aus dieser Mischung soll sie den Warenkontext rekonstruieren und den Ursprung von Materialkomponenten ableiten. Sobald das System weiß, „was“ ein Produkt ist und „woher“ seine relevanten Bestandteile tatsächlich kommen, kann es die Güter automatisch klassifizieren, den Ursprung bestimmen, Zollabgaben berechnen und auffällige Compliance-Themen markieren. Damit verschiebt sich ein bisher häufig manuell geprägter Recherche- und Prüfprozess hin zu einem automatisierten „Look-up“, bei dem die KI die Vorarbeit leistet, statt dass Sachbearbeiter jede Einzelprüfung von Grund auf starten müssen.
Mit Cervo AI geht Altana einen Schritt weiter: Die neue Komponente soll nicht nur Informationen bereitstellen, sondern die für die Zollabfertigung benötigten Unterlagen selbst verfassen. Cervo positioniert sich dabei explizit als Entlastung für Zollagenturen; der Geschäftsfall zielt auf die Reduktion der Arbeit, die in der Regel von lizenzierten Fachkräften erledigt wird. Dazu gehören typischerweise Wareneinstufungen, die Bestimmung des Ursprungs, die Ermittlung der fälligen Abgaben, die Prüfung der Eignung für Freihandelsprogramme sowie das Sicherstellen, dass erforderliche Genehmigungen von staatlichen Stellen rechtzeitig vorliegen. Diese Informationen fließen anschließend in die rechtlichen Anmeldungen ein, die eine Sendung überhaupt erst passieren lassen.
Altanas Vision formuliert das Unternehmen als „Trusted Trade“: Globaler Handel soll nicht allein durch mehr Dokumente funktionieren, sondern durch eine IT-Architektur, die Importeuren, Zulieferer, Logistikakteure und Behörden enger zusammenbringt. In der Praxis bedeutet das vor allem, dass das System als durchgängiger Agent-Workflow verstanden wird: Klassifizierung, Ursprungs- und Abgabenlogik sowie das Schreiben der Zollanträge sollen wie aus einem Guss wirken, statt dass Teams zwischen unterschiedlichen Werkzeugen und Datenquellen hin- und herwechseln. Besonders deutlich wird der Nutzen, wenn Compliance-Aufgaben nicht nur einmalig bei der Anmeldung, sondern wiederkehrend entlang mehrstufiger Wertschöpfungsketten anfallen. Genau hier setzen viele Unternehmen an, wenn sie die Herkunft komplexer Materialien nachhalten müssen, ohne in jedem Einzelfall erneut „von Hand“ zu ermitteln.
Dass Handelscompliance operativ dauerhaft unter Druck steht, zeigen die beschriebenen Behördenanforderungen. Altana arbeitet seit 2022 mit der US-Zoll- und Grenzschutzbehörde an der Durchsetzung von Handelsregeln. In einem genannten Beispiel wird die Plattform genutzt, um im Kontext des Uyghur Forced Labor Prevention Act Waren mit möglichen Bezügen zu Zwangsarbeit in mehrstufigen Lieferketten gezielter zu identifizieren; laut Quelle greifen dabei 2.000 CBP-Agents auf diese Unterstützung zu. Parallel verschärft sich das Umfeld durch Änderungen in der US-Handelspolitik: Mehrfache Tarifstrukturen erhöhen den Prüfaufwand, und zudem fällt das zollfreie „de minimis“-Modell für Sendungen unter 800 US-Dollar weg. Für die Behörde bedeutet das mehr Anmeldungen in der Breite; für das laufende Fiskaljahr wird von mehr als 63 Millionen Entry Summaries berichtet, das sind bereits 27 % mehr als im gesamten Vorjahr und 65 % mehr als vor zwei Jahren.
Auch abseits der Behördenkooperationen baut Altana ein Netzwerk entlang der Lieferkette. Genannt werden u. a. Maersk, L.L. Bean, Skims und Avery Dennison. Einen konkreten Produktbezug liefert die Weiterentwicklung rund um digitale Produktpässe: Altana hat die Zusammenarbeit mit Maersk erweitert und ein Produktpass-Management für Güter angekündigt, die innerhalb der „Gemini Cooperation“-Schifffahrtsallianz unterwegs sind, hier im Zusammenspiel mit Hapag-Lloyd. Solche Pässe werden vor dem Versand an die Waren gekoppelt und sollen von Zollbehörden an 12 relevanten internationalen Häfen erkannt werden, die zusammen 70 % des globalen Handels abdecken. Im Vergleich wird die Logik als „Global Entry“ für internationale Reisende beschrieben: Vorab verifizierte Daten ermöglichen schnellere Prüfungen, weil nicht jedes Mal eine vollständige Risikoanalyse von Null beginnt. Gleichzeitig soll der Passport Manager den Behörden in den Handelsrouten Statusinformationen liefern und Risiko- sowie Compliance-Entscheidungen auf Basis agentischer Empfehlungen ermöglichen.
Spannend ist dabei die technische und organisatorische Grundlage, die Maersk laut Beschreibung explizit anspricht: ein „federated data model“. Dadurch kann der Produktpass mit souveränen Regierungen geteilt werden, ohne dass die zugrunde liegenden Daten das jeweilige sichere Umfeld verlassen. Für Unternehmen, die bislang zwischen Datenzugriff, Lieferantenauskunft und Beteiligung mehrerer Parteien abwägen mussten, ist genau diese Trennung entscheidend: Sie kann die Hürde senken, überhaupt „aus der eigenen Quelle heraus“ zu kooperieren, ohne sensible Lieferantendetails vollständig offenlegen zu müssen. Gleichzeitig zeigt der Ansatz, wie Altana seine Automationsstrategie in Richtung eines end-to-end agentischen Systems ausbaut: Erst Daten verstehen, dann Risiken klassifizieren, dann die Anmeldungen erzeugen und schließlich die Behördeninteraktion beschleunigen.
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