FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Europäische Zentralbank belässt den Einlagensatz bei 2,25 Prozent und setzt damit auf eine Zinspause. Hintergrund sind die zuletzt wechselhaften Inflationsdaten im Euroraum und die anhaltende Unsicherheit durch den Konflikt im Nahen Osten. Gleichzeitig bleibt der Markt auf weitere Zinsschritte vorbereitet – besonders für die Sitzung im September. Für Sparer rückt damit zwar der kurzfristige Zinsnutzen in den Fokus, aber nur, wenn Banken die Konditionen wirklich weitergeben.

Die Europäische Zentralbank hat die geldpolitische Bremse für den Moment nicht weiter verschärft: Der für Banken und Sparer zentrale Einlagensatz bleibt bei 2,25 Prozent. In Frankfurt entschied der EZB-Rat damit erneut für Abwarten, nachdem die Währungshüter im Juni die Zinsen erstmals seit fast drei Jahren angehoben hatten. Dass dieser Schritt nun ausgesetzt wird, ist weniger als „Erfolg“ gegen die Inflation zu lesen, sondern als Versuch, die Wirkung der jüngsten Erhöhung unter realen Markt- und Konjunkturbedingungen sauber zu beobachten.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde ordnete die Entscheidung als einstimmig ein, betonte jedoch zugleich die laufende Diskussion im Rat. „Es war eine einstimmige Entscheidung“, sagte sie nach dem Zinsentscheid auf der Pressekonferenz in Frankfurt, fügte aber hinzu, dass einige Ratsmitglieder „sich fragten, ob wir bei diesem Treffen eine Zinserhöhung in Betracht ziehen sollten“. Entscheidend ist dabei der Rahmen: Nach „gründlicher Prüfung der aktuellen Entwicklungen“ habe man den Schluss gezogen, dass die EZB gut aufgestellt sei, um die Daten in den nächsten Wochen sehr aufmerksam zu verfolgen. Für Unternehmen und Treasury-Abteilungen bedeutet das vor allem eine Planungsgrundlage – keine zusätzliche Verteuerung der Finanzierung auf Knopfdruck, aber auch keine Entwarnung.
Technisch betrachtet dreht sich diese Pause um den Spagat zwischen Inflationsbekämpfung und Wachstumsrisiko. Laut EZB-Berichten ist die Unsicherheit weiterhin hoch, weil die Auswirkungen des Energieschocks auf die Inflation noch nicht vollständig durchgeschlagen sind. Zwar hat sich der Preisauftrieb zuletzt etwas abgeschwächt: Im Juni lag die Inflationsrate im Euroraum bei 2,8 Prozent nach 3,2 Prozent im Mai. In Deutschland fiel die Rate auf 2,3 Prozent – unter anderem wegen des Tankrabatts. Gleichzeitig sieht die EZB ihren Zielwert bei zwei Prozent, und genau dort wird die Stoßrichtung sichtbar: Höhere Zinsen erhöhen die Kosten für Kredite und dämpfen so Nachfrageimpulse, belasten aber ebenso Investitionen und damit das Wachstum.
Als Belastungsfaktor kommt hinzu, dass die Energie- und Rohstoffseite aktuell wieder stärker in den Fokus rückt. Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran treibt die Ölpreise weiter nach oben und erhöht dadurch den Druck auf die Inflationsdynamik. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent lag am Donnerstagnachmittag wieder bei 100 US-Dollar. Damit wirkt ein klassischer externer Schock in den geldpolitischen Transmissionsmechanismus hinein: Selbst wenn sich die Kerninflation oder die Nachfragekomponenten abkühlen, kann ein erneuter Energieimpuls die Gesamtinflation zäh halten. Experten werden daher besonders darauf achten, ob sich die Entspannung bei den Preissteigerungen fortsetzt oder ob der Ölpreis über Erwartungen und Terminstruktur wieder stärker durchschlägt.
Die Märkte rechnen jedenfalls nicht mit einem langen Stillstand. Viele Ökonomen gehen davon aus, dass die EZB bereits bei der nächsten Sitzung im September erneut an der Zinsschraube drehen könnte. Nach der Sommerpause würden neue Inflations- und Konjunkturdaten der EZB dabei helfen, besser zu beurteilen, ob der aktuelle Kostendruck weitere Straffung erforderlich macht. Ähnlich argumentiert Florian Heider vom Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung mit Blick auf die Datenlage: Mit den neuen Zahlen könne die EZB den Bedarf konkreter bewerten. Dass die Erwartungslage in Richtung weiterer Erhöhungen kippen kann, zeigt zudem die Position von Jörg Kramer, Chefvolkswirt bei der Commerzbank: „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Auch wenn die EZB ihre Leitzinsen heute nicht zum zweiten Mal in Folge anheben wollte, kommt sie um eine weitere Erhöhung auf der nächsten Sitzung im September nicht umhin.“ Sein Punkt: Der Einlagezins von 2,25 Prozent sei zu niedrig, um die gestiegenen Inflationsrisiken zu bekämpfen.
Für Sparer ist die unmittelbare Wirkung dennoch nicht automatisch gegeben. Zwar können höhere Leitzinsen grundsätzlich helfen, weil Banken bessere Erträge erzielen und diese teils in Form von Einlagenkonditionen an Kunden weiterreichen. Ob daraus allerdings ein spürbarer Vorteil wird, hängt an der Bankmargen- und Passivpolitik, also daran, wie schnell und wie umfassend Sparkassen und Banken die Leitzinsänderung in ihre Produkte übersetzen. Nach der Erhöhung im Juni war dies laut einer Auswertung des Vergleichsportals Verivox allerdings nur bei rund jedem sechsten Geldinstitut in Deutschland der Fall. Genau hier zeigt sich der praktische Unterschied zwischen Geldpolitik als makroökonomischem Instrument und dem, was am Ende auf dem Kontoauszug ankommt.
Gleichzeitig bleibt der Zeithorizont für Unternehmen und Kreditnehmer eng getaktet: Eine längere Serie von Zinserhöhungen erwarten Ökonomen derzeit zwar nicht, denn eine zu straffe Geldpolitik könnte die ohnehin schwache Konjunktur zusätzlich belasten. Für die Praxis heißt das: Finanzabteilungen sollten sowohl Szenarien für „weitere Erhöhung im September“ als auch „Fortsetzung der Pause bei abklingender Inflation“ in ihre Liquiditäts- und Zinsbindungsplanung aufnehmen. Nicht nur die Inflationsentwicklung, auch die Energiepreise und die Datenqualität aus dem Euroraum werden darüber entscheiden, ob die EZB ihre Strategie eher stabilisiert oder den restriktiven Kurs wieder anzieht.
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