BERLIN / LEUNA / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Mitgliederumfrage des VCI zeigt deutliche Standortzweifel in der ostdeutschen Chemie: Jedes zweite Unternehmen will seine Investitionen in Deutschland 2026 und 2027 reduzieren. Gleichzeitig planen mehr als ein Drittel, Investitionen ganz oder teilweise ins Ausland zu verlagern. Als Hauptbremsen gelten hohe Kosten, Energie- und Klimapolitik sowie ein als belastend wahrgenommener Genehmigungs- und Bürokratieaufwand. Konkrete Beispiele aus dem Markt verdeutlichen, wie unterschiedlich die Krise bereits heute ausfällt.

VCI-Umfrage: Chemieunternehmen in Ostdeutschland bremsen Investitionen 2026/2027 stark
VCI-Umfrage: Chemieunternehmen in Ostdeutschland bremsen Investitionen 2026/2027 stark (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Chemieindustrie liefert Produkte für Dünger, Kunststoffe und zahlreiche chemische Grundstoffe – und doch wird aus Ostdeutschland zunehmend spürbarer Widerstand gegen den eigenen Standort formuliert. Laut einer Mitgliederumfrage des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) will jedes zweite ostdeutsche Unternehmen seine Investitionen in Deutschland in den Jahren 2026 und 2027 zurückfahren. Mehr als jedes dritte plant zudem, Investitionen ganz oder teilweise ins Ausland zu verlagern. An der bundesweiten Befragung nahmen den Angaben zufolge rund 250 Chemie- und Pharmaunternehmen teil; der VCI vertritt insgesamt etwa 2.000 Unternehmen. Für die regionale Auswertung wurden die Antworten von gut 20 ostdeutschen Teilnehmern gesondert betrachtet – welche Betriebe konkret kürzen oder verlagern, blieb allerdings offen.

Dass diese Haltung nicht aus dem Nichts kommt, zeigt der Blick auf Einzelschicksale in der Branche. Der Düngemittelhersteller SKW Piesteritz warnt etwa, dass die besonders energieintensive Düngemittelproduktion in Deutschland wegen hoher Energiepreise an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Auch im sachsen-anhaltinischen Leuna bleibt die Lage angespannt: Die als Auffanggesellschaft für die insolventen Domo-Werke gegründete Polyamid GmbH ringt nach eigener Darstellung weiter um eine langfristige Zukunft des Standorts. Gleichzeitig gilt nicht jede Teilbranche als gleich stark getroffen: Die Pharmasparte wirkt in diesem Bild vergleichsweise robust. So kündigte der Pharmakonzern Merz an, mehr als 100 Millionen Euro in den Standort Dessau-Roßlau zu investieren und dort rund 150 zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen.

Technisch und wirtschaftlich lassen sich die unterschiedlichen Ergebnisse in einem Punkt bündeln: Die Chemie ist in vielen Wertschöpfungsstufen stark energie- und kostenintensiv, während Planungssicherheit für Investitionszyklen entscheidend ist. Genau diese Planbarkeit wird in der Umfrage von vielen Unternehmen infrage gestellt. Als größtes Investitionshemmnis nennen die Befragten die hohen Kosten in Deutschland: Neun von zehn bewerten den Einfluss als eher oder stark negativ. Energie- und Klimapolitik treffen ebenfalls auf breite Kritik – drei Viertel der Unternehmen sehen hier einen negativen Effekt. Entsprechend zeigt sich auch bei der Standortausweitung eine klare Zurückhaltung: Nur jedes zehnte Unternehmen möchte die Investitionen im Inland ausweiten. Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin des VCI Nordost, bringt den Tenor dabei auf den Punkt: „Unsere Unternehmen verlieren nicht den Mut zu investieren – sie verlieren das Vertrauen in die Standortbedingungen“.

Besonders relevant für die Investitionsrealität ist zudem die Frage, wie schnell sich Projekte genehmigen und in Betrieb nehmen lassen. Bürokratie und Regulierung werden von 85 Prozent der Unternehmen als schwere oder sehr schwere Belastung empfunden. Für Innovationszyklen ist das gleich doppelt problematisch: Sieben von zehn sehen Bürokratie zugleich als größtes Innovationshemmnis. Weitere Faktoren wirken in dieselbe Richtung und werden von vielen Betrieben als konkret spürbar beschrieben: Jeweils 60 Prozent nennen hohe Rohstoffkosten sowie Steuern und Abgaben, 55 Prozent die Genehmigungspraxis und 50 Prozent die Energiekosten. Entsprechend bleiben die Erwartungen verhalten – denn unter diesen Bedingungen verschieben Unternehmen häufig Entscheidungen, statt Kapazitäten schnell hochzufahren.

Die Stimmung spiegelt sich auch in den Geschäftszahlen wider: Viele Unternehmen erwarten keine durchgehend positive Entwicklung. Die Hälfte rechnet mit sinkenden Erträgen, nur jedes fünfte Unternehmen mit einer Verbesserung. Bei den Umsätzen erwarten jeweils 45 Prozent einen Anstieg oder einen Rückgang – ein Zeichen dafür, dass sich der Markt kurzfristig nicht einheitlich stabilisiert. Gleichzeitig deutet der bundesweite Blick auf eine breitere Schwäche hin: Laut VCI lag die Produktion der chemisch-pharmazeutischen Industrie im ersten Halbjahr drei Prozent unter dem Vorjahreswert. Die Investitionen gingen bereits das dritte Jahr in Folge zurück. Auch die Bewertung der Wirtschaftspolitik fällt kritisch aus: 65 Prozent vergeben der Bundesregierung die Noten „mangelhaft“ oder „ungenügend“, bei der EU-Kommission sind es 75 Prozent. Schmidt-Kesseler argumentiert dabei im Kern standortökonomisch: Deutschland könne sich im internationalen Wettbewerb dauerhaft hohe Standortkosten nicht leisten.

Für Entscheider in Industrieunternehmen und für die regionale Industriepolitik entsteht daraus ein klares Aufgabenbild. Wenn ein großer Teil der Branche Investitionen reduziert oder ins Ausland verlagert, geraten nicht nur einzelne Werke unter Druck, sondern auch Lieferketten, Qualifizierungspfade und die Finanzierung kommender Technologien. Die Chemie wirkt in vielen Bereichen als „Infrastruktur der Industrie“: Fehlt dort Kapazität, wird die Planung in nachgelagerten Segmenten häufig teurer oder riskanter. Vor diesem Hintergrund fordern Unternehmen laut Umfrage verlässliche Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie und schnellere Genehmigungen sowie wettbewerbsfähige Energiepreise. Kurzfristig dürfte die Herausforderung weniger in der Frage „ob“ investiert wird liegen, sondern in der Frage „zu welchen Bedingungen“ und „wo“ – und genau hier entscheidet sich, ob Standorte wie Leuna dauerhaft eine Perspektive behalten oder ob sich die Investitionslast weiter verschiebt.


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