BAYREUTH / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Bayreuther Festspiele nutzen ihr 150-jähriges Jubiläum, um sich explizit gegen den Rechtsruck in Gesellschaft und Politik zu positionieren. Beim Festakt betont Festspiel-Leiterin Katharina Wagner die „sehr persönliche Verknüpfung“ ihrer Familie mit dem NS-Regime unter Adolf Hitler und koppelt Tradition an eine ungeschönte Auseinandersetzung. Der jüdische Publizist Michel Friedman fordert zugleich Engagement für Demokratie und gegen Rassismus und Antisemitismus. Die Reden rücken damit ausgerechnet die „dunkle Geschichte“ des Grünen Hügels in den Mittelpunkt – inklusive zuvor entfachtem Streit um seine Teilnahme.

Vor dem eigentlichen Festreigen stand im Bayreuther Festspielhaus eine politische Botschaft im Raum, die in der Tradition des Hauses bewusst als Bruch formuliert wurde. „Hier Nein zu sagen“ – so beschreibt Katharina Wagner beim Festakt zum 150. Jubiläum den Auftrag der diesjährigen Festspiele. Adressiert sind damit nicht nur Rassismus, Antisemitismus und Chauvinismus, sondern auch eine Entwicklung, die der Geschichte die Spitze nimmt: Wagner stellt die Idee einer Verharmlosung der Vergangenheit als das zentrale Gegenstück zu ihrer Erinnerungskultur heraus. Besonders deutlich wird dabei, warum das Jubiläum nicht allein als kulturelles Ereignis inszeniert ist, sondern als Erzählung, die sich an Verantwortung bindet: Wagner verweist auf die „sehr persönliche Verknüpfung“ ihrer Familie mit dem NS-Regime unter Adolf Hitler.
Damit verschiebt sich der Fokus vom Repertoire auf die eigene Genealogie des Festivals. Die Bayreuther Festspiele sind eng mit dem Namen Richard Wagner verbunden – und dieser Name trägt historische Last. Der Komponist (1813–1883) verfasste antisemitische Schriften und äußerte sich nach Darstellung in der Berichterstattung wiederholt klar antisemitisch. Später galten die Festspiele als verflochten mit nationalistisch-völkischem Gedankengut; schließlich kam es zur ideologischen Nähe zum Nationalsozialismus. Dass Hitler wiederholt zu Gast in Bayreuth gewesen sei, gehört in diesem Zusammenhang zur dunklen Biografie des Grünen Hügels. Ebenso wird die Rolle von Winifred Wagner betont, die die Festspiele damals leitete und als glühende Verehrerin galt.
Die 150-Jahr-Feier wird damit zur konkreten Debatte darüber, wie man Tradition „ernst“ nimmt, ohne sie zu verklären. Wagner formuliert es als Balance: „die Tradition ernst zu nehmen, ohne sie zu verklären“ – und verbindet diese Balance mit dem Risiko eines historischen Wiederauftauchens: „damit die Zukunft nicht erneut in der Finsternis der Vergangenheit endet“. In dieser Logik taugt Kultur nicht als zeitlose Kulisse, sondern als Ort, an dem gesellschaftliche Narrative entstehen. Michel Friedman, jüdischer Publizist und Festredner bei einer Gedenkveranstaltung mit dem Titel „Verstummte Stimmen“ für verfolgte und ermordete jüdische Musiker, ordnet die Neuausrichtung als Wendepunkt ein. Er spricht davon, dass Katharina Wagner „gerade die Erinnerungskultur von Bayreuth verändert“, und nennt sie „meine Freundin“. In seiner Rede greift Friedman zudem das konkrete Spannungsfeld auf, das in Bayreuth seit Jahrzehnten immer wieder kontrovers diskutiert wird: „Heute hab ich das Wort und der Antisemit Richard Wagner muss zuhören.“
Auch die Frage nach dem Umgang mit Opposition und Konflikten war Teil der Vorbereitung. Vortragsanker war nicht nur die Rede selbst, sondern der „Vorab-Wirbel“ darum, dass Friedman zur Veranstaltung ein- und wieder ausgeladen worden sei. Laut Darstellung reagierte Friedman öffentlich auch auf den Umstand, dass er dies als persönlichen Ärger beschrieb. Im Anschluss folgten harsche Kritiken an den Festspielen – auch aus der Politik – begleitet von einer Entschuldigung der Festspiel-Chefin, die sie bei der Eröffnung des Jubiläums noch einmal wiederholte. Dieser Ablauf wirkt wie ein Stresstest für das, was Wagner als Erinnerungskultur definiert: Wenn die inhaltliche Position „Nein zu sagen“ behauptet, muss der Prozess, der dorthin führt, ebenfalls zeigen, dass offene Debatte möglich ist. Friedman nutzte die Bühne dann, um Engagement für Demokratie einzufordern und nicht nur moralische Zustimmung zu verlangen.
Inhaltlich setzt Friedman auf einen direkten Bezug zur Gegenwart. Er stellt die Frage, was noch passieren müsse, damit Menschen ihre Demokratie aktiv verteidigen: „Was muss eigentlich noch passieren, dass wir unsere Demokratie persönlich verteidigen“. Gleichzeitig beschreibt er eine Veränderung im Kräfteverhältnis: „Inzwischen sei klar, dass wir den Anfängen nicht genug gewehrt haben, sondern mittendrin sind.“ Dabei verweist er explizit auf Sachsen-Anhalt: Dort liege die AfD laut Umfragen rund sechs Wochen vor der Landtagswahl mit mehr als 40 Prozent vorn. Friedman schärft die politische Konsequenz für ein Publikum, das in diesem Moment nicht als „Zuschauer“, sondern als Teil der demokratischen Öffentlichkeit angesprochen wird. Es folgt eine Zuspitzung, die nicht nur auf politische Gegner zielt, sondern auf demokratische Selbstvergewisserung: „Sie müssen demokratisch wählen, damit sich morgen noch entspannt nörgeln können.“
Hinzu kommt die Perspektive auf Hass als menschenverachtendes Muster, nicht als abstrakte Ideologie. Friedman sagt, Hass auf Juden, Hass auf Muslime, Hass auf Frauen oder Homosexuelle sei vor allem eines: Hass auf Menschen. Er ergänzt die Diagnose mit einer existenziellen Beobachtung zur Logik von Diktaturen: „Die Diktatur verachtet den Menschen nicht, sie sieht ihn nicht einmal“. Aus dieser Einordnung leitet er eine Handlungspflicht ab, die sich sprachlich wie politisch gegen Gleichgültigkeit richtet. Schließlich greift er den Begriff „Produkt“ auf, um Wahlwerbung als demokratische Routine zu reaktivieren: „das bessere Produkt“. Für seine persönliche Glaubwürdigkeit wird in der Berichterstattung auch eine familiäre Dimension genannt: Aus seiner Familie seien seinen Angaben zufolge 50 Menschen von den Nationalsozialisten ermordet worden.
Die Resonanz aus dem politischen Umfeld folgte prompt und mit klaren Bewertungen. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer bezeichnete Friedmans Rede und die Neuausrichtung der Bayreuther Erinnerungskultur als „historisch“. Er spricht davon, dass Friedman „den Finger in die Wunde der Erinnerungspolitik gelegt“ habe und damit eine „große Versöhnungsgeste“ gelebt werde, die allen Beteiligten guttut. Weimer hebt zugleich hervor, dass Katharina Wagner sich entschieden habe, „die Erinnerungspolitik Bayreuths und der Familie Wagner neu zu definieren“. Am Vortag hatte auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in einem Grußwort an die dunkle Seite der Festspielgeschichte erinnert und zugleich an Wagners Antisemitismus als wiederkehrenden Anlass zur kritischen Auseinandersetzung verwiesen. Merz zitierte dabei Thomas Mann und empfahl bei Wagners Musik: „genießen, aber nicht ohne Misstrauen“. Seine Leitlinie lautet: „Canceln ist jedenfalls auch hier keine Lösung“ – und er plädiert für die von den Festspielen gelebte Art der Auseinandersetzung: „Spät, aber es ist geschehen.“
Dass Bayreuth damit nicht nur Kulturpolitik, sondern auch gesellschaftliche Symbolik berührt, zeigt die Reaktion aus Bayern. Bayerns Kunstminister Markus Blume (CSU) sieht in dem „neuen Gesicht“, das Bayreuth mit diesen Festspielen zeige, ein Vorbild „weit über den Grünen Hügel hinaus“. Genau an dieser Stelle wird die strategische Bedeutung der Veranstaltung sichtbar: Das Jubiläum dient nicht ausschließlich der Selbstvergewisserung, sondern bietet eine Vorlage für andere Institutionen, die mit historischen Verstrickungen umgehen müssen. Aus technischer Perspektive ließe sich das als „Governance“-Frage lesen: Wie werden Narrative kontrolliert, wie werden Risiken sichtbar gemacht, und wie werden Regeln für die öffentliche Darstellung gesetzt? Entscheidend ist dabei weniger die einzelne Rede als die Konsequenz, die daraus folgt: Tradition wird nur dann zukunftsfähig, wenn sie die eigenen Schatten nicht ausblendet, sondern als Bestandteil der Gegenwart behandelt. Ob das in Bayreuth dauerhaft zu neuen Standards führt, wird sich zeigen – spätestens dann, wenn die nächsten Debatten nicht mehr am Rand, sondern in der Mitte des Programms landen.
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