LONDON (IT BOLTWISE) – Novo Nordisk zieht erneut juristisch nach: Der Konzern verklagt Eli Lilly wegen Werbevergleichen zwischen Zepbound und Wegovy und geht parallel gegen Hims & Hers wegen sogenannter compounded Drugs vor. Kern des Vorwurfs sind aus Novo Nordisk-Sicht veraltete Studiendaten, unfaire Dosisvergleiche sowie Risiken bei Reinheit und Dosierung. Während Eli Lilly die Vorwürfe zurückweist und Gegenwehr ankündigt, reagiert der Markt mit Kursbewegungen und einer gespaltenen Analystenlage. Für Anleger wird damit zugleich ein operativer Belastungstest für die Umsatzentwicklung im Abnehmspritzen-Wettbewerb eingeleitet.

Novo Nordisk verschärft den Ton im Wettbewerb um Abnehmspritzen und setzt dabei auf gleich zwei parallele Rechtsverfahren. Am 21. Juli reichte der dänische Pharmakonzern Klage gegen Eli Lilly ein. Novo Nordisk wirft dem US-Konkurrenten vor, in TV-Werbung irreführende Vergleiche zwischen Zepbound und Wegovy zu ziehen. Bereits am 9. Februar hatte Novo Nordisk zudem Hims & Hers verklagt – ebenfalls mit dem Ziel, bestimmte vermarktete Produkte dauerhaft vom Markt zu nehmen. Damit folgt der Konzern nicht nur der klassischen Strategie „besseres Produkt, bessere Daten“, sondern versucht zugleich, die Wahrnehmung im Markt über Gerichte zu beeinflussen.
Im Mittelpunkt der Klage gegen Eli Lilly steht eine juristisch und therapeutisch heikle Werbeargumentation: Novo Nordisk behauptet, die Werbung stütze sich auf veraltete klinische Daten und stelle niedrig dosierte Wegovy-Dosen neben die höchste zugelassene Zepbound-Dosis. Die formale Logik dahinter ist nachvollziehbar: Wenn unterschiedliche Dosisstufen nicht sauber gegeneinander gehalten werden, kann aus Sicht des klagenden Konzerns der Eindruck entstehen, die Wirksamkeit des einen Wirkstoffs werde über- oder die des anderen werde unterrepräsentiert. Novo Nordisk verweist dagegen auf neuere Studien, in denen hochdosiertes Wegovy eine vergleichbare Wirksamkeit gezeigt haben soll. Der Konzern fordert die dauerhafte Entfernung der betroffenen Werbespots und verlangt außerdem Schadenersatz. Eli Lilly weist die Vorwürfe zurück und kündigt an, sich gerichtlich zu wehren.
Die zweite Klage zielt auf ein anderes, in den USA stark diskutiertes Feld: sogenannte Compounded Drugs. Dabei handelt es sich um individuell zusammengesetzte Nachbildungen von Semaglutid-Präparaten, die nicht zwangsläufig identisch mit den standardisierten Fertigprodukten sind, die Patienten über reguläre Zulassungswege erhalten. Novo Nordisk argumentiert in der Sache, die Vorgehensweise werfe erhebliche Fragen zur Reinheit und zur korrekten Dosierung auf. Der Konzern verweist dabei auf Bedenken der US-Arzneimittelbehörde FDA. Auffällig ist, dass der Markt nicht lange gebraucht hat, um diese Risikoerzählung in eine konkrete Bewertung zu übersetzen: Die Aktie von Hims & Hers fiel laut Quellenlage unmittelbar nach Bekanntwerden der Klage um rund 16 Prozent. Dass es bei der juristischen Linie nicht nur um den US-Markt geht, zeigt zudem ein internationaler Vorfall: In Südafrika untersagte ein Gericht dem Anbieter iDexis auf Antrag des Konzerns die Herstellung von compoundiertem Semaglutid; anschließend ordnete die Gesundheitsbehörde SAHPRA einen Rückruf entsprechender Präparate an.
Während Novo Nordisk mit seiner Offensive Risiken adressieren will, ist die Wirkung auf den Aktienwert keineswegs eindeutig. Willow Tree Research vergab laut Quelle eine Kaufempfehlung und nannte ein Kursziel von 68 US-Dollar. Die Begründung knüpft an den Ausbau des Marktangebots an: Neben dem oralen Wegovy-Ansatz erwartet das Haus eine Erweiterung im Bereich behandelter Adipositas und verweist auf die Pipeline mit hochdosiertem Wegovy sowie weiteren Kandidaten wie CagriSema und Zenagamtide. Risiken sehen die Analysten unter anderem im Wettbewerb, in anhaltendem Preisdruck und im Zeitprofil des Semaglutid-Patents, das in den USA im Jahr 2032 ausläuft. Demgegenüber stuft eine andere Einschätzung die Aktie nur auf „Hold“; dort wird ein um 10,3 Prozent gesunkener bereinigter Umsatz im Jahresvergleich angeführt – unter anderem mit Schwäche bei Ozempic und Rybelsus sowie dem Hinweis, dass kurzfristig fehlende Kurstreiber aus der Pipeline kompensatorisch wirken müssten. Zusätzlich senkte Goldman Sachs im März ein Kursziel von 400 auf 260 dänische Kronen – ein Signal, dass der operative Druck in der Bewertung weiterhin Gewicht hat.
An der Börse zeigte sich die Aktie zuletzt dennoch relativ widerstandsfähig. Am Freitag schloss das Papier bei 42,85 Euro und stieg um 1,19 Prozent. Auf Zwölfmonatssicht steht dennoch ein Minus von 28,06 Prozent, während der Kurs inzwischen rund 41 Prozent über dem im März markierten Jahrestief liegt. Diese Diskrepanz lässt sich als beginnende Stabilisierung nach dem heftigen Ausverkauf interpretieren – auch weil positive Impulse kamen: Am 15. Juli erhielt die EU eine Zulassung für das orale Wegovy-Präparat. In der zulassungsrelevanten OASIS-Studie erzielte die 25-Milligramm-Dosis laut Quelle einen Gewichtsverlust von 17 Prozent gegenüber 3 Prozent unter Placebo. Damit verschiebt sich das Produktbild für Patienten und verschärft zugleich die Wettbewerbsdynamik, weil orale Therapieoptionen im Markt selten „nur eine Nebenlinie“ sind, sondern oft die Wahrnehmung und Verschreibungsbereitschaft mit verändern.
Dass gleichzeitig Klagen und Zulassungsfortschritte zusammenfallen, macht den Zeitraum besonders konfliktgeladen. Novo Nordisk hatte für 2026 bereits einen Umsatzrückgang zwischen 5 und 13 Prozent prognostiziert – belastet durch Preissenkungen in den USA, auslaufende Patente und wachsenden Wettbewerbsdruck, explizit auch durch Eli Lilly. Der Patentschutz für Semaglutid läuft in den USA noch bis 2032, in Europa und Japan bis 2033. Entsprechend stellt sich für Unternehmen und Investoren die Frage, ob die juristischen Schritte verlorene Marktanteile zurückgewinnen können – oder ob sie im Ergebnis eher die Kosten des Systems erhöhen, ohne das Konsumenten- und Verschreibungsverhalten kurzfristig zu drehen. Genau diese Ungewissheit erklärt, warum selbst prominente Stimmen die Lage unterschiedlich einordnen: Jim Cramer riet Novo Nordisk öffentlich, den Wettbewerb eher am Markt als vor Gericht auszutragen. Wie sich das inhaltliche Verfahren auf das operative Geschäft auswirkt, dürfte sich erst in den kommenden Monaten zeigen, wenn Werbeaussagen, Marktverfügbarkeit und die rechtliche Bewertung der „Dosisvergleiche“ konkret Wirkung entfalten.
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