LONDON (IT BOLTWISE) – Mehrere Analysten stufen SpaceX-Pläne für KI-Rechenzentren im Orbit als wirtschaftlich und physikalisch fragil ein. Der Geopolitik-Analyst Peter Zeihan argumentiert mit Strahlung, Abschirmung, Kühlung und dramatischen Startmengen. Wall-Street-Modelle und Marktprognosen bleiben zwar günstiger als Zeihans Rechnung, sehen aber weiterhin hohe Hürden bis zur ersten Betriebsaufnahme. Für Anleger bleibt damit 2028 als Zieljahr ein entscheidender Belastungstest für die gesamte These vom „vertikal integrierten KI“-Ansatz.

SpaceX hat sich bei Investoren zuletzt deutlich weiterpositioniert als reiner Raketenbetreiber: In der Börsenzulassung wurde der Fokus auf KI-Infrastruktur betont und ein schrittweiser Übergang von terrestrischen Rechenzentren hin zu orbitalen KI-Rechensatelliten skizziert. Genau an dieser Stelle setzt die aktuelle Skepsis an. Neben Zeihans scharfer Kritik stehen Modellrechnungen aus der Energie- und Branchenanalyse sowie eine Wette-basierte Wahrscheinlichkeitsbewertung auf einer Prognoseplattform. Auch wenn die konkreten Zahlen je nach Annahmen stark variieren, ist der gemeinsame Kern: Die technischen Anforderungen und die Kostenkalkulation für ein Gigawatt-orientiertes Setup im All gelten als schwerer als es die Story von „KI im Orbit“ vermuten lässt.
Zeihan, der als Geopolitik-Analyst bekannt ist, greift in einem Video auf seinem YouTube-Kanal vor allem physikalisch argumentierende Punkte auf. Er hält die Idee eines Rechenzentrums mit Gigawatt-Leistung im Orbit für „auf so vielen Ebenen“ unrealistisch und ergänzt, wer Kapital für ein solches Konzept einsammle, habe die eigenen Geldgeber im Grunde genommen zu naiv vor sich selbst gestellt. Sein Rechenweg beginnt bei der Logistik: Für den Aufbau eines solchen Systems nennt er rund 500 Starship-Starts allein für die Errichtung. Das ist keine Randannahme, sondern der Hebel, der den Rest der Rechnung massiv beeinflusst, weil jeder Start zusätzlichen Aufwand, zusätzliche Nutzlastbeschränkungen und einen langen Zeitraum bis zur Kapitalverwertung bedeutet.
Technisch verdichtet sich die Kritik danach auf zwei Belastungsfaktoren: Strahlung und Wärmeabfuhr. Zeihan argumentiert, dass Hochleistungschips im All nicht „ungeschützt“ überleben würden und deshalb eine umfassende Abschirmung nötig sei. Diese Abschirmung schlägt in seiner Schätzung mit etwa 20 Millionen Pfund Gewicht zu Buche – ein Wert, der direkt auf die Starship-Logistik und damit auf die Anzahl der Starts durchschlägt. Parallel adressiert er das Kühlproblem: Im Vakuum gibt es weder Luft noch Wasser, die Abwärme von Grafikprozessoren wie auf der Erde zuverlässig abführen könnten. Stattdessen bräuchte es nach seiner Vorstellung Kühlelemente mit einer Fläche von mehreren Dutzend Quadratkilometern; diese Kühlrippen allein beziffert er auf rund 250 Milliarden US-Dollar. Zusammengenommen wirkt die Rechnung wie eine Kette aus Skalierungsproblemen: Je höher die Leistung, desto stärker steigen sowohl Abschirmungs- als auch Kühlanforderungen – und damit auch die Transportlast.
Wall-Street-Analysten werden in der aktuellen Berichterstattung als weniger pessimistisch beschrieben, aber nicht als überzeugend: Die Energieberatung Wood Mackenzie kommt laut einer Darstellung in einem Modell auf Gesamtkosten von rund 170 Milliarden US-Dollar für ein orbitales Rechenzentrum mit Gigawatt Leistung. Im Vergleich zu Zeihans Ansatz ist das zwar „deutlich weniger“, aber immer noch etwa dreimal so teuer wie eine vergleichbare Anlage auf der Erde. Zusätzlich liefert die Marktseite ein zweites Signal über Erwartungswerte: Auf Kalshi wird dem Vorhaben, ein Rechenzentrum mit Megawatt-Leistung im Orbit bis vor Januar 2029 in den Betrieb zu bringen, nur eine geringe Erfolgswahrscheinlichkeit eingeräumt. Für dieses frühe Betriebsziel liegt die genannte Quote bei 14 Prozent; bis 2035 soll sie auf 39 Prozent steigen. Solche Zahlen sind keine technischen Gutachten, geben aber ein Stimmungsbild, wie der Markt Pfadabhängigkeiten, Entwicklungsrisiken und mögliche Verzögerungen einpreist.
Gleichzeitig muss man die Kritik auf den richtigen Zeithorizont mappen. SpaceX positioniert sich in der Börsenzulassung als vertikal integriertes KI-Unternehmen, nicht nur als Start-up für Raketenlogistik. Als erste „orbitalen KI-Rechensatelliten“ nennt das Dokument frühestens 2028, mit einer Rechenleistung von mehr als 100 Kilowatt pro Tonne; als langfristiges Ziel wird die Größenordnung von 100 Gigawatt pro Jahr gestarteter Kapazität genannt. Entscheidend ist aber: Das eigentliche laufende Geschäft spielt sich vorerst weiterhin terrestrisch ab. Im Zeitraum seit Mai 2026 zahlt Anthropic SpaceX monatlich 1,25 Milliarden US-Dollar bis Mai 2029 für Kapazitäten in den terrestrischen Colossus-Rechenzentren. Der Vertrag soll sich mit einer Frist von 90 Tagen kündigen lassen, während die Risikofaktoren im Börsenprospekt ausdrücklich einräumen, dass die orbitale Rechenleistung auf unbewiesenen Technologien beruht und wirtschaftlich möglicherweise nie tragfähig wird.
Für Unternehmen und technische Entscheider ergibt sich daraus ein zweigeteiltes Bild. Einerseits existiert mit den terrestrischen Rechenzentren bereits eine belastbare Einnahme- und Betriebssäule, die den KI-Stack in der Praxis trainiert: Hardware-Beschaffung, Deployments, Wartungszyklen, Auslastungsplanung und Sicherheitsprozesse lassen sich dort operationalisieren. Andererseits hängt die langfristige Bewertung des Orbit-Ansatzes an Annahmen, die genau jene Bereiche treffen, die Zeihan besonders hart adressiert: Abschirmung gegen Strahlung, Wärmeleitung ohne klassisches Medium und die Logistik, die für den Aufbau skalierbarer Recheneinheiten benötigt wird. In diesem Spannungsfeld wird auch verständlich, warum die „Wall-Street“-Modelle trotz geringerer Kosten skeptisch bleiben: Selbst wenn die Zahlen moderater ausfallen, bleibt ein Abstand zu einem wirtschaftlich naheliegenden Betriebsszenario auf der Erde bestehen.
An der Börse spiegelt sich das in einer eher vorsichtigen Tagesdynamik wider: Die SpaceX-Aktie gibt im vorbörslichen NASDAQ-Handel zeitweise um 0,13 Prozent auf 114,92 US-Dollar nach. Für die nächsten Monate dürfte weniger die Schlagzeile „KI im Orbit“ als vielmehr die Frage zählen, ob der Zeitplan für die ersten orbitalen Testsatelliten 2028 tragfähig ist. Bis dahin bleibt offen, ob Zeihans physikalische Einwände als zu pessimistisch entlarvt werden oder ob die deutlich vorsichtigeren Wahrscheinlichkeitsmodelle näher an der Realität liegen. Aus Sicht der Technologieplanung ist das vor allem eine Frage nach belastbaren Demonstratoren: Nicht ob „KI“ grundsätzlich funktioniert, sondern ob die Kombination aus Transportierbarkeit, Skalierung und thermischer/struktureller Beherrschbarkeit in der Raumumgebung die versprochenen Leistungswerte in ein wirtschaftlich verwertbares System überführt.
Damit rückt auch die strategische Bedeutung von Zwischenstufen in den Vordergrund. Wenn orbitaler Betrieb wirtschaftlich erst später plausibel wird, verschiebt sich der Wertschöpfungsfokus auf die Übergangsphase: Prototypen, inkrementelle Leistungssteigerungen, Validierung der Betriebsfähigkeit unter Strahlungs- und Temperaturbedingungen sowie die Integration in bestehende KI-Workloads. Genau dort, wo sich technische Risikoprämien und Markt-Erwartungen überlagern, entstehen für Investoren und Kunden die größten Unterschiede zwischen „Story“ und „Proof“. Bis zum von SpaceX selbst genannten Zieltermin für erste Testsatelliten bleibt deshalb die zentrale Beobachtung: Welche Messdaten werden geliefert, und wie schnell lässt sich daraus eine belastbare Wirtschaftlichkeit ableiten.
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