LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Auswertungen aus der Onkologie stützen die These, dass Bewegung nicht nur Begleitung, sondern ein messbarer Teil des Krankheitsverlaufs sein kann. Für Brust-, Darm- und Prostatakrebs wird laut Daten einer Auswertung von Christopher Booth die Wahrscheinlichkeit eines Fortschreitens um 37 Prozent gesenkt. Zusätzlich sinkt das Risiko, dass die Erkrankung nach einer Behandlung zurückkehrt, um 28 Prozent. Die Ergebnisse gehen noch weiter und nennen sogar bis zu 47 Prozent weniger Risiko bei regelmäßig aerober Aktivität.

Bewegung wird in der Krebsmedizin häufig als unterstützende Maßnahme eingeordnet – doch die aktuellen Daten, auf die Christopher Booth von der Queen’s University verweist, verschieben den Fokus spürbar. In den vorliegenden Analysen zeigte sich, dass regelmäßige aerobe Aktivität den Krankheitsverlauf bei Brust-, Darm- und Prostatakrebs beeinflussen kann: Das Fortschreitensrisiko sank um 37 Prozent. Noch deutlicher fällt für viele Betroffene die Perspektive aus, die eine Rückkehr der Erkrankung nach einer Behandlung betrifft – hier wird eine Reduktion um 28 Prozent genannt. Dass zusätzlich von einem Rückgang des allgemeinen Risikos für den Krankheitsverlauf bei Krebs bis zu 47 Prozent die Rede ist, unterstreicht vor allem eines: Der Effekt scheint nicht auf einen einzigen Moment der Therapie beschränkt zu sein, sondern sich über den Verlauf hinweg bemerkbar zu machen.
Die Relevanz dieser Einordnung wächst vor allem dann, wenn man die reale Versorgungslage betrachtet. In der Slowakei verzeichnet das Nationale Onkologische Institut (NOI) jährlich mehr als 35.000 neue Krebsdiagnosen. Wenn die Fallzahlen steigen, verschiebt sich der Handlungsspielraum in der Praxis: Zusätzliche Maßnahmen, die über klassische Medikation hinausgehen, können nicht nur einzelne Patientengruppen betreffen, sondern in der Breite Entlastung schaffen. Genau hier setzt das Studieninteresse an, denn Bewegung lässt sich grundsätzlich als skalierbarer Baustein in Routinen integrieren – von der Reha bis in den Alltag, solange der Gesundheitsstatus eine Anpassung zulässt.
Ein zentraler Mechanismus, der in der Forschung immer wieder auftaucht, ist das Verhältnis zwischen Aktivität und Inaktivität. Laut Untersuchungen der University of Glasgow steigt das Risiko, an Krebs zu sterben, wenn Menschen lange sitzen. In einer Studie mit 90.000 Freiwilligen beobachteten die Forschenden diesen Zusammenhang; entscheidend ist jedoch die zweite Hälfte der Botschaft: Schon kurze Bewegungspausen im Alltag können einen protektiven Effekt haben. Statt Sitzzeiten durch „alles oder nichts“-Sport zu ersetzen, wirkt bereits das kontinuierliche Aufbrechen von Inaktivität. Der Vorschlag, Sitzphasen etwa durch Gehen oder Hausarbeit zu unterbrechen, ist dabei weniger ein Lifestyle-Argument als eine praktische Intervention gegen die Effekte langandauernder Muskel- und Stoffwechseluntätigkeit.
Während Alltagsbewegung für viele gut zugänglich ist, richtet sich der nächste Forschungsschwerpunkt auf die Frage, wie sich körperliche Aktivität in einer laufenden Therapie konkret auswirkt. Besonders relevant ist das für Patientinnen und Patienten unter Chemotherapie, weil hier die Erhaltung von Muskelmasse und Funktion häufig mit Nebenwirkungen, Ermüdung und Gewichtsveränderungen kollidiert. Eine Studie am Chung-Ang University Hospital untersuchte dafür im Zeitraum 2021 bis 2023 ein zwölfwöchiges kombiniertes Programm mit 60 Patientinnen und Patienten im Alter von mindestens 65 Jahren und mit fortgeschrittener Erkrankung. Das Konzept bestand aus gezieltem Training plus Proteinergänzung von 1,2 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Laut den Ergebnissen konnte die Muskelmasse trotz Chemotherapie erhalten werden; die Einhaltungsquote lag bei 65 Prozent beim Training und 75 Prozent bei der Ernährungsvorgabe. Gleichzeitig verbesserten sich Kennwerte der Lebensqualität messbar: Ermüdung sank von 52,2 auf 15,9, und die Schmerzbelastung ging von 59,2 auf 7,1 zurück. Dass während des Programms keine Komplikationen auftraten, macht die Kombination aus Training und Ernährung besonders für die Implementierung in Klinikalltag und Betreuung anschlussfähig.
Auch fernab von „Fitnesskursen“ lassen sich Effekte konkret auf Nebenwirkungen abbilden. In dem im Journal of the National Comprehensive Cancer Network beschriebenen sechs Wochen dauernden Heimprogramm namens EXCAP wird Gehen mit Widerstandstraining kombiniert, um die körperliche Aktivität stabil zu halten. Auffällig ist dabei der Vergleich: Während die Kontrollgruppe ihre tägliche Schrittzahl um 53 Prozent reduzierte, sollte die Intervention den Abfall der Alltagsbewegung abfedern. Die Studie ordnet gezielte Bewegung als Einflussfaktor ein, der Entzündungsprozesse im Körper senken und damit spezifische Beschwerden lindern kann – genannt werden tumorassoziierte Fatigue und auch das sogenannte „Chemo-Brain“, also eine kognitive Beeinträchtigung nach der Behandlung. Für Entscheidungsträger in Kliniken und Reha-Einrichtungen ist diese Logik wichtig, weil sie eine Brücke vom Trainingsreiz zu patientenzentrierten Zielgrößen schlägt: weniger Einschränkung im Alltag, stabilere Funktionsfähigkeit und bessere Behandlungstoleranz.
Schließlich rückt die Forschung die Ausgangslage stärker in den Vordergrund: Körperliche Fitness vor und während der Therapie wirkt offenbar als Verstärker für Verträglichkeit und Outcome. Eine prospektive Kohortenstudie unterstreicht den Zusammenhang zwischen körperlicher Verfassung und Therapieresultaten, insbesondere bei Brustkrebspatientinnen. Höhere Fitness und mehr Muskelmasse verbessern demnach die Verträglichkeit der Chemotherapie; ein höherer Muskelanteil wird außerdem mit einer möglichen Dosisintensität der Medikamente und mit einer pathologischen Komplettremission in Verbindung gebracht. Das deutet auf einen praktischen Zusammenhang hin: Wer physiologisch „besser gepuffert“ in die Therapie geht, kann notwendige Behandlungen häufiger besser verkraften – und damit steigen für manche Patientinnen und Patienten potenziell die Chancen auf Heilung. Für die Umsetzung bedeutet das, dass Bewegung nicht erst am Ende der Therapie betrachtet werden sollte, sondern als Bestandteil eines längerfristigen Konzepts, das Inaktivität reduziert, Muskelverlust entgegenwirkt und Nebenwirkungen aktiv abfedert.
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