KINGSTON / LONDON (IT BOLTWISE) – In Jamaika startet die Vollversammlung der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) mit dem Ziel, ein Regelwerk für den Tiefseebergbau zu verhandeln. 172 Mitgliedstaaten diskutieren zwischen Montag und Freitag, wie Anträge auf kommerzielle Bergbauprojekte künftig genehmigt und überwacht werden. Parallel fordern Umweltorganisationen ein Moratorium, bis die ökologischen Folgen nachweislich begrenzt sind. Entscheidend wird damit, ob aus „Mining-Codes“ ein belastbarer, international akzeptierter Regulierungsrahmen entsteht.

In Kingston beginnt die Vollversammlung der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) zu einem Zeitpunkt, an dem der Druck auf den Einstieg in den Tiefseebergbau spürbar steigt. Im Zentrum stehen Verhandlungen über ein mögliches Regelwerk, das den Rohstoffabbau am Meeresgrund regeln soll. 172 Mitgliedstaaten verhandeln dafür von Montag bis Freitag, während die ISA zugleich gegen Initiativen argumentiert, die Abbauvorhaben ohne Mitgliedschaftsstatus einseitig genehmigen lassen – ein Vorgehen, das vor allem im Kontext der USA als politisch umstritten gilt.
Der juristische Rahmen für diese Debatte reicht bis in die Zeit des UN-Seerechtsübereinkommens (UNCLOS) zurück, das 1994 in Kraft trat. Die ISA wurde geschaffen, um den Meeresboden auf Hoher See zu verwalten, der außerhalb nationaler Hoheitsrechte als „gemeinsames Erbe der Menschheit“ gilt. In diesem Spannungsfeld versucht die Behörde, den Übergang von Pilot- und Erkundungsaktivitäten zu kommerziellen Projekten kontrollierbar zu machen. ISA-Generalsekretärin Leticia Carvalho stellte dabei heraus, dass es nun einen klaren, wirksamen und international vereinbarten Regulierungsrahmen braucht.
Technisch betrachtet geht es beim Tiefseebergbau derzeit vor allem um Manganknollen, die sich über Millionen von Jahren bilden. Diese Knollen enthalten unter anderem Mangan, Kobalt, Kupfer und Nickel – Rohstoffe, die in Lieferketten für moderne Anwendungen wie Batterien eine Rolle spielen können. Genau hier liegt jedoch auch ein Teil des Risikos: Die bislang vergleichsweise wenig erforschten Ökosysteme der Tiefsee reagieren auf Eingriffe häufig anders als bekannte Lebensräume. Studien, auf die sich die Debatte stützt, deuten auf große Gefahren hin, die bereits durch die Abbauphase selbst sowie durch Folgeeffekte wie Sedimentverdriftung und Störzonen entstehen könnten.
Während die ISA auf die schnelle Verabschiedung eines „Mining-Codes“ setzt, fordern viele Staaten und mehrere Umweltorganisationen stattdessen ein Moratorium. Die Begründung: Solange nicht eindeutig nachgewiesen ist, dass der Abbau die Meeresumwelt nicht beeinträchtigt, wäre eine Freigabe verfrüht. In dem Streit geht es damit weniger um die generelle Frage, ob Rohstoffe künftig gewonnen werden dürfen, sondern um die Frage, welche Evidenzstandards, Prüfprozesse und Schutzmechanismen für eine Genehmigung gelten müssen – und ob diese Standards in einem Regelwerk schon ausreichend verankert sind.
Gegen die Idee einer schnellen Regelverabschiedung wird auch argumentiert, ein zügiger Abschluss sei kein neutraler Verwaltungsschritt. In einem Bericht von Greenpeace und dem US Center for Biological Diversity („Outside The Rules“, also „Außerhalb der Regeln“) heißt es, die beschleunigte Verabschiedung eines ISA-Regelwerks sei ein einschneidender, unumkehrbarer Auslöser, der den Weg für die Entgegennahme und Genehmigung kommerzieller Bergbauanträge ebnet. Für die Gegenseite ist dieser Punkt zentral: Selbst wenn später nachgesteuert wird, könnten irreversible Umweltfolgen bereits eingetreten sein.
Für Unternehmen und Behörden bedeutet das: Die Verhandlungen entscheiden indirekt auch über Planungssicherheit, Investitionslogik und Haftungsfragen. Ein klarer Regulierungsrahmen kann zwar Genehmigungsprozesse und Umweltauflagen strukturieren, gleichzeitig aber neue Anforderungen in Form von Monitoring, Umweltverträglichkeitsprüfungen und Durchsetzungsmechanismen nach sich ziehen. Umgekehrt verschiebt ein Moratorium das Risiko auf einen anderen Zeithorizont: Technologie- und Erkundungsvorhaben werden zwar weiterlaufen können, die eigentliche Skalierung in Richtung kommerzieller Produktion bleibt jedoch politisch und rechtlich blockiert, bis die Datengrundlage als ausreichend gilt.
So wird die Vollversammlung in Kingston zum Prüfstein, an der sich zeigt, wie stark der Gedanke des „gemeinsamen Erbes“ in der Praxis durchsetzbar ist. Entsteht ein Regelwerk, das von Staaten und zivilgesellschaftlichen Akteuren als überprüfbar und wirksam anerkannt wird, könnte das die Grundlage für eine internationale Genehmigungskultur schaffen, statt Abbauentscheidungen in Einzelfällen politisch zu fragmentieren. Bleibt diese Akzeptanz aus, verschärft sich der Konflikt zwischen dem Wunsch nach Rohstoffsicherung und der Sorge, die Tiefsee könnte zum Experimentierfeld ohne hinreichende Sicherheiten werden.
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