BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die schwache Konjunktur wirkt sich offenbar direkt auf die Berufsausbildung aus: Immer mehr Betriebe planen weniger Ausbildungsplätze, während gleichzeitig die Besetzung von Lehrstellen immer schwerer wird. Laut einer DIHK-Umfrage mit rund 14.000 Unternehmen wollen 29 Prozent weniger Plätze als im Vorjahr anbieten. Besonders Betriebe mit negativen Geschäftserwartungen verkleinern ihr Angebot deutlich. Zugleich warnen Gewerkschaften vor Kürzungen, weil der künftige Fachkräftenachschub sonst noch stärker aus dem Takt gerät.

Die jüngste Ausbildungsumfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) zeichnet ein widersprüchliches Bild: Einerseits bleibt Ausbildung in vielen Unternehmen ein strategisches Thema, andererseits sinkt in der Praxis die Bereitschaft, mehr Plätze zu schaffen. In der DIHK-Erhebung mit rund 14.000 beteiligten Unternehmen kündigten 13 Prozent an, sie wollten 2026 mehr Ausbildungsplätze als im Vorjahr anbieten; gleichzeitig wollen 29 Prozent weniger anbieten. Der größte Block plant Kontinuität: 58 Prozent melden gleichbleibende Ausbildungszahlen im Vergleich zum Vorjahr. Was daraus folgt, lässt sich als Indikator für die Belastung durch die schwache Konjunktur lesen, denn „mehr ausbilden“ setzt Spielräume voraus, die gerade nicht überall vorhanden sind.
Besonders auffällig ist die Lage bei Unternehmen, die ihre Geschäftserwartungen negativ einschätzen. Hier verkleinert „vier von zehn“ das Ausbildungsangebot, also deutlich mehr als im Durchschnitt. Diese Korrelation ist insofern relevant, als Ausbildung nicht nur ein HR-Thema ist, sondern auch eine betriebliche Planungs- und Kostenentscheidung. Wenn die Nachfrage nach Produkten oder Dienstleistungen sinkt, verschiebt sich das Risiko für zusätzliche Ausbildungsstellen automatisch Richtung Arbeitgeber. Gleichzeitig bleibt der Engpass auf der anderen Seite bestehen: Etwa die Hälfte der befragten Betriebe (49 Prozent) konnte nicht alle vorhandenen Ausbildungsplätze besetzen. Dass dieser Wert seit 2023 nahezu unverändert ist, interpretiert die DIHK als Besetzungsprobleme auf einem weiterhin sehr hohen Niveau – selbst dann, wenn das Angebot der Betriebe regional und in einzelnen Berufen durchaus variiert.
Die DIHK führt die Gründe für die Besetzungsprobleme vor allem auf Defizite bei Grundkompetenzen zurück. Am häufigsten nennen Betriebe Schwächen beim Arbeits- und Sozialverhalten: Jeder zweite Ausbildungsbetrieb berichtet hier von weit verbreiteten Problemen, etwa mit Blick auf Belastbarkeit. Fast ebenso häufig werden unzureichende kognitive Kompetenzen als Hürde genannt. Daneben zeigen sich signifikante Lücken in schulisch geprägten Basiskompetenzen: Rund vier von zehn Unternehmen sehen Defizite in Mathematik, Deutsch sowie in wirtschaftlichem Grundwissen. Das ist mehr als ein „Skill-Mismatch“ im engeren Sinne; es beschreibt ein Qualitäts- und Erwartungsproblem an der Schnittstelle zwischen Schule, Bewerbenden und betrieblicher Ausbildung. Für Unternehmen entsteht dadurch ein doppelter Druck: Sie sollen Ausbildungsqualität liefern, können aber nicht immer auf Bewerberprofile treffen, die in den relevanten Bereichen die Mindestanforderungen erfüllen.
Während Unternehmen vielerorts also mit fehlenden oder unpassenden Bewerbungen kämpfen, rückt zugleich die politische Debatte in den Fokus. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) warnt angesichts der DIHK-Zahlen ausdrücklich davor, jetzt bei der Berufsausbildung zu sparen. In der Argumentation geht es um die Vermeidung eines künftigen Fachkräfterechts: Elke Hannack, stellvertretende Vorsitzende des DGB, sieht andernfalls einen „vorprogrammierten“ Fachkräfterangel. Schon heute gebe es über 2,7 Millionen junge Menschen im Alter zwischen 20 und 34 Jahren ohne abgeschlossene Berufsausbildung, so Hannack. Aus Sicht der Gewerkschaften dürfen Betriebe ihre Bestenauslese nicht weiter verschärfen, sondern müssten Jugendlichen eine echte Chance geben – unabhängig von Schulnoten oder Herkunft.
Der Konflikt zwischen betrieblicher Realität und sozialpolitischem Anspruch wird in der Forderung nach einer Ausweitung der Ausbildungsgarantie konkret. Hannack argumentiert, die 2024 eingeführte Ausbildungsgarantie solle ausgeweitet und durch eine Umlagefinanzierung ergänzt werden. Verweist wird dabei auf Strukturen, die bereits im Land Bremen eingeführt wurden und im Land Berlin kürzlich beschlossen worden sind. Solche Finanzierungsmodelle zielen typischerweise darauf, das Risiko für Ausbildungsplätze stärker auf eine breitere Basis zu verteilen, statt es allein in den Kassen der Betriebe tragen zu lassen. Für Arbeitgeber wäre das ein Signal, dass Ausbildung in wirtschaftlich schwächeren Phasen weniger als „variable Kostenposition“ behandelt werden muss. Für Bewerbende könnte es gleichzeitig bedeuten, dass mehr Kapazitäten entstehen, um auch jene Ausbildungsinteressierten systematisch aufzunehmen, die zunächst noch Förderbedarf haben.
Technisch betrachtet – auch wenn es hier um Bildungspolitik geht – hängt Ausbildungserfolg jedoch nicht nur an der Zahl der Plätze, sondern an der Ausgestaltung der Übergänge. Wenn ein Unternehmen Arbeits- und Sozialverhalten oder Grundkenntnisse als häufige Hindernisse nennt, müssen Betreuungs- und Qualifizierungsanteile in der Ausbildungspraxis entsprechend mitgedacht werden. In der betrieblichen Umsetzung bedeutet das zum Beispiel, dass Auswahlprozesse stärker mit Trainingsphasen gekoppelt werden, statt Bewerber in einem frühen Schritt „durchzunotieren“. Gleichzeitig braucht es klare Beschreibungen von Kompetenzen, damit Betriebe nicht nur auf „Noten“ schauen, sondern auf tatsächlich förderbare Voraussetzungen. Diese Perspektive hilft auch, die Besetzungsquote von 49 Prozent nicht nur als Personalengpass zu interpretieren, sondern als Hinweis auf fehlende Passung zwischen Erwartungshorizonten und Eingangskompetenzen.
Der Markt- und Unternehmenskontext macht die Lage zusätzlich anspruchsvoll. Ausbildung ist in vielen Branchen Teil der Pipeline für Fachkräfte und beeinflusst mittel- bis langfristig die Produktivität, weil Know-how nicht einfach „zugekauft“ werden kann, ohne Zeit für Einarbeitung und Prozessanpassung einzuplanen. Wenn Betriebe gleichzeitig negative Geschäftserwartungen melden und dennoch nicht alle Plätze besetzen können, wird die Planung zum Jonglieren: Weniger Plätze reduzieren zwar kurzfristig das Risiko, verschieben aber potenziell den Fachkräftebedarf in die Zukunft. Genau hier liegt der Kern der Debatte zwischen DIHK-Ergebnissen und gewerkschaftlicher Warnung. Die kurzfristige Logik der Kostenkonsolidierung steht der langfristigen Logik von Qualifizierung und Nachwuchs gegenüber. Wie dieses Spannungsfeld aufgelöst wird, dürfte maßgeblich davon abhängen, ob zusätzliche Finanzierungs- und Unterstützungsmechanismen tatsächlich zu mehr Ausbildungsfähigkeit auf beiden Seiten führen – bei Betrieben ebenso wie bei Bewerbenden.
Am Ende bleibt aus den DIHK-Zahlen vor allem eine nüchterne Botschaft: Ausbildung ist nicht automatisch „stabil“, nur weil sie gesellschaftlich und wirtschaftlich als wichtig gilt. Die Struktur der Rückmeldungen zeigt, dass wirtschaftliche Schwäche direkt in die Entscheidungen der Unternehmen hineinwirkt, während die Besetzungsprobleme auf Rekordniveau verharren. Für die nächsten Monate dürfte entscheidend sein, ob Förder- und Finanzierungsinstrumente so greifen, dass weniger qualifizierende Selektion entsteht und mehr passgenaue Vorbereitung möglich wird. Damit wird die Frage nach Ausbildungsplätzen zugleich zur Frage nach Ausbildungsqualität und nach der Fähigkeit des Systems, Übergänge so zu gestalten, dass aus einer offenen Lehrstelle auch eine erfolgreiche Ausbildung wird.
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