STARNBERG / LONDON (IT BOLTWISE) – Erstmals taucht ChatGPT in einer Rangliste der häufigsten imitierten Marken auf, was die schnelle Verschiebung im Phishing-Taktikfeld zeigt. Eine neue Welle zielt dabei nicht nur auf bekannte Tech-Namen wie Microsoft, sondern zunehmend auf KI-Nutzer und deren Workflows. Parallel steigen in Deutschland die SMS-Phishing-Angriffe deutlich an, während Sicherheitsbehörden und Gerichte einzelne Fälle bis in die Haftungsfrage hineinreichen. Für Unternehmen wird damit klar: Schutzstrategien müssen Passkeys, Netzwerk-Hygiene und klare Verantwortlichkeiten zusammenbringen.

Phishing wirkt längst nicht mehr wie ein einheitlicher Betrugskanal. Eine Auswertung von Check Point für das zweite Quartal zeigt vielmehr, dass Angreifer ihre Branding-Strategien laufend nachschärfen: ChatGPT ist erstmals in die Top-10-Liste der am häufigsten imitierten Marken aufgestiegen. Microsoft bleibt mit über 22 Prozent der Angriffe der Spitzenreiter; ChatGPT kommt dagegen auf 1,1 Prozent. Der Anteil klingt im Vergleich gering, ist aber als Signal relevant: Wer heute mit KI-Services arbeitet, wird zunehmend Bestandteil des Social-Engineering-Kalenders. Damit verschiebt sich das Risiko weg von reinem Passwortdiebstahl hin zu kompromittierten Zugängen, Zahlungswegen und Identitäten rund um KI-gestützte Produktivität.
Besonders auffällig sind dabei Kampagnen, die Vertrauen in abonnierte Software ausnutzen. Die Betrüger setzen vor allem auf gefälschte Benachrichtigungen über angebliche Zahlungsfehler bei Premium-Abonnements. In solchen E-Mails werden Nutzer aufgefordert, Kreditkartendaten auf manipulierten Webseiten zu aktualisieren; die Zielseite tarnt sich dabei als legitime Update-Seite und umgeht oft durch Design und Timing die erste Skepsis. Als Hauptziele bleiben neben Microsoft und ChatGPT auch LinkedIn, Google und Apple präsent. Für Security-Teams bedeutet das: Gängige Erkennungslogiken, die sich nur auf „unbekannte Absender“ oder reine Domain-Anomalien stützen, greifen an dieser Stelle zu kurz, wenn Markenauftritt, Formulierungen und Landing-Page-Layout gleichzeitig „professionell“ wirken.
Die Angriffsoberfläche wächst daneben um Fake-Shops und mobil getriebene Varianten. Für Europa berichten Sicherheitsforscher von über 55 Fake-Shop-Kampagnen; als Beispiel wird ein „Samsung Galaxy S26 Ultra“ für 249 Euro beworben, also deutlich unter einem marktüblichen Preisniveau, um schnelle Kaufentscheidungen zu provozieren. Technisch arbeiten die Täter laut Darstellung mit Unicode-Domains, wodurch legitime Markennamen optisch nachgebaut werden, während der eigentliche Domaininhalt abweicht. Häufig war die Zahlung nur per Vorkasse oder SEPA-Überweisung möglich – mit dem typischen Ergebnis, dass keine Lieferung erfolgt. In Deutschland kommt zudem ein Smishing-Boom hinzu: In der ersten Jahreshälfte steigen die Fälle von SMS-Phishing um 146 Prozent. Das ist nicht nur statistische Bewegung, sondern auch eine Konsequenz aus der Tatsache, dass Telefonnummern und Gerätekanäle für Angreifer oft weniger stark „geprüft“ werden als E-Mail- oder Browser-Sitzungen.
Als Gegenmaßnahme wird der Passkey-Ansatz sichtbarer. GMX und Web.de haben die Einführung von Passkeys angekündigt – ein Schritt, der vor allem die Angriffsfläche für klassische Phishing-Ketten verkleinern kann, weil der eigentliche Authentikator nicht mehr als wiederverwendbares Geheimnis imitiert werden muss. Auch das Bundeskriminalamt meldet Fortschritte: Die Phishing-Plattform „Kratos“ mit über 200 Servern wurde ausgehoben. Solche Einsätze sind für die Gesamtstrategie entscheidend, weil sie Infrastruktur kappen, die für viele Kampagnen wiederverwendet wird. Gleichzeitig zeigen die steigenden Account-Hacks, dass Passwörter allein als Schutz nicht mehr ausreichen, insbesondere wenn Angreifer Multi-Faktor-Mechanismen über Umleitungen, Session-Diebstahl oder Social-Engineering umgehen.
Ein besonders unternehmensrelevanter Teil der Entwicklung betrifft Geschäftsreisende und Hotel-Netzwerke. Seit Juni manipulieran Hacker Hotel-WLAN-Gateways; durch DNS-Poisoning werden Nutzer auf gefälschte Anmeldeseiten umgeleitet. Ziel ist hier der Diebstahl von Microsoft-365-Zugangsdaten. Dass die Kampagne unter anderem in den USA und Indien beobachtet wurde und die Multi-Faktor-Authentifizierung umgeht, verschiebt die Prioritäten: Netzwerktrust darf auf Reisen nicht als gegeben angenommen werden, und es braucht technische sowie organisatorische Leitplanken, etwa für sichere DNS-Setups, die Einschränkung riskanter Browser-Umgebungen und klar definierte Login-Prozesse. Der Fokus liegt dabei weniger auf „immer aufmerksam sein“, sondern auf „so wenig wie möglich erpressbar“.
Rechtlich wird das Thema Fake-Shops zusätzlich härter konturiert. Ein Urteil des Amtsgerichts Starnberg sieht Schadensersatz in Höhe von knapp 490 Euro plus Anwaltskosten vor, nachdem ein Verbraucher über eine Google-Shopping-Anzeige einen Fahrradträger bestellt hatte, der sich als Fake herausstellte. Das Gericht verwies dabei auf eine verletzte Sorgfaltspflicht: Der betreffende Shop war bereits zuvor als Fake gemeldet worden. Besonders bemerkenswert ist die Einordnung als erstes deutsches Urteil dieser Art zur Haftung von Suchmaschinenbetreibern unter Verweis auf den Digital Services Act. Für Unternehmen heißt das: Auch der Werbe- und Empfehlungsapparat ist Teil der Sicherheitskette, nicht nur „Content“, der irgendwie moderiert wird.
Damit wächst der Druck auf mehr als einzelne technische Maßnahmen. Laut Darstellung werden Angriffe komplexer und setzen zunehmend selbst KI ein, um Schwachstellen zu finden, Inhalte anzupassen oder Abläufe zu automatisieren. Als Reaktion starten Nvidia, Microsoft, IBM und Palantir die „Open Secure AI Alliance“, die Standards für die Cyberabwehr entwickeln soll. Hintergrund sind Vorfälle, bei denen KI-Modelle Sicherheitslücken auf Plattformen wie Hugging Face autonom ausnutzten; die Plattform fordert von Entwicklern nun Entschädigungen in Form von Rechenleistung zur Stärkung der eigenen Abwehrsysteme. Unabhängig von der konkreten Ausgestaltung macht das eine Entwicklung deutlich: KI wird nicht nur Ziel, sondern auch Werkzeug im Angriffs- und Verteidigungswettlauf. Für Entscheider ist die praktische Konsequenz, dass Sicherheitsarchitekturen stärker entlang der Datenflüsse, der Identitätskette und der Plattform-Ökosysteme gedacht werden müssen – und nicht nur als Passwortproblem.
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