LONDON (IT BOLTWISE) – Sicherheitsforscher haben eine breite Fehlkonfiguration bei BMC-Managementschnittstellen dokumentiert: Viele Systeme sind über das Internet erreichbar und geben schon vor dem Login passwortabgeleitete Authentifizierungsdaten aus. Betroffen sind IPMI-Implementierungen im Umfeld von IPMI v2.0, deren Spezifikation eine ungewollte Informationsoffenbarung ermöglicht. Dadurch wird Offline-Credential-Cracking deutlich praktikabler, weil Angreifer den benötigten HMAC aus einer einzigen Antwort ableiten können. Für Rechenzentren bedeutet das, dass die vermeintlich „unterhalb“ des Betriebssystems liegende Management-Schicht zum realen Angriffspfad wird.

In modernen Rechenzentren wirkt die Betriebssystemebene oft wie der zentrale Sicherheitsanker: Patches, gehärtete Images und rollenbasierte Zugriffsmodelle sollen Angriffsflächen reduzieren. Die aktuelle Sicherheitslage zeigt jedoch eine zweite, häufig unterschätzte Ebene. Laut einer neuen Auswertung von Lava wurden weltweit 36.872 internetexponierte Server-Management-Schnittstellen gefunden, die IPMI (Intelligent Platform Management Interface) über das Internet zugänglich machen; davon offenbaren 24.650 BMC-Interfaces (Baseboard Management Controller) bereits vor dem Login passwortabgeleitete Authentifizierungsdaten. Der Kern ist kein „neues“ Angriffsverfahren, sondern ein strukturelles Problem in IPMI v2.0: Eine Spezifikationsschwäche erlaubt es, den HMAC aus einer Antwort zu gewinnen und anschließend Passwortkandidaten offline zu prüfen.
Technisch lässt sich der Vorgang relativ klar einordnen, weil die Schwachstelle eng mit dem Authentifizierungsablauf von IPMI v2.0 verknüpft ist. Referenziert wird CVE-2013-4786 mit einem CVSS-Score von 7,5. In Tests und Analysen wird beschrieben, dass ein Angreifer – sofern er die UDP-Schnittstelle (UDP Port 623) erreicht – eine Antwort erhält, die einen HMAC-SHA1 enthält. Der HMAC wird aus dem Kontopasswort und Sitzungswerten berechnet, die der anfragenden Partei bekannt bzw. ableitbar sind. Entscheidend ist der Offline-Charakter: Im Gegensatz zu klassischen Online-Loginversuchen muss der Angreifer nicht für jedes mögliche Passwort erneut eine Anfrage an das BMC stellen. Damit sinken Zeitaufwand und Nachweisrisiko, während das Angriffsbudget für großflächige Wortlisten-Attacken steigt.
Die Größenordnung macht die Tragweite für Unternehmen greifbar. Laut der Auswertung vom 6. Mai 2026 ergab eine Suche nach IPMI-Services, die auf UDP 623 exponiert sind, 36.872 eindeutige Hosts; mehr als 14.000 davon befanden sich in den USA, der Rest konzentrierte sich unter anderem auf Deutschland, China, die Niederlande und das Vereinigte Königreich. Noch konkreter wird es bei der Frage nach den tatsächlich verwertbaren Ergebnissen: Fast 25.000 der exponierten passwortabgeleiteten Authentifizierungsmaterialien ließen sich so ausnutzen, dass ein Offline-Credential-Cracking möglich war. Zusätzlich wurden Fälle gemeldet, in denen ein leeres Benutzerkonto zu einem schwachen Passwortkandidaten „passte“ (6.240 BMCs) sowie Fälle, in denen bekannte Standardkonten wie ADMIN oder root zu einem aus öffentlichen Wortlisten bekannten Passwortkandidaten korrelierten (2.340 BMCs). Gerade diese zweite Kategorie senkt die Hürde deutlich: Ein Angreifer muss nicht „rätseln“, sondern kann mit hoher Wahrscheinlichkeit passende Kandidaten testen.
Für die Praxis ist außerdem relevant, welche Art von Passwörtern typischerweise hinterlegt ist. Lava nennt, dass mehr als 30% der zurückgegebenen Hashes zu Passwörtern gehörten, die sich mit gängigen Wordlists und vorhersehbaren Formaten aus Werkseinstellungen (etwa durch Serien-/Sticker-Logiken) rekonstruieren lassen. In dem Zusammenhang werden auch aktuelle Systeme erwähnt: Die Exposition betraf nicht nur „ältere“ Hardware, sondern auch moderne Umgebungen, die beispielsweise von GPU-Anbietern betrieben werden, einschließlich Systemen, die noch mit werkseitigen Standardpasswörtern liefen. Ergänzend werden Testresultate angeführt: HPE iLO Factory-Passwords sollen sich innerhalb von einer Minute mit moderner GPU-Hardware zurückgewinnen lassen, während Supermicro Factory-Passwords laut den durchgeführten Tests etwa eine Stunde benötigten – trotz individueller Vergabe pro Gerät. Das weist darauf hin, dass „einzigartig“ nicht automatisch „angriffssicher“ bedeutet, wenn das Passwortmuster weiterhin vorhersagbar bleibt oder Muster aus dem öffentlichen Datenraum nachbaut.
Die eigentliche Sicherheitsgefahr entsteht allerdings weniger aus dem „Hash selbst“, sondern aus der Rolle des BMC im System. BMCs sind dedizierte Management-Prozessoren direkt auf dem Server-Board. Sie steuern Stromversorgung, Firmware-Aktualisierungen, Remote-Konsole, Betriebssystem-Installation und Recovery-Funktionen. Im Rechenzentrumsbetrieb fungieren sie damit als zentrale Komponente für Out-of-Band-Management (OOB): Sie laufen unabhängig vom Host-Betriebssystem. Wer einen exponierten BMC erfolgreich kompromittiert, kann so klassische Schutzmaßnahmen umgehen, die sich auf OS- oder Hypervisor-Ebene konzentrieren. Damit wird auch klar, warum das Thema für AI- und Bare-Metal-Infrastrukturen besonders kritisch ist: In Umgebungen, in denen oft mehrere Mandanten auf derselben physischen Basis agieren, kann ein kompromittierter Management-Pfad zu seitlicher Bewegung und zu Lasten anderer Organisationen führen. Was wie ein „Reboot-Problem“ aussieht, wird in Wahrheit ein Persistenzproblem.
Der Vorfall fügt sich zudem in ein länger bekanntes Muster: Sicherheitsanbieter hatten bereits in den Jahren 2022 und 2023 hervorgehoben, dass BMCs durch ihre privilegierte Stellung häufig als besonders lohnende Angriffsziele gelten. Gleichzeitig wird beschrieben, dass es belegbare Hinweise auf aktive Angriffe gegen internetexponierte BMC-Schnittstellen gibt. Genannt wird etwa, dass in einem Fall Ransomware-Betreiber eine Erpressungsnotiz auf einer HPE iLO-Loginseite hinterlassen haben. Darüber hinaus wird berichtet, dass HPE iLO-Systeme bereits seit 2020 Ziel bestimmter Schadsoftware-Ansätze waren, die auf einer tiefen Persistenz („rootkit“-Charakter) basieren. Wer daraus ableitet, dass der Schutz „nur“ gegen Credential-Theft relevant ist, unterschätzt den zweiten Schritt: Mit Zugriff auf das Management-Layer können Angreifer unterhalb der Sicht vieler Security-Tools agieren.
Konkrete Gegenmaßnahmen sind in der Auswertung klar formuliert und lassen sich als Prioritätenliste in bestehende Hardening-Standards einbetten. Empfohlen wird, UDP Port 623 am Netzwerk-Edge zu blockieren, also bereits vor Erreichen des BMC zu verhindern, dass IPMI-Interfaces überhaupt von außerhalb antworten. Ergänzend soll das Rotieren werkseitiger Passwörter während der Provisioning-Phase sichergestellt werden, statt auf Default-Werte zu setzen. Ebenso wird empfohlen, Legacy- oder schwache Optionen wie IPMI 1.5 zu deaktivieren und den Zugriff auf BMCs auf ein dediziertes, privates Management-Netzwerk zu beschränken. Darüber hinaus wird betont, Netzwerkzugriffskontrollen so zu konfigurieren, dass nur genehmigte Administrationssysteme die BMC-Endpunkte erreichen. Diese Maßnahmen sind nicht „nice to have“: Wer ohnehin Cloud-Workloads gehärtet und Betriebssysteme abgesichert hat, aber die OOB-Schicht offen lässt, schafft eine Angriffsfläche, die mit dem Betriebssystem-Reset nicht verschwindet.
Über den Einzelfall hinaus liefert die Meldung einen wichtigen Hinweis für Betreiber von Rechenzentren: Security-Prozesse sollten nicht erst mit dem Host beginnen, sondern bereits dort, wo Automatisierung und Firmware-Lieferketten ansetzen. Lava ordnet das Risiko so ein, dass GPU-Cracking die praktische Ausnutzbarkeit von Offline-Passwortwiederherstellung beschleunigt, während gleichzeitig AI-Umgebungen jeden exponierten Server „wertvoller“ machen, weil mehr Workloads daran hängen und die Infrastrukturkomplexität erhöht ist. Supermicro hat angekündigt, Verbesserungen an der Default-Passwortstrategie für zukünftige Hardware-Revisionen zu prüfen. Für andere Hersteller und für Betreiber bedeutet das: Die Spezifikationsschwäche in CVE-2013-4786 lässt sich nicht durch „schlankes Patching“ wegdiskutieren; entscheidend ist die Kombination aus Netzsegmentierung, Zugriffsbeschränkung, Passwort-Policy und dem konsequenten Entfernen internetexponierter Managementpfade.
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