LONDON (IT BOLTWISE) – Der MCP-Startup Runlayer verklagt den HR-Softwareanbieter Rippling wegen angeblicher Übernahme einer Produktidee. Laut Klage habe Runlayer in einem mehrmonatigen Test detaillierte Unterlagen bis hin zum Quellcode offengelegt. Danach soll Rippling intern an einem „Clone“ des eigenen MCP-Gateways gearbeitet haben, wobei es um mutmaßliche Verstöße gegen Geheimhaltungs- und Testvereinbarungen geht. Rippling weist die Vorwürfe zurück und kündigt stattdessen ein eigenes MCP-Gateway an, das auf firmeneigenen Informationen basieren soll.

Runlayer vs. Rippling: Streit um MCP-Gateway-Idee und Geschäftsgeheimnisse
Runlayer vs. Rippling: Streit um MCP-Gateway-Idee und Geschäftsgeheimnisse (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Rechtsstreit zwischen Runlayer und Rippling wirkt auf den ersten Blick wie ein typischer Konflikt in der Unternehmenssoftware: Zwei Firmen treffen sich in einem Test, am Ende kommt es nicht zum Deal, und plötzlich geht es um Nutzung von Ideen und vertraulichen Informationen. Der technologische Kern liegt jedoch deutlich enger an der KI-Infrastruktur als bei klassischer CRM- oder HR-Software. Runlayer bietet als Startup einen „Model Context Protocol“-Gateway an, der KI-Modellen und Agenten kontrolliert den Zugriff auf externe Datenquellen und Tools ermöglichen soll. Genau diese Art von Baustein ist gerade dabei, sich vom frühen Experimentierfeld hin zu einem Standard zu entwickeln – und damit auch zu einem Bereich, in dem Enterprise-Kunden zunehmend nicht nur kaufen, sondern selbst entwickeln.

In der Klageschrift beschreibt Runlayer, wie Rippling während einer Produktprüfung als potenzieller Kunde auftrat. Entscheidendes Detail: Laut Runlayer habe es im Verlauf dieser Evaluation so weitreichende Materialien geteilt, wie die Produkt-Roadmap und sogar der tatsächliche Quellcode. Damit trifft der Streit eine Praxis, die in IT-Buying-Zyklen für komplexe Systeme häufig vorkommt: Unternehmen lassen sich nicht nur eine Demo zeigen, sondern wollen durch einen hands-on Trial herausfinden, wie sich ein Tool in ihre Sicherheits- und Integrationslandschaft einfügt. Die Parteien hätten zudem eine gegenseitige NDA unterzeichnet und eine Product-Trial-Vereinbarung vereinbart, die laut Runlayer Kopien der geistigen Eigentumsrechte oder abgeleitete Arbeiten untersagt. Für die rechtliche Bewertung ist das Zusammenspiel aus NDA, Trial-Vertrag und konkreter Offenlegung oft wichtiger als die abstrakte Frage „Wer hat die Idee zuerst gehabt“.

Besonders brisant wird es, als Runlayer die nächste Phase schildert: Nach dem Scheitern der Preisverhandlungen, so die Darstellung, soll Rippling internen Plänen nach an einem nahezu 1:1-Klon gearbeitet haben. Runlayer führt dafür ein internes Text- bzw. Chatereignis an, in dem einem Hinweis zufolge ein Projekt zum Aufbau eines Clone angedeutet wird. In der Klage macht Runlayer daraus anschließend mehrere Vorwürfe: mutmaßliche Aneignung von Geschäftsgeheimnissen, unlauterer Wettbewerb und Vertragsverletzung. Damit bewegt sich der Fall in einem Bereich, in dem Gerichte nicht nur den Projektstart betrachten, sondern auch Indizien wie Zugriffswege, zeitliche Nähe, Dokumentationsspuren und den Umfang der im Trial ausgetauschten Artefakte.

Rippling bestätigt nach Angaben aus der Quelle, dass es ein eigenes MCP-Gateway aufbaut, weist aber die Vorwürfe zur missbräuchlichen Nutzung von IP zurück. Der Sprecher verknüpft die Zurückweisung dabei mit der Aussage, man arbeite an einer „überlegenen“ Lösung zur Kopplung von KI-Tools an Unternehmensdaten und setze ausschließlich auf firmeneigene Informationen. Technisch bedeutet das: Ein MCP-Gateway ist im Kern ein Vermittler zwischen KI-Client und Zielsystemen – er muss Security Controls, Zugriffskontrollen, Tool-/Datenabstraktionen sowie oft auch agentenbezogenes Orchestrierungsverhalten abbilden. Genau deshalb sind solche Gateways für Enterprise-Kunden attraktiv: Sie senken den Aufwand, wenn viele Teams gleichzeitig KI-Workflows in unterschiedliche Daten- und Systemlandschaften bringen wollen. Gleichzeitig entsteht dadurch aber Wettbewerb um ähnliche Architekturideen – und der Wettbewerb entscheidet sich immer häufiger nicht im Marketing, sondern in der Implementierungsdetails.

Der Zeit- und Wettbewerbsdruck in diesem Segment ist hoch. Laut Quelle hat Anthropic MCP als Open-Source-Protokoll im November 2024 veröffentlicht und damit die Grundlage dafür gelegt, dass Modelle und Agenten sicher auf externe Datenquellen und Services zugreifen können. Seitdem werden MCP-basierte Gateways, oft ergänzt um zusätzliche Sicherheits- und Management-Funktionen für Agenten, zu einem immer stärker umkämpften Feld. Runlayer, das nach Angaben aus der Quelle seine Produktphase Mitte des letzten Jahres startete und insgesamt 42 Millionen US-Dollar eingesammelt haben soll, steht damit in einem Umfeld, in dem große Player und auch andere Softwareanbieter schneller zu marktnahen Lösungen kommen können – insbesondere wenn sie Zugriff auf ähnliche Anforderungen aus vielen Kundenprojekten haben.

Für die Frage, wer am Ende recht behält, dürfte der Ausgang stark davon abhängen, wie das Gericht die Trial-Offenlegung bewertet. Wenn in einem Evaluationsprozess Quellcode oder konkrete Designentscheidungen geteilt wurden, wird es für den Empfänger schwer, pauschal zu argumentieren, die spätere Entwicklung sei unabhängig entstanden. Umgekehrt kann die Gegenseite darauf setzen, dass sich Protokollgrundlagen, Schnittstellen und allgemeine Implementierungsprinzipien ohnehin aus öffentlich bekannten Standards ableiten lassen und dass die eigene Lösung auf eigenständigen Quellen und Engineering-Artefakten basiert. Unabhängig vom Urteil gibt der Fall aber einen realistischen Blick darauf, wie „AI-Infrastruktur“ verkauft wird: Gerade bei Enterprise-Zyklen ist ein tiefes, kollaboratives Testen oft Teil des Geschäftsmodells, gleichzeitig steigt dadurch aber auch das Risiko, dass eine spätere Eigenentwicklung als zu nahe an den Trial-Inhalten wahrgenommen wird.

Unternehmen, die gerade MCP-Gateways evaluieren oder selbst integrieren, müssen die Lehre aus dem Streit praktisch einordnen: Ein Trial ist nicht nur eine technische Machbarkeitsprüfung, sondern auch ein Informations- und Vertragskontext. Wer in der Evaluation viel Offenlegung fordert, sollte gleichzeitig sauber dokumentieren, welche Artefakte tatsächlich geteilt werden, welche Wiederverwendungsrechte vertraglich abgesichert sind und wie Zugriffe auf vertrauliche Inhalte kontrolliert werden. Für Anbieter wiederum steigt der Bedarf an klaren, belastbaren IP- und Geheimhaltungsstrukturen – denn wenn die Konkurrenz das nötige Engineering-Team intern hat, kann ein Nichtabschluss des Deals schnell zu einem „Build statt Buy“-Szenario werden. Genau darin liegt die Spannung, die dieser Rechtsstreit sichtbar macht: Enterprise-Kaufentscheidungen entscheiden sich oft in der Werkstatt, und dort wird jede Zeile Code, jede Roadmap-Version und jedes Timing zum potenziellen Beweismittel.


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