FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Finanzaufsicht BaFin nimmt Finanztipps in sozialen Medien stärker in den Fokus. In einem Gastbeitrag fordert Thorsten Pötzsch mehr Transparenz von Finfluencern, etwa zu Honoraren und möglichen Interessenkonflikten. Die Aufsicht will die Verbraucheraufklärung ausbauen und die Auftraggeber der Influencer gezielter kontrollieren. Im Oktober geht es zudem um Gespräche mit den Finfluencern in Frankfurt.

Die BaFin rückt Finanztipps in sozialen Medien in den Mittelpunkt ihrer Arbeit und macht damit deutlich, dass der digitale Markt für Kapitalmarkt-Content nicht beliebig interpretierbar ist. Thorsten Pötzsch, Exekutivdirektor der Finanzaufsicht, schreibt in einem Gastbeitrag, dass sich Nutzer, die sich in Social-Media-Formaten zu Finanzthemen informieren oder Meinungen als „Beratung“ verstehen, nicht in einem rechtsfreien Raum bewegen. Damit verschiebt sich die Debatte weg von der reinen Reichweite hin zur Frage, welche Informationspflichten im Hintergrund gelten und wie Inhalte im Alltag als potenziell relevant oder sogar als Anlagevermittlung einzuordnen sind.
Besonders brisant ist dabei, wie stark solche Angebote aus Nutzersicht wahrgenommen werden. Pötzsch bezieht sich auf eine Studie aus dem eigenen Haus und nennt als Zahl, dass Finanz-Influencer für rund 60 Prozent der jüngeren Social-Media-Nutzer eine „gute Alternative“ zur professionellen Beratung darstellen. Aus Sicht der Aufsicht kann diese Rolle grundsätzlich auch positiv genutzt werden, etwa um Menschen überhaupt an Themen wie Börsenmechanik, Risiko-Transparenz oder das grundsätzliche Lesen von Kennzahlen heranzuführen. Zugleich stellt der BaFin-Exekutivdirektor klar, dass nicht alle Finfluencer seriös arbeiten und dass es in diesem Markt „schwarze Schafe“ gibt.
Konkreter wird die Richtung, wenn die Aufsicht auf die Anreizstrukturen hinter einzelnen Posts und Videos schaut. Viele Nutzer wissen laut Beitrag häufig nicht, dass Influencer für bestimmte Empfehlungen bezahlt werden, während andere glauben, es handle sich um rein private Erfahrungen. Genau hier setzt die Forderung nach Offenlegung an: Honorare und potenzielle Interessenkonflikte müssten transparent gemacht werden, und Inhalte müssten wahrhaftig über Risiken informieren. Für Anlageberatung oder Vermittlung wird zudem eine Registrierung bei der Aufsicht verlangt; wer diese Schwelle faktisch überschreitet, muss die entsprechenden Regeln einhalten. Pötzsch warnt außerdem davor, dass sich Finanz-Influencer auf verschiedenen Wegen schnell strafbar machen können, wenn sie Pflichten nicht beachten oder Inhalte in einer Form darstellen, die regulatorische Kategorien berührt.
Für die BaFin steht dabei weniger ein „Alles-oder-nichts“-Ansatz im Vordergrund, sondern eine Kombination aus Aufklärung und Kontrolle. Die Verbraucheraufklärung soll demnach ausgebaut werden, damit Interessierte besser erkennen können, woran gute Inhalte festzumachen sind und ab wann Alarmglocken schrillen. Gleichzeitig will die Aufsicht die Auftraggeber der Influencer genauer prüfen, also dort ansetzen, wo Kampagnen finanziell gesteuert werden und Empfehlungen möglicherweise Teil einer breiteren Vermarktungslogik sind. Parallel dazu geht es um den direkten Austausch: Die BaFin lädt die Finanz-Influencer im Oktober nach Frankfurt ein, um Gespräche zu führen und Erwartungen an Transparenz und Risiko-Kommunikation zu konkretisieren.
Bemerkenswert ist, dass die BaFin laut Pötzsch zusätzliche Regulierung nicht für nötig hält. Das heißt nicht, dass der Status quo problemlos wäre, sondern eher, dass viele Pflichten bereits existieren und nun konsequenter durchgesetzt bzw. sichtbar gemacht werden sollen. Für Unternehmen, die mit „Creator“-Formaten arbeiten, ist das vor allem operativ relevant: Wer Kampagnen steuert, muss verlässliche Prozesse für Vergütungstransparenz, Risikohinweise und die Einordnung von Content als möglicherweise beratungs- oder vermittlungsnah etablieren. In der Praxis wird damit die Schnittstelle zwischen Marketing, Legal/Compliance und Produktmarketing enger, weil schon die Frage, wie Angebote formuliert sind, darüber entscheiden kann, ob sie als bloße Meinungsäußerung durchgehen oder regulatorisch in eine andere Kategorie rutschen. Für den Markt bedeutet das zudem: Reichweite allein schützt nicht, und „Finfluencer als Alternative“ bleibt nur dann glaubwürdig, wenn Transparenz nicht nachträglich erklärbar ist, sondern von Anfang an im Content sichtbar wird.
Das Vorgehen der BaFin sollte auch als Signal an Plattformen und Tool-Anbieter verstanden werden, die bei Moderation, Kennzeichnung und Datenflüssen rund um Finanz-Content helfen können. Wenn Aufklärungsarbeit stärker darauf zielt, Warnsignale früh zu erkennen, steigt der Nutzen besserer Kennzeichnungssysteme, klarer Disclosure-Mechanismen und nachvollziehbarer Content-Workflows. Gleichzeitig bleibt der technologische Kern dieses Wandels eher organisatorisch: Es geht weniger um neue Modelle oder neue Software, sondern darum, wie bestehende Regeln in Social-Produktionsketten umgesetzt werden. In den kommenden Monaten dürfte daher vor allem entscheidend sein, ob die BaFin die angekündigten Gespräche in Frankfurt nutzt, um Erwartungen an Transparenz und Risikokommunikation so zu operationalisieren, dass sich gute Anbieter klar von den problematischen unterscheiden lassen.
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