LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – In London startet ein fünf-Tage-Kurs für 16- bis 18-Jährige, der Startup-Bausteine und die Investor-Logik spielerisch vermittelt. Veranstalter wie Deborah Gruenberger und Isobel McDermott-Spencer wollen damit verhindern, dass Jugendliche vor dem Berufseinstieg aus der Tech-Branche herausgedrängt werden. Der Unterricht reagiert auch auf den Rückgang von Juniorstellen, weil Routineaufgaben zunehmend automatisiert werden. Am Ende entscheiden die Teilnehmenden in einer Investor-Rolle über ein Gesundheits-Startup und dessen Pitch.

Wer in den letzten Jahren einen ersten Einstieg in die Tech-Branche suchte, musste vielerorts feststellen, dass die klassischen Einstiegswege brüchig geworden sind: Praktika werden seltener, Einstiegsrollen wirken „glatter“ und Lernkurven sind häufig ungünstig getaktet. Genau an diesem Punkt setzt ein neuer, auf fünf Tage ausgelegter Kurs in London an, der sich an Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahren richtet. Die Idee dahinter ist nicht nur, Entrepreneurship zu „motivieren“, sondern die Kette von Fähigkeiten so zu üben, dass ein Pitch, die Investorensicht und die nächsten Schritte im Startup-Alltag realitätsnah zusammenkommen.
Im Zentrum steht ein methodischer Perspektivwechsel. Die Teilnehmenden lernen zunächst die Bausteine, aus denen Startups aufgebaut werden, und beschäftigen sich dann intensiv mit dem Prozess, den Investorinnen und Investoren bei der Bewertung von Deals durchlaufen. Ein Teil der Didaktik besteht aus einem Rollenspiel, in dem Schülerinnen und Schüler selbst als Investor auftreten. Am fünften Tag hören sie dafür einen Pitch eines Healthtech-Startups namens Zonova Technologies und entscheiden anschließend, ob sie das Geschäft unterstützen würden. Damit übt der Kurs nicht nur „Reden vor Publikum“, sondern zwingt zu einer strukturierten Beurteilung: Markt, Team, Nutzwert und Umsetzbarkeit müssen in einer konsistenten Argumentation zusammenlaufen.
Dass der Bedarf so konkret formuliert wird, hat mehrere Ursachen. Laut dem Kursansatz fürchten die Initiatorinnen, dass Jugendliche bereits vor dem eigentlichen Berufsstart aus der Branche herausgerechnet werden. Wenn Schule zu wenig Technikdidaktik abdeckt und es zugleich schwerer wird, passende Praktikumsplätze zu finden, entsteht eine Lücke zwischen Interesse und erster relevanter Erfahrung. Hinzu kommt ein Arbeitsmarkttrend: Viele Startups investieren stärker in Automatisierung, um Routinearbeiten effizienter zu machen. Genau dadurch sinkt in manchen Bereichen die Zahl der Juniorpositionen, über die frühe Lern- und Berufserfahrungen sonst entstanden wären.
Der Kurs versucht diese Lücke mit einer Kombination aus Theorieelementen und gesteuerten Begegnungen zu überbrücken. Die Leitung hat Unternehmerinnen und Investoren eingeladen, damit die Teilnehmenden nicht nur Modelle aus Lehrbüchern sehen, sondern konkrete Lebenswege und Entscheidungslogiken kennenlernen. Für das Investor-Rollenspiel wird zudem eine realistische Nervosität bewusst gemacht: Die CEO von Zonova Technologies bereitet sich darauf vor, dass ein Pitch vor Jugendlichen anders „tickt“ als vor erfahrenen Geldgebern. Das ist pädagogisch relevant, weil sich viele Gründerinnen und Gründer sonst auf die Erwartungen eines professionellen Publikums trainieren, während das Gegenüber in der frühen Ausbildungsphase oft noch keine klare Bewertungsroutine hat.
Auch die Frage, wer Zugang zu Tech-Kompetenz erhält, wird im Kurs ausdrücklich thematisiert. Die Veranstalterinnen argumentieren, dass unterhalb der Schwelle von 18 Jahren ein besonderes Fenster existiert, das frühe Orientierung ermöglicht – und dass dieses Fenster nicht gleichermaßen für alle offensteht. In diesem Kontext wird von der Initiative betont, dass das Kursdesign zusätzlich Chancen für junge Frauen schaffen soll. Eine Teilnehmerin schildert dabei den eigenen Eindruck, dass in der Tech-Welt häufig zuerst stereotype Rollenbilder aktiviert werden – mit der Folge, dass Sichtbarkeit und Anerkennung zusätzliche Anstrengung benötigen. Parallel dazu formuliert sie eine persönliche, technologiebezogene Strategie für die Zukunft: Mathematik soll als Fundament dienen, selbst wenn sich die Formen von Softwarearbeit durch KI spürbar verändern.
Technisch betrachtet ist das Kurskonzept vor allem deshalb interessant, weil es eine arbeitsfähige „Klammer“ zwischen KI-bedingtem Strukturwandel und praktischer Karriereorientierung bildet. Wenn KI-gestützte Automatisierung dazu führt, dass weniger Einstiegsjobs entstehen, wird der Engpass verlagert: Es reicht nicht mehr, nur Aufgaben auszuführen oder Routinen zu lernen. Stattdessen werden Kompetenzen wichtiger, die nicht vollständig automatisierbar sind – etwa Problemformulierung, Modellieren von Annahmen, verständliche Kommunikation von Nutzen sowie das systematische Durchdenken von Risiken. Genau diese Punkte werden im Rollenspiel und im Investor-Assessment indirekt trainiert, weil die Teilnehmenden Hypothesen prüfen und eine Entscheidung treffen müssen.
Auf politischer Ebene wird in der Quelle ebenfalls ein Signal gesetzt: Für England wird ein Ausbau der Möglichkeiten angekündigt, dass Schülerinnen und Schüler ab Year 10 stärker praxisnahe Fächer wie Fertigung und KI-basiertes Lernen einordnen können. Die staatliche Ausrichtung lautet dabei: lokale Branchen sollen stärker verknüpft werden, um Kindern einen klareren Weg in den Beruf zu geben. Der Londoner Kurs verfolgt eine ähnliche Zielrichtung, aber mit einem anderen Hebel – nämlich schneller Zugang zu konkreten Startup-Abläufen, Begegnungen mit echten Marktakteuren und einer Lernumgebung, die Unsicherheit nicht versteckt. Für Unternehmen kann das wiederum bedeuten: Wer früh Talente mit einer realistischen Investoren- und Produktlogik vertraut macht, reduziert später die Reibung in Onboarding und Erwartungsmanagement.
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