LONDON (IT BOLTWISE) – Eine gemeinsame Untersuchung der Universität Münster und der Fraunhofer-Einrichtung Forschungsfertigung Batteriezelle (FFB) zeigt, wie Batterie-Startups entlang der Wertschöpfungskette ungleich verteilt sind. Besonders viele Gründungen entstehen im Midstream rund um fortschrittliche Materialien, spezialisierte Komponenten und Zellfertigung. In rohstoffnahen, stark kapitalintensiven sowie regulatorisch anspruchsvollen Bereichen wie Rohstoffgewinnung, Recycling und Second-Life-Anwendungen bleiben dagegen deutlich weniger Unternehmen übrig. Die Studie beschreibt damit eine Skalierungslücke, die nicht nur ein Finanz-, sondern auch ein Industrie- und Genehmigungsproblem ist.

Wenn Batterie-Startups schneller in die Fläche kommen sollen, reicht es offenbar nicht, nur die Zahl der Gründungen zu erhöhen. Genau das legt eine Untersuchung der Universität Münster zusammen mit der Fraunhofer-Einrichtung Forschungsfertigung Batteriezelle (FFB) nahe: Das Forschungsteam hat über 400 neue Batterieunternehmen weltweit ausgewertet und dabei die Verteilung entlang der Wertschöpfungskette betrachtet. Das Ergebnis ist weniger ein gleichmäßiges Wachstum als vielmehr ein klar erkennbares Muster: Während bestimmte Teile des Ökosystems relativ gut mit neuen Firmen versorgt sind, klaffen in kapitalintensiveren und regulatorisch anspruchsvolleren Abschnitten spürbare Lücken.
Besonders stark konzentrieren sich Neugründungen demnach im sogenannten Midstream. Darunter fallen fortschrittliche Materialien, spezialisierte Komponenten und Bereiche der Zellfertigung. An dieser Stelle treffen hohe technologische Anforderungen auf gleichzeitig vergleichsweise finanzierbare Gründungs- und Skalierungspfade. Für Investoren und Industriepartner wirkt das wie ein Signal: Wo das nötige Know-how verfügbar ist, aber der Kapitalbedarf noch beherrschbar bleibt, lässt sich eher ein Weg von der frühen Entwicklung bis zu Pilot- und Produktionsschritten abbilden. Dadurch entsteht in diesen Segmenten auch ein dicker Wettbewerb, der Innovationen beschleunigen kann, aber gleichzeitig die Messlatte erhöht.
Deutlich anders stellt sich die Lage in rohstoffnahen und nachgelagerten Bereichen dar. Hier nennen die Autoren insbesondere Rohstoffgewinnung, Recycling und Second-Life-Anwendungen als Felder, in denen deutlich weniger Unternehmen entstehen. Der Hintergrund ist nicht allein technischer Natur. In der Praxis bedeutet jeder dieser Schritte zusätzliche Hürden: Erfordert die Rohstoffgewinnung hohe Anfangsinvestitionen und komplexe Beschaffungs- bzw. Genehmigungsketten, ist das Recycling stark von Anlagenkapazität, Prozesskontrolle und Wirtschaftlichkeit abhängig. Second-Life ist zudem häufig an die Verfügbarkeit passender Altbatterien gebunden und muss gleichzeitig Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen erfüllen. Selbst bei bereits bestehenden Startups beschreibt die Studie den Übergang zur industriellen Skalierung als zentrale Hürde.
Die untersuchte Lücke ist damit nicht nur eine Frage des Marketings oder der Gründerteams, sondern eine strukturelle Schwachstelle zwischen „Idee“ und „Fabrik“. Florian Degen, Abteilungsleiter Produktionstechnologie an der Fraunhofer FFB, bringt diese Logik in einem direkten Vergleich auf den Punkt: „Die Ergebnisse machen deutlich, dass Gründungsaktivität und industriepolitischer Bedarf nicht automatisch Hand in Hand gehen“, sagt er. „Während einige Technologiefelder stark von Innovationen profitieren, fehlen in kritischen Bereichen wie Rohstoffgewinnung, Recycling und industrieller Skalierung weiterhin ausreichend Unternehmensgründungen. Wenn Europa seine Batteriewertschöpfung stärken will, müssen Gründungen gezielter dort unterstützt werden, wo heute noch Engpässe bestehen.“ Damit wird auch klar, warum reine Förderprogramme für frühe Entwicklungsphasen nur bedingt wirken: Sie setzen zu früh an, wenn das eigentliche Engpassniveau erst bei Finanzierung, Industrialisierung und Prozesszulassung entsteht.
Ein weiterer Befund zielt auf die Kapitalverteilung. Laut Studie konzentrieren sich große Finanzierungsrunden auf wenige Unternehmen, während viele hardware- und materialintensive Gründungen unterfinanziert bleiben. Diese Entwicklung ordnen die Autoren in einen zeitlichen Kontext ein: Die Investitionen in Batterie-Startups stiegen nach 2019 stark an und erreichten 2021 und 2022 ihren Höhepunkt. Gleichzeitig erläutert Linda Brüß, vom Institut für Entrepreneurship der Universität Münster: „Gründungen entstehen vor allem dort, wo das nötige Wissen hoch, der Kapitalbedarf aber noch handhabbar ist. Gleichzeitig sehen wir, dass große Finanzierungsrunden auf wenige Unternehmen konzentriert sind, während viele Start-ups unterfinanziert bleiben. Genau daraus entsteht eine Skalierungslücke.“ Für Entscheider in Industrie und Venture Capital ist das eine wichtige Differenzierung: Hohe Aufmerksamkeit in frühen Phasen übersetzt sich nicht automatisch in robuste Produktionspfade, wenn spätere Kapitalbedarfe nur selektiv adressiert werden.
Auch regional zeichnet die Studie ein differenziertes Bild. Nordamerika weist demnach rohstoffnahe Aktivitäten auf und zeigt eine starke Ausrichtung auf Feststoff- sowie Lithium-Schwefel-Batterien. Europa hingegen ist beim Batterierecycling und in der Kreislaufwirtschaft stärker aufgestellt. In Asien wiederum existieren dichte Material-, Komponenten- und Zellcluster, die durch Produktionsnetzwerke, Zulieferstrukturen und Qualifizierungswege etablierter Konzerne geprägt werden. Das ist mehr als Geografie: Cluster-Effekte beeinflussen, wie schnell aus Prototypen seriennahe Prozesse werden. Wer wiederholt in vergleichbare Produktions- und Qualifikationsschritte investiert, kann Lernkurven nutzen; zugleich sinkt die Hürde, weil Lieferketten, Fachkräfte und Anlagenzugänge eher planbar sind.
Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Die Forscher empfehlen verlärliche Rahmenbedingungen, langfristige Nachfragesignale sowie eine Finanzierung, die stufengerecht und risikobereit ist. Dazu kommen schlankere Genehmigungs- und Zertifizierungsverfahren – also genau jene Bereiche, in denen Zeit, Unsicherheit und Kosten die Skalierung besonders bremsen. David Bendig, Leiter des Instituts für Entrepreneurship der Universität Münster, formuliert das mit Blick auf die Praxis: „Europa braucht eine Gründungsförderung, die nicht nur frühe Ideen unterstützt, sondern den Weg in die industrielle Skalierung mitdenkt.“ Und er ergänzt: „Gerade im Batteriebereich entstehen besonders hohe Hürden dort, wo Kapitalbedarf, Regulierung und Qualifizierung zusammenkommen. Förderung muss deshalb verlässlich, stufengerecht und langfristig angelegt sein.“ Für Unternehmen heißt das: Partnering mit Startups sollte stärker nach dem Reifegrad der Industrialisierung bewertet werden, nicht nur nach dem technischen Proof-of-Concept. Damit würde die beobachtete Skalierungslücke weniger von Zufällen und mehr von planbaren Transformationspfaden abhängen.
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