LONDON (IT BOLTWISE) – Das Pentagon untersucht günstigere, weitreichende Drohnenoptionen, die perspektivisch den MQ-9 Reaper ablösen sollen. Hintergrund sind hohe Verlustquoten im Einsatz, die sich mit einem modernen, mehrschichtigen Luftverteidigungskonzept zunehmend schwer abfedern lassen. Statt „besserer Reaper“, setzt die Defense Innovation Unit auf ein Konzept, bei dem der Gegner durch Masse und harte Verlusttoleranz schneller in teure Abfangressourcen gedrückt wird. Im Fokus steht das Massed Modular Aircraft (MMA) mit Vorgaben für Payload, Reichweite und Autonomie.

Das US-Verteidigungsministerium ringt seit Jahren mit einem Grunddilemma: Hochwertige Drohnen wie der MQ-9 Reaper sind technisch leistungsfähig, aber im Spannungsfeld moderner Luftverteidigung wirtschaftlich schwer zu verteidigen. Im aktuellen Ansatz geht es deshalb nicht um eine einzelne „Super-Variante“, sondern um eine Ersatzlogik, die Verluste einkalkuliert, statt sie zu minimieren. Die Defense Innovation Unit (DIU) spricht in der Ausschreibung explizit davon, eine Reichweite und Missionen umzusetzen, die der MQ-9A heute abdeckt – nur eben als austauschbare Massenplattform.
Als harte Markierung dient dabei die Erfahrung aus früheren Konflikten. Berichten zufolge waren im Iran-Kontext Dutzende MQ-9s Ziel feindlicher Maßnahmen und wurden abgeschossen bzw. „aus dem Himmel geholt“. Auch die Höhe der absoluten Bestandszahlen und die Kostenfrage spielen in die Rechnung: Die Air Force verfügt aktuell über etwa 135 Reaper, die pro Stück rund 30 Millionen US-Dollar kosten. Solch ein Preisniveau passt strategisch immer weniger zu Szenarien, in denen Gegner über mehrschichtige Verteidigung verfügen und Abfang- und Angriffssequenzen zunehmend von günstigerem, massentauglichem Material unterstützt werden.
Technisch lässt sich der Gedanke hinter „Masse statt Einzelwert“ gut an der Formulierung der DIU festmachen: Sie warnt vor der nicht nachhaltigen Abhängigkeit von „low-density, high-value“ bemannten und unbemannten Luftfahrzeugen. Die Kernaussage lautet, dass Gegner mit layered defenses und immer günstigeren Fähigkeiten in der Luftabwehr die Taktik auf „mehr gleichzeitige Entscheidungen“ umstellen können. In dem Moment wird das Verhältnis der Kosten von Drohne zu Abfangmittel entscheidend. Die DIU beschreibt deshalb einen Bedarf, der sich nicht nur auf Reichweite und Sensorik bezieht, sondern auf eine Einsatzarchitektur, in der auch der Verlust einzelner Plattformen das Gesamtziel nicht kippen lässt.
Aus der Ausschreibung wird dann das „Massed Modular Aircraft“-Profil (MMA) greifbar. Statt ein besseres Reaper-Design zu bauen, soll ein UAV entwickelt werden, das in deutlich größeren Stückzahlen operieren kann und dadurch schwere Verluste absorbiert – ohne dass der Angriff oder die Aufklärung als Effekt abreißt. Besonders aufmerksamkeitsstark sind dabei die Vorgaben zur Größe, weil reine „Drone-Schwarm“-Konzepte in der Praxis oft aus vielen kleineren, vergleichsweise kurzen Systemen bestehen, die Reichweite und Nutzlast nur begrenzt abbilden. Die DIU zielt aber auf ein Fluggerät, das weit genug kommt und genug Nutzlast trägt, um auch in komplexen Missionen zu überzeugen.
Konkret verlangt die Ausschreibung mindestens eine Payload von 2.800 Pfund. Das liegt unter der MQ-9-Nutzlast von 3.800 Pfund, aber zugleich hoch genug, um eine breite Palette interner und externer Mission-Module zu tragen. Auch die Reichweitenanforderungen sind deutlich: unbetankt mindestens 2.300 nautische Meilen sowie eine Transferstrecke (one-way) von mindestens 8.000 nautischen Meilen. Für den Einsatzalltag nennt die DIU außerdem Zielwerte, die den Übergang von Papierparametern zu operativer Nutzbarkeit markieren: mindestens 200 Meilen pro Stunde sowie die Fähigkeit, von einem 6.000-Fuß-Runway oder improvisierten Start- und Landestreifen zu operieren. Ergänzend soll das System über ausreichende „size, weight, power (25kW), and cooling (5kW)“ verfügen, um verschiedene Payloads aufzunehmen, während Autonomie so weit gedacht ist, dass ein Operator mehrere Drohnen steuern kann.
Wichtig ist dabei auch das Tempo des Programms. DIU fordert ein „full-scale prototype flight testing“ innerhalb von 21 Monaten nach Award und nennt als Ziel eine „Initial Operating Capability (IOC)“ im Haushaltsjahr FY2031. In der Skizze für die IOC sind 20 mission-ready Flugzeuge für eine operative Einheit vorgesehen, die einsetzbar sind. Dass die Ausschreibung keine exakten Abmessungen vorgibt, aber eine Größenordnung nahe am MQ-9 nahelegt, deutet darauf hin, dass man bewusst auf bewährte Klassenmerkmale setzt, um Entwicklung und Integration nicht unnötig zu strecken. Gerade für Unternehmen und Zulieferer bedeutet das: Es geht weniger um den kompletten Neubau einer Luftfahrzeugklasse, sondern um schnelle Module, Schnittstellen und ein Engineering für massenfähige Fertigung.
Strategisch ordnet sich das MMA-Konzept in die Lehren aus dem Ukraine- und dem Iran-Kontext ein. Das Muster lautet: In beiden Konflikten sollen Abwehrkräfte vor allem dann ins Straucheln geraten sein, wenn sie Interceptoren vor dem „Dronen-Nachschub“ erschöpfen. DIU bringt diese Logik in der Ausschreibung in eigenen Worten auf den Punkt: „Keeping a constant airborne MMA presence to launch weapons, gather intelligence, perform electronic warfare missions, or relay communications will force an adversary to stay on the defensive, “ heißt es. Und weiter: „This relentless pressure will exhaust the adversary, forcing them to burn through expensive anti-aircraft missiles and resources faster than they can be replaced.“ Der damit verbundene Branchenimpuls ist klar: Wer künftig mit KI-gestützter Assistenz, Sensorfusion, Missionsplanung und robustem Autonomie-Stack liefert, muss nicht nur hohe Performance, sondern vor allem reproduzierbare Einsatzfähigkeit im Feld adressieren.
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