LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Lockheed Martin hat auf der 2026er Farnborough Airshow den Morfius X-Rotor vorgestellt, ein bodengestütztes „one-to-many“-System gegen Drohnenschwärme. Das Unternehmen beschreibt den High-Power-Microwave-Ansatz als kostenzentrierte Alternative zu teuren Abfangmünteln. Der X-Rotor soll in einem Einsatz mehr als 50 Drohnen in einem Flug neutralisieren können. Zusätzlich setzt Lockheed auf Rückgewinnung und Wiederverwendung sowie auf schnellere Prototypenproduktion für den Frontlinieneinsatz.

Der Morfius X-Rotor setzt bei der Abwehr von unbemannten Luftfahrtsystemen (Counter-UAS) auf einen Mechanismus, der in der Praxis vor allem eins lösen soll: das Kostenproblem im Spannungsfeld zwischen „billigen“ Zielplattformen und „teuren“ Interceptoren. Während klassische Abfanglösungen pro Treffer häufig einen erheblichen Preis mitbringen, positioniert Lockheed Martin die High-Power-Microwave-(HPM-)Technologie als skalierbaren Hebel. Der entscheidende Betriebsansatz ist dabei nicht nur die Wirkrichtung, sondern das „one-to-many“-Konzept: Das System ist als bodengestütztes Luftziel-Abwehrmittel gedacht, das mit einem einzigen Flug eine Vielzahl von Drohnen adressieren kann.
Technisch handelt es sich um einen HPM-Gegen-Drohnen-Rotor, der als ground-launched Variante startet und dann als airborne Plattform wirkt. Lockheed Martin beschreibt den Morfius explizit als wiedergewinn- und wiederverwendbar ausgelegt. Genau darin liegt ein Teil der betriebswirtschaftlichen Logik: Wenn nicht jede Begegnung einen vollständig neuen Abfangkörper erfordert, verschiebt sich die Kostenkurve vom „Munition pro Ziel“-Paradigma hin zu „Einsatz pro Plattform“. Zudem betont das Unternehmen, dass der X-Rotor keine „einzigartige Sensor“-Ausstattung und keine besonderen Fire-Control-Radare benötigt und stattdessen mit verschiedenen Command-and-Control-Systemen zusammenspielen kann. Für Integratoren in der Abwehrkette ist das relevant, weil viele Nutzerorganisationen bereits bestehende Führungs- und Aufklärungskomponenten betreiben und ungern vollständig neue Silokonzepte anschaffen.
Die Wirksamkeitsbehauptung, die Lockheed Martin in den Vordergrund stellt, lautet: mehr als 50 feindliche Drohnen in einem einzigen Flug neutralisieren. Solche Größenordnungen lassen sich nicht alleine aus der Theorie der Funkwellen ableiten, sondern hängen stark von Parametern wie Strahlführung, Zielentfernung, Aspektwinkel, Funk-/Elektronik-Charakteristik der Zielsysteme und auch von der elektromagnetischen Umwelt ab. Dass das Unternehmen den Morfius bereits in den USA flight-getestet hat, nennt es konkret in Arizona, Kalifornien und Oklahoma. Dort habe das System sowohl Interception- als auch lethal capabilities demonstriert, weitere Tests seien in den Folgemonaten geplant. Für die Produktreife ist das vor allem deshalb wichtig, weil HPM-Systeme im Gegensatz zu rein kinetischen Konzepten stärker als „energie- und wellengetriebene“ Wirksysteme bewertet werden: Nicht nur die Zielgeometrie, auch die effektive Kopplung der Energie an die Elektronik an Bord bestimmt, ob Systeme ausfallen oder weiter funktional bleiben.
In den aktuellen Beschaffungs- und Einsatzdiskussionen in den USA wird dieser Punkt zunehmend als strategische Abwägung sichtbar. Der Hintergrund: Behörden und Streitkräfte ringen mit dem Ziel, sich gegen vergleichsweise kostengünstige Munitionen durchzusetzen, ohne dabei die teuren Interceptoren überproportional schnell zu verbrauchen. Wie aus der Quelle hervorgeht, steht diese Gegenüberstellung unter gesteigerter Beobachtung, nachdem US-Streitkräfte Interceptor-Bestände rasch eingesetzt haben, um sowohl gegen Raketen als auch gegen Drohnenangriffe vorzugehen. In diesem Kontext wirkt der HPM-Ansatz wie ein Versuch, die Kosten pro „abgewehrtes Ziel“ zu drücken, selbst wenn einzelne Einsatzparameter organisatorisch und technisch anspruchsvoll bleiben. Daneben zeigt der gleiche Ankündigungstag auch, dass Lockheed nicht nur „eine Technik“ propagiert, sondern parallel auch alternative Interceptor-Optionen adressiert, um die Abfangarchitektur breiter aufzustellen.
Ein Aspekt, der gerade für Unternehmen und Systemhäuser in der Verteidigungs-IT eine Rolle spielt, ist die Frage nach der Integration in bestehende Lagebilder und Steuerungsstrukturen. Lockheed hebt hervor, dass Morfius jedes Command-and-Control-System nutzen könne, ohne zwingend auf proprietäre Sensorik oder spezielle Radarketten angewiesen zu sein. Das klingt auf den ersten Blick nach einer einfachen Kompatibilitätsaussage, kann aber in der Umsetzung bedeuten, dass Schnittstellen, Zeitbezug (zum Beispiel für Kurs- und Zieltrajektorien) und Trigger-Logik so gestaltet werden müssen, dass der HPM-Einsatz im richtigen Moment erfolgt. In der Praxis ist außerdem zu klären, wie die Abwehrkette die „Swarm“-Dynamik interpretiert: Mehrere Ziele in kurzer Zeit bedeuten häufig, dass die Sensorfusion und die Einsatzplanung in der Software hohe Anforderungen erfüllen, während die physikalische Wirkung des HPM-Impulses gleichzeitig an Randbedingungen gebunden bleibt.
Für den nächsten Schritt kündigt Lockheed Martin eine Beschleunigung der Prototypenproduktion für sowohl Drohne als auch HPM-Payload an, mit dem Ziel, das System schneller bei Fronttruppen verfügbar zu machen. Das ist nicht nur eine Produktionsfrage, sondern auch eine technische: Mit jeder Iteration müssen sowohl die Plattform (Flug- und Nutzlastintegration, mechanische Stabilität, Energieversorgung) als auch die HPM-Komponenten (Leistung, thermische Belastung, Reproduzierbarkeit der Impulse) konsistent weiterreifen. Gleichzeitig sollten die Folgetests in den Monaten danach nicht nur Reichweite oder reine Treffquote fokussieren, sondern auch Betriebsprofile abdecken, die in realen Lagen typischerweise auftreten: wechselnde Wetterlagen, kurzzeitige Zielcluster, Störumgebungen und die Frage, wie stark die Wirksamkeit über eine Vielzahl von Zieltypen hinweg streut. Gerade hier kann KI als unterstützende Komponente in der Sensor- und Einsatzplanung ins Spiel kommen, etwa bei der Priorisierung mehrerer Kontakte oder bei der automatischen Anpassung von Einsatzparametern, wobei KI-Entscheidungen stets an validierte Daten und abgesicherte Betriebsgrenzen gebunden bleiben müssen.
Unterm Strich zeigt der Morfius X-Rotor, dass die Counter-UAS-Entwicklung nicht mehr nur über „bessere Trefferwahrscheinlichkeit“ diskutiert, sondern zunehmend über Systemkosten, Wiederverwendbarkeit und Integrationsaufwand. Wenn HPM tatsächlich so skaliert, wie Lockheed Martin es mit „low cost per kill“ beschreibt, könnte das die Architektur künftiger Abwehrzonen verändern: weniger Abhängigkeit von extrem teuren Interceptoren, mehr Fokus auf wiederverwendbare Wirkplattformen und eine Abwehrlogik, die Ziele als Cluster behandelt statt als einzelne, voneinander isolierte Begegnungen. Für Nutzer bedeutet das, dass Beschaffungsentscheidungen künftig stärker danach bewertet werden müssen, wie gut ein System in vorhandene Führungs- und Aufklärungsketten passt, wie robust es bei realistischen Swarm-Profilen bleibt und wie schnell sich neue Payloads oder Betriebsmodi in den Feldbetrieb überführen lassen.
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