KYIV / LONDON (IT BOLTWISE) – Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Mykhailo Drapatyi zum Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte ernannt und damit Oleksandr Syrskyi verdrängt. Die Personalie kommt kurz nach Protesten gegen die Entlassung des Verteidigungsministers Mykhailo Fedorov. Drapatyi gilt als reformorientierter Kommandeur mit starkem Fokus auf Frontnähe und schnelle Anpassung an neue Einsatzrealitäten. Für die nächsten Wochen bleibt entscheidend, wie schnell die Ukraine ihre unbemannten Systeme und die militärische Entscheidungsfindung weiter in die Praxis bringt.

Ukraine ernennt Mykhailo Drapatyi zum Generalstabschef: Reform- und KI-affine Kommandostruktur
Ukraine ernennt Mykhailo Drapatyi zum Generalstabschef: Reform- und KI-affine Kommandostruktur (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Entscheidung fiel politisch, aber sie wirkt operativ wie ein Tech-Refresh: Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Maj. Gen. Mykhailo Drapatyi zum Commander-in-Chief der ukrainischen Streitkräfte ernannt und damit eine Debatte aufgelöst, die seit Tagen über die Köpfe der Truppen hinweg lief. Gleichzeitig wurde Gen. Oleksandr Syrskyi aus dem Spitzenamt gedrängt, nachdem Proteste landesweit Druck aufgebaut hatten – ausgelöst durch die Entlassung von Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov eine Woche zuvor. Selenskyj stellte in seiner Ansprache nicht nur den Erfolg einzelner Verteidigungsabschnitte heraus, sondern rahmte den Wechsel als Schritt in eine neue Phase des Militärdienstes. Damit verschiebt sich das Gewicht von einer eher zentral gewachsenen Kommandokultur hin zu einem Profil, das in der öffentlichen Wahrnehmung stärker auf Lernen im Einsatz und öffentliche Verantwortung setzt.

Drapatyi, 43, wird in der Berichterstattung vor allem als „reform-minded“ beschrieben: nicht als jemand, der Fehler wegredet, sondern der sie sichtbar macht, um daraus Konsequenzen für Abläufe abzuleiten. Genau diese Haltung wird zum Gegenakzent gegenüber Syrskys als „old world“ charakterisiertem Stil – also einer eher rigiden, sowjetisch geprägten Kette von Befehlen, die in der Reformdebatte wiederholt als Bremse für moderne Kriegsführung genannt wird. Besonders greifbar wird das in den Kommentaren von Selenskyj, der Drapatyi für „vision“ dankt und Syrskys Leistung für die Verteidigung von Kyjiw sowie für Operationen in Charkiw und im russischen Kursk-Raum anerkennt. Unterm Strich wird dadurch eine widersprüchliche Anforderung sichtbar: Die Ukraine braucht Kontinuität in den Bereichen, die funktionieren, muss aber parallel die Geschwindigkeit erhöhen, mit der neue Technologien – insbesondere aus dem Drohnen- und Fernwirkungsumfeld – in Prozesse, Schulung und Einsatzregeln übersetzt werden.

Der Konflikt, der zur Ernennung führte, begann laut Darstellung zunächst als Kabinettsumbau. Als Ministerin Yulia Svyrydenko auf Bitten Selenskyjs zurücktrat, wurde das gesamte Kabinett aufgelöst und jeder Minister neu berufen. Bereits innerhalb kurzer Zeit zeichnete sich ab, dass Fedorov seinen Posten nicht zurückerhalten würde; der politische Rückschlag reichte von Rücktritten bis zu Protesten in mehreren Städten. Col. Pavlo Yelizarov, stellvertretender Kommandeur der ukrainischen Luftwaffe, trat demnach am Donnerstag zurück und bezeichnete die Entlassung Fedorovs als großes Unheil für die Verteidigungsfähigkeit. Serhii Sternenko, der als Drohnen-Crowdfunding-Aktivist und Berater für drone warfare beschrieben wird, kündigte ebenfalls und verwies auf bürokratische Hindernisse und künstliche Verzögerungen im Zuge von Armee-Reformen. Das ist ein Muster, das man in Tech-Organisationen als „Time-to-Change“-Problem kennt: Selbst wenn die richtigen Leitbilder existieren, entscheidet oft die Prozessdurchlässigkeit darüber, ob Neuerungen in kurzer Zeit bis an die Front gelangen.

Der tieferliegende Riss wird in der Darstellung als Gegensatz zwischen Militärtradition und Modernisierung beschrieben: Auf der einen Seite Syrskyi, der seit Februar 2024 als Commander-in-Chief fungiert und mit seiner Rolle bei der Verteidigung Kyjiws, der schnellen Gegenoffensive in Charkiw 2022 und dem Vorstoß in die Kursk-Region verbunden ist. Auf der anderen Seite Fedorov, der sich in seiner Laufbahn auf die Digitalisierung des Staatsapparats und später auf den Ausbau von Drohnen- und Deep-Strike-Operationen fokussierte. Syrskyi soll dabei Reformkritik mit einer eigenen Argumentationslinie beantwortet haben: Er habe die Anstrengungen im Bereich unbemannter Systeme nicht abgebremst, sondern mit der Unmanned Systems Forces sogar eine eigene Teilstruktur geschaffen, um der Technologie im Krieg heute institutionell Rechnung zu tragen. In dieser Logik liegt die strategische Relevanz des Personalwechsels: Wenn unbemannte Systeme nicht nur als „Waffengattung“ gedacht sind, sondern als Betriebsmodell – mit eigenen Schnittstellen, Trainingspfaden und Entscheidungszyklen – dann beeinflusst der Kommandostil unmittelbar, ob Teams diese Schnittstellen in der Praxis wirklich nutzen können.

Drapatys Ruf liefert dafür ein anschauliches Bild, das weit über das reine Personalmarketing hinausgeht: Er galt als „The Flying BMP“. Ein virales Video zeigt, wie er 2014 während der zeitweisen Besetzung von Mariupol einen russischen Straßensperrriegel mit einem gepanzerten Fahrzeug durchbricht – eine Szene, die als Meme für Entschlossenheit und „durchgezogen trotz Hindernis“ funktionierte. Karriere-seitig war er bereits lang im Panzer- und Verbandsumfeld, bevor er im November 2024 die Ground Forces übernahm. In dieser Rolle verantwortete er auch die neu gebildete 155th Mechanized Brigade („Anne of Kyiv Brigade“), die als vollständig von einem westlichen Partner ausgebildet und ausgerüstet beschrieben wird. Dass diese Einheit später durch massive Desertionen auffiel, wird nicht dem Austauschprogramm angelastet, sondern auf Rekrutierung und Training in der Ukraine zurückgeführt; Drapatyi soll daraufhin Reformen über das gesamte militärische Umfeld angestoßen haben. Genau dort liegt der technische Kern der Personalie: In modernen Streitkräften ist Ausbildung ein „Pipeline“-Thema – und wenn die Pipeline nicht sauber durchläuft, werden selbst gut ausgerüstete Einheiten im Feld zum Risiko.

Die bisher größte Bewährungsprobe kam später im Jahr: Ein Iskander-Raketenangriff soll ein Trainingsgelände in der Region Dnipropetrowsk getroffen haben, dabei wurden zwölf Soldaten getötet und mehr als 60 verletzt. Laut Darstellung blieb die Erklärung der Ground-Forces-Führung dazu teilweise unzureichend, insbesondere in der Frage, wie viele Personen trotz Schutzmaßnahmen so stark betroffen sein konnten. Drapatyi übernahm Verantwortung, erklärte, seine Anweisungen zum Zerstreuen und Schutz seien nicht umgesetzt worden, und trat zurück. Selenskyj lehnte demnach die Verabschiedung ab und schob ihn innerhalb weniger Tage in ein neu konfiguriertes Joint Forces Command, also in eine andere Struktur. Damit zeigt sich die eigentliche Systemlogik: Führung wird nicht nur entlang „Erfolg ja/nein“ bewertet, sondern entlang der Frage, ob Befehle in der Praxis wirklich ankommen und ob operative Risiken in Trainings- und Schutzprozessen verringert werden. Für KI- und Automatisierungs-nahe Kriegsführung ist das entscheidend, weil die besten Systeme nichts nutzen, wenn die organisatorische Umsetzung – vom Bunker-Management bis zur Lagekommunikation – stockt.

Mit Drapatyi im Zentrum ist zudem klar, dass der Reformstreit nicht nur um Namen, sondern um die Zukunft von Entscheidungswegen geht. Der Text ordnet Syrskys weitere Station mit „unsicher“ ein und macht deutlich, dass auch das Schicksal von Fedorov offen bleibt: Fedorov habe angekündigt, nur als Verteidigungsminister zurückkehren zu wollen, und ein anderes Amt im Bereich militärischer Technologie und Modernisierung des Ministeriums abgelehnt. Selenskyj will die Ernennung Drapatys am Mittwoch formal festschreiben, weitere Entscheidungen stünden noch aus. Genau in dieser Übergangsphase wird es für Organisationen, die in der Ukraine bereits auf unbemannte Systeme setzen, darauf ankommen, wie schnell Feedback-Schleifen aufgebaut werden: von der Front über Training und Logistik bis zur digitalen Planung. Drapatys öffentliche Bereitschaft, Misserfolge zu adressieren, könnte dabei helfen, ein Umfeld zu schaffen, in dem neue Einsatzmuster schneller getestet und in der gesamten Struktur verankert werden – statt in Konflikten zwischen Gremien zu stecken.

Für die kommenden Wochen deutet die Gemengelage auf eine pragmatische Strategie hin: die Anerkennung dessen, was in der Verteidigung funktioniert, mit der gleichzeitigen Umstellung auf moderne, technologiegetriebene Abläufe. Die Proteste hatten zwar konkrete Namen im Fokus, aber der Kern bleibt derselbe wie in jeder technologischen Transformation: Wer entscheidet, wie schnell gelernt wird, entscheidet indirekt über die Wirksamkeit der gesamten „Technologie-Pipeline“. Drapatyi steht dabei nicht nur als neue Person, sondern als Symbolfigur für ein Kommandomodell, das Lernen, Adaption und Verantwortung nach vorn verlagert. Ob das die politische Krise tatsächlich befrieden kann, hängt aber auch davon ab, wie offen die nächste Stufe der Führung die Konflikte zwischen Reformern und Traditionären aufarbeitet – und ob die Modernisierung an der Front in messbarer Geschwindigkeit ankommt.


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