ROME / LONDON (IT BOLTWISE) – Spezialeinheiten trainieren zunehmend Untertage-Kampf, weil moderne Konflikte wie in Gaza und der Ukraine viele Gefechte in Tunnels verlagern. In Italien wird dafür eine Trainingsanlage genutzt, die in den 1930er-Jahren für Mussolinis Regime tief unterirdisch gebaut wurde. Der Standort La Carona bei Fornovo Taro bei Parma verfügt über fünf große Zisternen und ein mehr als 2 km langes Tunnelsystem. Entscheidend ist das Üben unter realitätsnahen Einschränkungen wie Dunkelheit, Funklimit und GPS-Verlust.

Unterirdische Gefechte sind für Spezialeinheiten inzwischen mehr als eine Nischenfähigkeit. Wenn Konflikte sich in vernetzte Tunnelwelten verlagern, verschiebt sich der Schwerpunkt weg von freier Geländeorientierung hin zu Navigation, Taktik und Kommunikation in einem Raum, der die Sinne systematisch austrickst: wenig Sicht, begrenzter Funk, keine stabile Ortung. In genau diese Lücke zielt die Trainingsanlage La Carona bei Fornovo Taro nahe Parma in Norditalien, die nach einer Wiedereröffnung erneut als Übungsort für teams aus mehreren Ländern genutzt wird. Die Basis dafür ist ungewöhnlich genug, um gleichzeitig technisch plausibel zu sein: Es handelt sich um ein System aus fünf großen, trommelförmigen Zisternen, das tief im Boden liegt und ursprünglich dem Bombenschutz dienen sollte.
Die Anlage geht auf den Bau in den 1930er-Jahren zurück, als sie von der damaligen Regierung Italiens für den militärischen Kontext errichtet wurde. Heute beschreiben Betreiber die Anlage als eine Verkettung aus massiven Tanks, die über lange Passagewege miteinander verbunden sind. Laut den Angaben im Bericht messen die zylindrischen Behälter etwa 20 Meter im Durchmesser und rund sieben Meter in der Höhe; ihre Struktur wird von Betonstützen getragen. Zwischen den Zisternen existieren Tunnel, die ursprünglich der Zuführung bzw. Verteilung von Flugbenzin dienten. Ergänzend soll ein weiterer etwa 1 km langer Tunnel Treibstoff zu einem nahegelegenen Bahnhof geführt haben – ein Detail, das die Tiefe und Infrastruktur-Anmutung der Anlage erklärt, auch wenn es im heutigen Training vor allem um die Geometrie und die Betriebsbedingungen geht.
Was La Carona für Tunnelkampf-Training besonders macht, ist die bewusste Reproduktion der Bedingungen, unter denen moderne Einheiten operieren müssen. Der Trainingsmodus umfasst dem Bericht zufolge Simulationen von Gefechten im Inneren der Tunnels, während die Umgebung typische Einschränkungen real nachbildet: Dunkelheit, eingeschränkte Funknutzung sowie das vollständige Wegfallen von GPS. Diese Kombination ist nicht nur für die Wahrnehmung wichtig, sondern verändert die Einsatzlogik. Ohne GPS müssen Teams ihre Orientierung über andere Signale und Kartenmodelle aufbauen, während die Geräuschkulisse und die Rauchentwicklung die Führung und Kommunikation erschweren. Ein Kontrollraum ermöglicht dabei das Erzeugen von Geräuschen einschließlich der Geräusche von Explosionen, außerdem können Rauch sowie Beleuchtung eingesetzt werden, um Sichtachsen und Bewegungslinien taktisch zu steuern. Damit wird Training von einem reinen „Bewegen im Tunnel“ zu einem echten Üben von Ablaufketten unter Unsicherheit.
Der Betreiber nennt als Schlüsselkompetenz das Erlernen, unterirdische Räume zu kartieren – eine Fähigkeit, die unmittelbar mit moderner Einsatzplanung zusammenhängt. In der Praxis bedeutet das: Teams müssen nicht nur einen bekannten Korridor durchqueren, sondern auch die räumliche Struktur erfassen, damit Routen, Engstellen und Deckungsmöglichkeiten später rekonstruierbar sind. Genau deshalb erwähnt der Bericht auch, dass im Trainingsbetrieb neben Robotern in Form von Hund-ähnlichen Plattformen und echten Hunden zusätzlich Drohnen eingesetzt werden können, die ohne GPS funktionieren. Der Punkt dahinter ist methodisch: Wenn Ortung und Navigation nicht zuverlässig sind, gewinnen „lokale“ Verfahren – etwa das Ableiten von Positionen aus Bewegung, Umgebung und Sensorfusion – an Bedeutung. Solche Szenarien lassen sich in einem echten Tunnelkomplex wesentlich besser üben als in einem offenen Übungsfeld, weil dort die Raumwirkung und die Störgrößen anders ausfallen.
Auch historisch ist die Anlage interessant, weil ihr Nutzen über mehrere Jahrzehnte hinweg begründet war. Nach der Resistenzphase im Zweiten Weltkrieg, in der die Zisternen 150 Bombenangriffe der Alliierten überstanden haben sollen, wurden sie weiterhin von der italienischen Luftwaffe genutzt, um Flugbenzin zu lagern. Erst 2000 soll der Standort aufgegeben und das darin befindliche Treibstoffmaterial abgelassen worden sein. Dass die Anlage erst 2020 von ihren aktuellen Eigentümern gekauft und für Training wiedereröffnet wurde, passt in die größere Entwicklung der Sicherheits- und Verteidigungsplanung: Tunnelkampf rückt dann stärker in den Fokus, wenn Einsätze zeigen, dass Untertage-Infrastrukturen nicht nur „dazwischengeschaltete Orte“, sondern ganze Operationsräume sind. In dem Bericht wird zudem der Bezug zu aktuellen Konfliktlagen hergestellt: Die Gefechte im Zusammenhang mit der sogenannten „Gaza Metro“ sowie die unterirdische Verteidigung im Umfeld der Industrieanlagen in Mariupol zeigen, warum Untertage-Training als Fähigkeit systematisch nachgefragt wird.
Auf der Markt- und Beschaffungsseite wirkt La Carona wie ein Beispiel dafür, wie schnell militärische Bedarfe in Trainingsinfrastruktur übersetzen. Der Bericht nennt 17 nationale Kunden, die dort trainiert haben, darunter Einheiten aus Ländern wie Belgien, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, Polen, Griechenland und der Türkei; außerdem seien die US-amerikanischen Green Berets sowie eine spezialisierte italienische Untertage- bzw. Kampf-Einheit der Folgore-Brigade genutzt worden. Besonders relevant für die Organisationsperspektive ist dabei die Betreiberrolle: Die Anlage wird als privat betrieben beschrieben und dient zugleich als „kompakter Trainingsknoten“ für internationale Teams. Für die Beschaffung bedeutet das, dass Einheiten nicht jedes Mal eine eigene Untertage-Übungsinfrastruktur aufbauen müssen. Stattdessen können sie standardisierte Szenarien an einem Ort absolvieren, der die typischen GPS-freien und funkbegrenzten Bedingungen simuliert. Für Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die in den Bereichen Roboterplattformen, Sensorik oder Kartierungsalgorithmen tätig sind, entsteht dadurch auch ein potenzieller Transferkanal: Ergebnisse aus „Mapping in GPS-denied environments“ lassen sich in realitätsnahen Trainingsumgebungen demonstrieren, ohne gleich einen vollständigen Einsatzplan nachzubauen.
Technisch betrachtet bleibt aber eine Herausforderung bestehen: Der Erfolg solcher Trainings hängt nicht nur von der baulichen Tiefe ab, sondern von der Qualität der didaktischen Sequenzen. Wenn Rauch und Soundeffekte verfügbar sind, müssen Trainer vor allem die Progression sauber gestalten – von Orientierung in Teilabschnitten über das koordinierte Vorgehen im Team bis hin zu Szenarien, in denen externe Drohnen oder robotische Plattformen eingesetzt werden. Zudem ist das Erlernen der Kartierung eng mit der Frage verknüpft, welche Daten das Team wie schnell in eine nutzbare Karte übersetzt. Genau hier liegt auch der Unterschied zwischen „Training im Tunnel“ und „Training für Tunnelkampf als System“. Wer die Fähigkeit wirklich skaliert, kann sie später in unterschiedlichen Einsatzräumen wiederverwenden. La Carona liefert dafür ein Setting, das nicht nur eindrucksvoll ist, sondern die zentralen Rahmenbedingungen der Gegenwartskriegsführung konsequent nachbildet.
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