LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Zentralbanken haben ihre Goldkäufe im zweiten Quartal spürbar gesteigert. Weltweit kamen in den drei Monaten bis Ende Juni etwa 289 Tonnen zusammen. Das ist eine deutliche Erholung nach dem schwachen ersten Quartal, in dem nur rund 57 Tonnen gekauft wurden. Am stärksten stockten Polen und Chinas Zentralbank ihre Reserven auf, während Russland im selben Zeitraum Gold abgab.

Die Goldnachfrage der Zentralbanken wirkt derzeit wie ein Gegenpol zu den häufig wechselnden Marktphasen bei Preisen und Risikoappetit. Laut dem Quartalsbericht des World Gold Council (WGC) haben Notenbanken in den drei Monaten bis Ende Juni rund 289 Tonnen Gold gekauft. Gegenüber dem ersten Quartal mit lediglich 57 Tonnen ist das ein deutlicher Sprung, und genau diese Korrektur fällt besonders auf, weil sie nicht nur einzelne Länder betrifft, sondern im Bericht als breiter Trend sichtbar wird. Für Anleger und Treasury-Verantwortliche ist das relevant, weil sich daran das Motiv „Reserven sichern“ in einer Phase ablesen lässt, in der der Goldpreis selbst spürbar schwankte.
Hintergrund für die Preisbewegung liefert die gleiche Datenlage: Zu Beginn des Jahres stieg der Goldpreis stark und erreichte Ende Januar ein Rekordhoch bei 5.595 US-Dollar je Feinunze (etwa 31,1 Gramm). Danach gab der Markt deutlich nach; in den vergangenen Wochen rutschte die Notierung zeitweise sogar unter die 4.000-Dollar-Marke. Seit Ende Juni hält sich der Kurs in einer vergleichsweise engen Spanne um 4.000 US-Dollar je Feinunze. Diese Kombination aus fallendem bzw. konsolidierendem Preis und zugleich steigenden Zentralbankkäufen ist ein klassisches Muster, das Reservenaufbau in Phasen stützen kann, in denen private Nachfrage und marktbasierte Preisimpulse nicht die gleiche Richtung vorgeben.
Technisch betrachtet ist der Mechanismus weniger spektakulär als er für Schlagzeilen klingt: Zentralbanken kaufen Gold in der Regel phasenweise über strategische Allokationsentscheidungen, die sich zwar am Marktpreis orientieren können, aber nicht identisch mit kurzfristigem Trading sind. Im zweiten Quartal identifiziert der Bericht dabei Polen als stärksten Käufer. Die Notenbank stockte ihre Goldreserve um 51 Tonnen auf 632 Tonnen auf. Auch China erhöhte den Bestand: Die Zentralbank legte weitere 33 Tonnen zu und kommt damit auf 2.346 Tonnen. Bemerkenswert ist, dass beide Länder laut Bericht bereits im Jahr 2025 zu den großen Goldkäufern zählten, wodurch der Eindruck entsteht, dass es sich nicht um einen einmaligen Ausschlag, sondern um eine fortgesetzte Reserve-Strategie handeln dürfte.
Während der Aufbau in Teilen Europas und Asiens dominiert, zeigt der Bericht auch, dass Goldkäufe nicht überall gleich laufen. Die russische Notenbank soll sich im zweiten Quartal von einem Teil ihrer Goldreserven getrennt haben. Mit 22 Tonnen war Russland von April bis Juni der größte Verkäufer unter den Zentralbanken. In Deutschland ordnet der WGC-Report ebenfalls die Richtung ein: Die Bundesbank zählt demnach ebenfalls zu den Verkäufern, allerdings fällt das Volumen deutlich kleiner aus – es lag bei etwa einer Tonne und diente der Prägung von Goldmünzen. Für die Betrachtung zählt vor allem die Größenordnung: Deutschlands Goldreserven beliefen sich Ende 2025 auf rund 3.350 Tonnen und sind damit nach den USA die zweitgrößten weltweit.
Abseits der Zentralbanken zeigt der Bericht außerdem, wie sich die Gesamtmarktnachfrage zusammensetzt. Global lag die Nachfrage nach Gold im zweiten Quartal bei 1.269 Tonnen, nur geringfügig um ein Prozent über den ersten drei Monaten. Entscheidend ist die Verschiebung innerhalb der Nachfragequellen: Der stärkste Anstieg entfällt auf Zentralbanken, während die Nachfrage nach Wertpapieren, die mit physischem Gold hinterlegt sind – also ETFs – deutlich zurückgegangen ist. Das ist insofern stimmig, als ETFs oft stärker mit kurzfristigen Kapitalflüssen und Markterwartungen schwanken, während Zentralbanken ihre Käufe eher an Reservepolitiken koppeln. Für die Marktmechanik bedeutet das: Auch wenn der Preis kurzfristig unter Druck gerät, kann physisch hinterlegter Reservesaufbau die strukturelle Nachfrage stabilisieren.
Für Unternehmen und Finanzentscheider zieht die Gemengelage mehrere Konsequenzen nach sich. Erstens unterstreicht der WGC-Befund, dass physischer Goldbezug weiterhin als strategische Absicherung wirkt, nicht nur als kurzfristige Spekulation. Zweitens lohnt es, die Rolle von Zentralbankverkäufen genauer zu beobachten: Russland und in kleinerem Umfang auch Deutschland signalisieren, dass die Reserveprozesse nicht in jedem Quartal „nur kaufen“ sind, sondern selektiv. Drittens verschiebt der Rückgang bei goldgedeckten Wertpapieren die Aufmerksamkeit auf die Frage, wie sich unterschiedliche Nachfragesegmente – Reservekäufe, Schmuck- und Industrieanwendungen sowie ETFs – über die Zeit ergänzen oder gegeneinander arbeiten. Dass der Goldpreis nach dem Rekord im Januar in eine Konsolidierung überging, während der Reserveaufbau zugleich an Tempo gewinnt, ist daher weniger Widerspruch als Hinweis auf eine mehrschichtige Marktstruktur.
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