MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Naturkatastrophen verursachten nach Angaben der Munich Re rund 112 Milliarden US-Dollar Schäden, aber nur 44 Milliarden US-Dollar waren versichert. Das führt zu einer spürbaren Lücke zwischen wirtschaftlichen Verlusten und Risikodeckung. Für die zweite Jahreshälfte erwartet der Rückversicherer ein El-Niño-Phänomen mit erhöhten Temperaturen und potenziell mehr Wetterextremen. Besonders in Australien, Mittelamerika und Teilen Afrikas rückt damit das Risiko von Trockenheit und Waldbränden stärker in den Fokus.

Munich Re warnt vor El Niño: Naturkatastrophen-Schäden bleiben hoch
Munich Re warnt vor El Niño: Naturkatastrophen-Schäden bleiben hoch (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Meldung wirkt auf den ersten Blick wie eine Momentaufnahme an der Schadenstatistik: Für Naturkatastrophen beziffert die Munich Re die Gesamtschäden auf etwa 112 Milliarden US-Dollar, während lediglich 44 Milliarden US-Dollar versichert waren. Damit liegen die Schäden nur leicht unter dem Zehnjahres- und deutlich unter dem Fünfjahresdurchschnitt. Genau diese Differenz ist für Versicherer und Rückversicherer strategisch relevant, weil sich daraus ablesen lässt, wie gut Prämien, Rückversicherungsschutz und Kapitalpuffer im Mittel zur aktuellen Schadenhöhe passen – und wo die Deckungslücke vermutlich weiter bestehen bleibt.

Technisch betrachtet ist El Niño weniger ein einzelnes Ereignis als eine großskalige Störung im Klimasystem, die sich über Monate auf Wetterlagen in verschiedenen Weltregionen auswirkt. Laut Munich Re dürfte die zweite Jahreshälfte besonders durch das Wetterphänomen geprägt werden, das meist höhere Temperaturen mit sich bringt und Wetterextreme in vielen Regionen verstärkt. Der Chefklimatologe Tobias Grimm ordnet das Risiko als „gefährliche Mischung“ ein: Neben der fortschreitenden Erderwärmung steuere die Welt laut Mitteilung zusätzlich auf einen Super-El-Niño zu, der die Aufheizung weiter verstärken könne. Solche Kontextdaten sind für die Planung der Risikoexponierung wichtig, weil sie die Annahmen für Modellierung, Aggregatrisiken und die Kalibrierung von Katastrophenmodellen beeinflussen.

Aus Risiko- und Marktperspektive zeigt der Bericht auch, wie heterogen die Verteilung der Schäden über Ereignistypen und Regionen ist. Als größter Schadentreiber werden in der ersten Schadensperiode schwere Gewitter in den USA genannt: Von 30 Milliarden US-Dollar Gewitterschäden waren 22 Milliarden versichert. Dazu kamen eine Serie schwerer Tornados sowie Winterstürme; in Nordamerika summieren sich die Gesamtschäden auf 47 Milliarden US-Dollar, wobei die Versicherer 34 Milliarden US-Dollar tragen mussten. Damit wird sichtbar, dass die versicherte Quote dort besonders hoch ausfallen kann, wo Ereignisse häufig genug auftreten, um in lokalen Tarifierungen und Police-Strukturen ohnehin stark abzubilden zu sein.

Daneben sticht die Wirkung von „Kaskaden“ zwischen Naturereignissen hervor, etwa bei geophysikalischen Schocks. Für das Doppel-Erdbeben in Venezuela Ende Juni nennt die Munich Re Gesamtschäden von 30 Milliarden US-Dollar; versichert waren aber weniger als 1 Milliarde US-Dollar. In Europa wiederum standen schwere Winterstürme im Mittelpunkt, darunter der Sturm „Kristin“, der rund 7,7 Milliarden US-Dollar Gesamtschäden vor allem auf der Iberischen Halbinsel verursacht haben soll; davon waren 1,8 Milliarden US-Dollar versichert. Diese Muster lassen sich auch als Hinweis lesen, dass Verfügbarkeit und Reichweite von Versicherungsprodukten sowie lokale Risikostreuung nicht überall gleich ausgeprägt sind – und dass Rückversicherer deshalb zunehmend darauf achten, wie Ereignisse in unterschiedlichen Märkten zusammen mit dem dortigen Deckungsgrad „durchschlagen“.

Für den Technologie- und Betriebsalltag in der Rückversicherung ist besonders interessant, wie sich El Niño auf konkrete Schadenmechanismen übersetzen kann. Laut Munich Re drohen durch das Phänomen in Australien, Mittelamerika und im Südwesten Afrikas typischerweise vermehrte Trockenheit und Waldbrände. Im Westen Südamerikas, Teilen Brasiliens und auch im Südwesten der USA seien dagegen starke Niederschläge mit Sturzfluten möglich. Im Nordatlantik dämpfe El Niño zwar die Hurrikansaison, zugleich führe es aber zu höherer Taifun-Aktivität im gesamten Nordpazifik, einschließlich des Nordwestpazifiks – also Regionen, in denen die Schadenlogik stärker über andere meteorologische Pfade läuft. Für Modellierungsteams heißt das: Es reicht nicht, nur die Intensität einzelner Ereignisse zu betrachten; entscheidend sind Verschiebungen in Eintrittswahrscheinlichkeiten, saisonalen Fenstern und regionalen Korrelationen.

Auch die regionale Schadenkonstellation unterstreicht, warum die zweite Jahreshälfte für die Branche kein bloßer „Wetterausblick“ ist. In der Region Asien/Pazifik beziffert die Munich Re die Gesamtschäden auf 8,7 Milliarden US-Dollar, wovon gut 1 Milliarde US-Dollar versichert waren; die größten Gesamtschäden fielen demnach in China an, wo starke Überschwemmungen gemeldet wurden. Australien zeigt wiederum, wie sich versicherte Anteile bei bestimmten Gefahrentypen unterscheiden: Von 1 Milliarde US-Dollar Schäden, die durch Buschbrände verursacht wurden, waren zwei Drittel versichert. Für Entscheider bedeutet das konkret, dass Risikomanagement und Underwriting nicht nur auf absolute Schadenhöhen schauen sollten, sondern auf die Frage, wie viel davon überhaupt in den Versicherungs-/Rückversicherungsportfolios ankommt.

Für die Aufstellung der Branche folgt daraus eine klare Priorität: Kapazitäten und Preislogik müssen zur erwarteten Mischung passen – also zu einer Phase, in der El Niño in Kombination mit Wärmeentwicklung die Wahrscheinlichkeit bestimmter Extremereignisse erhöhen kann. Gleichzeitig bleibt die Atempause im Vergleich zu längerfristigen Durchschnitten trügerisch, weil einzelne Ereignisse wie schwere Gewitter, Tornados oder Winterstürme schnell den Gesamtrahmen drehen können. Die Zahlen der Munich Re liefern dafür eine belastbare Basis für interne Simulationen: Welche Ereignistypen dominieren, wie hoch ist jeweils die versicherte Quote, und wie verändern sich Korrelationen zwischen Wetterlagen über Regionen hinweg? Genau diese Fragen werden in den nächsten Quartalen darüber entscheiden, wie gut Rückversicherer und Versicherer die Risiken in Prämien, Rückversicherungsstrukturen und Kapitalallokationen abbilden.

Am Ende ist es weniger die einzelne Kennziffer als die Kombination aus Schadenssumme und Deckungslücke, die im Markt Wirkung entfaltet. Wenn Naturkatastrophen zwar in ihrem Gesamtniveau nicht durchgehend „rekordverdächtig“ sind, aber trotzdem nur ein vergleichsweise kleiner Anteil versichert ist, verschiebt sich der volkswirtschaftliche Druck Richtung Selbstbehalt, Wiederaufbau und staatliche Programme. Für Unternehmen, die etwa als Industriekonzerne, Logistiker oder Infrastrukturbetreiber exponiert sind, heißt das: Resilienzplanung wird zugleich eine Frage von Versicherungsketten und von Risikotransparenz. Der Bericht der Munich Re legt damit indirekt nahe, dass technische Prognosequalität, schnelle Schadenbewertung und die Abstimmung von Deckungsgrenzen in der Praxis zusammengehören – gerade, wenn El Niño die Wetterlage in unterschiedlichen Weltregionen unterschiedlich stark anheizt.


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